**Ask me no questions and I tell you no lies.**

Zuallererst muss ich noch sagen, dass diese wunderbare Story leida nich aus meiner Feder stammt...aber da sie mit zu meinen Lieblingen gehört, möchte ich sie hier einfach mal mit reinstellen =)


DON’T YOU WORRY BOUT THE RAINY DAYS



I.

*rums*
Laut schlug die Tür zu meiner Wohnung zu. Es war mal wieder Freitag, das übliche Prozedere begann. Wie jeden Freitag hetzte ich nach der Arbeit nach Hause, packte in aller Eile meine Sachen zusammen und hoffte, ohne großen Stau nach Hause zu meinen Eltern zu kommen. Es waren nur 90km, aber mein Rekord für diese kurze Strecke lag bei knapp 5 Stunden. Tja, das kommt halt davon, wenn man unbedingt in den Ruhrpott ziehen muss, um zu studieren. Freie Autobahnen gibt’s hier nicht. Wie immer hatte ich eigentlich keine große Lust nach Hause zu fahren, aber was wollte ich machen? Hm, mir endlich eine Waschmaschine kaufen, das wäre die Lösung. Mir war es immer schon peinlich, am Wochenende bei meinen Eltern anzutanzen, um meine Wäsche zu waschen. Nur leider war mein Kontostand anscheinend dagegen, Geld für eine Waschmaschine zu opfern, also hatte ich keine wirkliche Wahl.

Etwas hatte sich allerdings geändert… Vor ein paar Wochen waren meine Eltern auf dem Weg in den Urlaub schwer mit dem Auto verunglückt und gestorben. Ein LKW-Fahrer hatte nicht aufgepasst und war geradewegs in das Auto meiner Eltern gerast, die im Stau standen. Sie hatten keine Chance, als die Feuerwehr sie aus dem Auto geschnitten hatte, war es schon zu spät. Die letzten Wochen waren also ziemlich turbulent gewesen und ich war froh, dass ich mit der Uni und meinem Nebenjob vollauf beschäftigt war. So hat man wenigstens keine Zeit, viel ins Grübeln zu kommen.

Ärgerlich schob ich diese Gedanken weg und stopfte meine Taschen und den Wäschekorb ins Auto. Heute war schönes Wetter, ich freute mich richtig auf die Autofahrt, dabei kann man so herrlich abschalten. Nach 20km allerdings musste ich meinen kleinen Flitzer schon wieder anhalten…Stau! Als ob ich es nicht geahnt hätte. 8km wurden auf Eins Live gemeldet, erfahrungsgemäß also mal mindestens 10km, die ich vor mir hatte. Man was war ich froh, dass ich endlich einen CD-Player im Auto hatte! Nach einiger Sucherei - ich sollte mein Auto wohl mal wieder aufräumen - fand ich endlich die richtige Musik: „Into“ von The Rasmus. Richtige Gute Laune Musik, schon bei Madness konnte ich es mir nicht verkneifen, lauthals mitzusingen! Der Opi im Auto in der Spur neben mir muss mich wohl für bekloppt gehalten haben, was mir allerdings herzlich egal war. Ich setzte meine Sonnenbrille auf, drehte Madness noch einen Tick lauter und genoss die Sonne. Beim dritten Song hatte ich erst 1km Stau hinter mir und musste bereits inständig hoffen, dass mein Auto nicht zu heiß wurde. Als es endlich ein Stückchen weiterging, wechselte ich auf die andere Spur in der Hoffnung, dass ich dort vielleicht den einen oder anderen Meter gutmachen konnte. So ging’s die nächsten 2-3km weiter, links, rechts, bisschen fluchen, wieder 10 Minuten am Stück rumstehen… Dank meiner netten musikalischen Begleitung behielt ich glücklicherweise meine gute Laune. Nach „Into“ schob ich „Dead Letters“ in den Player und drehte „In the shadows“ so richtig auf. Plötzlich sah ich im Rückspiegel wie der Fahrer in dem Cabrio hinter mir die Hand rausstreckte, Daumen hoch. Anscheinend gefiel ihm meine Musik, ich musste grinsen. Neugierig betrachtete ich das Auto genauer, der neue MX5, Düsseldorfer Kennzeichen, in schwarz, sogar die Frontscheibe war mit schwarzer Folie hinterlegt. Was für ein Idiot, dachte ich noch, wenn der das Verdeck unten hat, kann ihn doch eh jeder sehen. Naja, was solls, ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder der Straße zu denn - oh Wunder - es ging wieder einen Meter vorwärts. Fantastisch, nach 2 ½ Stunden gelangte ich endlich an die Ausfahrt, an der ich rausmusste. Froh, dass ich endlich freie Bahn hatte, gab ich richtig Gas. Erst nach ein paar Minuten fiel mir auf, dass das Cabrio immer noch hinter mir war. So langsam kam es mir schon seltsam vor, der Fahrer hatte im Stau immer genau dann, wenn ich die Spur gewechselt hatte, auch gewechselt, und jetzt fuhr er ziemlich nah hinter mir her. Naja, ich hatte noch 3km bis nach Hause, also machte ich mir keine weiteren Gedanken. Der wird einfach zufällig den gleichen Weg haben wie ich, dachte ich. 2 Minuten später fuhr ich am Ortseingangsschild vorbei. „Welcome Home Tia“, sagte ich zu mir selbst. Kurz bevor ich in „meine“ Straße einbog, winkte ich wagemutig nach hinten und kam mir besonders cool vor. Als das Cabrio mir allerdings dann in meine Straße folgte, wurde mir doch ein wenig flau im Magen. Was, wenn das Polizei in zivil war, die mich wegen der lauten Musik anhalten wollte? Ach was für ein Quatsch, erstens hätten die mich dann schon viel früher angehalten und zweitens fahren Polizisten keinen MX 5! Wer bitte sollte das sonst sein? Ich parkte mein Auto in der Einfahrt, stieg langsam aus und sah rüber zu dem Cabrio. Der Fahrer parkte in der Parkbucht, hatte den Motor ausgemacht und war gerade dabei, das Verdeck zu schließen. Hm, wer weiß, vielleicht ein Bekannter von meinen Nachbarn, wahrscheinlich hab ich mir nur eingebildet, dass der Typ mir gefolgt ist. Also kramte ich meinen Schlüssel raus und brachte erst mal 2 Taschen ins Wohnzimmer. Seltsames Gefühl, das Haus war so still, alles aufgeräumt, fast schon steril. Den Blumen ging es gut, wahrscheinlich war unsere Putzfrau gestern dagewesen. Der sollte ich wohl mal langsam kündigen… Ich ging zurück zum Auto, um noch meinen Wäschekorb auszuladen, als mir plötzlich jemand auf die Schulter klopfte.

II.

Erschrocken wirbelte ich herum. Vor mir stand so ein kleiner Typ, große Sonnenbrille, schwarze Haare mit viel zu viel Haarspray drin.
Entschuldigung“, sagte er. „Ich wollte dich nicht erschrecken. Ich dachte, du hättest bemerkt, dass ich dir gefolgt bin.“
„Ähm allerdings, ich dachte aber, du willst zu einem meiner Nachbarn oder so…“ Erst jetzt bemerkte ich, dass der Kerl nicht alleine war, bei ihm war noch so n Typ mit komisch rot gefärbten Haaren und Brille. Irgendwie kamen mir die zwei bekannt vor, aber ich stand auf dem Schlauch.
„Nee, wir kennen hier ja niemanden, ich hab noch nicht mal nen Peil, wo wir hier überhaupt sind! Uns ist nur aufgefallen, dass du vorhin im Stau die ganze Zeit unsere Musik gehört hast und alles auswendig konntest. Na und da wir heute nicht wirklich etwas zu tun haben dachten wir, wir gucken uns einfach mal an, wer sich denn da so gut auskennt!“ grinste der Kleine mich an.
„Eure Musik??“ Ich muss wohl ziemlich verwirrt aus der Wäsche geguckt haben, jedenfalls grinsten die beiden Typen sich an. „Ach du *****“, da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. „Lauri? Aki? Nee oder?“ stammelte ich. Die beiden konnten vor Lachen nicht mehr an sich halten.
„Wow, erst fährst du über 2 Stunden vor uns her und kennst jeden Song auswendig, aber erkannt hast du uns nicht. Das sollte uns wohl zu denken geben!“ lachte Lauri. Mal wieder lief ich rot an, wie ich das hasste.
„Naja, ihr müsst zugeben, dass ich ja auch nicht damit rechnen konnte, dass ausgerechnet ihr beiden hinter mir herfahrt!“, rechtfertigte ich mich. „Ähm, wollt ihr nicht reinkommen? Die Omi nebenan bekommt gleich nen Herzkasper vor Neugier“, bat ich die beiden rein. Neugierig betraten sie das Wohnzimmer. „Bittest du immer Fremde in dein Haus?“ fragte Aki grinsenderweise.
Ich lachte und sagte „Hi, ich bin Tia! So, jetzt sind wir uns nicht mehr fremd!“ So langsam beruhigte sich mein Puls auch wieder und ich konnte einigermaßen klar denken.
„Wollt ihr was trinken?“
„Och ja gern, wir sind im Stau fast verdurstet!“ meinte Aki.
„Na dann geh ich mal den Kühlschrank durchsuchen, keine Ahnung ob überhaupt was im Haus ist!“ rief ich auf dem Weg zur Küche. Als ich mit 3 Gläsern eiskalter Cola zurück ins Wohnzimmer kam, schauten mich die 2 fragend an.
„Sorry, außer Cola und Kranenburger ist leider nix mehr da!“ sagte ich entschuldigend.
„Na dann solltest du wohl mal einkaufen gehen! Schließlich wohnst du doch hier, du musst doch für so tolle VIPs wie uns gerüstet sein!“ zwinkerte Aki mich an.
„Haha, Schampus kann ich mir nicht leisten“ lachte ich. „Nee mal im Ernst. Das hier ist das Haus meiner Eltern, ich bin immer nur am Wochenende hier um…ähm…meine Freunde zu besuchen.“ Als ob ich zugeben würde, in meiner Wohnung keine Waschmaschine zu haben…
„Ist es denn dann überhaupt ok, wenn wir hier sind? Oder meinst du, deine Eltern schmeißen uns gleich raus? Immerhin sehen wir nicht gerade aus wie die typischen Schwiegersöhne.“ Lauri sah richtig besorgt aus.
„Keine Sorge, das kann gar nicht passieren.“ erwiderte ich.
Wieder dieser fragende Blick.
„Meine Eltern sind vor ein paar Wochen gestorben, das Haus gehört jetzt mir.“ Um der peinlichen Stille ein Ende zu machen, wechselte ich das Thema. „Wenn ihr das nächste Mal zu Besuch kommt gehe ich vorher einkaufen, versprochen! Aber jetzt will ich erst mal wissen, was ihr hier überhaupt macht! Ich dachte, ihr wärt in Helsinki und würdet an eurem Album arbeiten?“ fragte ich.
Lauri, anscheinend froh, dass er mit der Frage nach meinen Eltern keinen wunden Punkt getroffen hatte, erzählte, dass The Rasmus zwar angefangen hätten, Demos für das neue Album aufzunehmen, dass aber der Vibe im Studio nicht gestimmt hätte. Keiner war wohl mit den bisherigen Ergebnissen zufrieden. Da die Jungs sich immer sehr wohl gefühlt hätten in Deutschland wären sie deshalb jetzt auf der Suche nach einem Studio hier.
„Verstehe. Aber geht das denn überhaupt? Ihr habt doch sicher von der Plattenfirma aus Vorgaben, wann ihr die nächste Scheibe abliefern müsst, oder?“
„Mit denen kommen wir schon klar. Dead Letters war unser 5. Album, und weil wir hier endlich auch erfolgreich sind, werden ja unsere alten Platten nun auch in Deutschland veröffentlicht. So haben die Fans genug Material und können sich hoffentlich ne Weile gedulden“, erklärte Lauri und versuchte dabei besonders seriös auszusehen. Was ein Anblick! „Wir haben uns schon einige Studios angeguckt, in Köln, in Düsseldorf, aber nichts gefällt uns wirklich.“
„Anscheinend sind unsere Ansprüche zu gering, in diesen ganzen Studios gibt es alles, was das Herz begehrt, aber es wirkt immer so steril. Die ganzen goldenen Platten von was-weiß-ich-wem erschlagen einen fast, alles ist so wahnsinnig modern, da fühlen wir uns einfach nicht wohl.“ nörgelte Aki.
„Tja, dann müsst ihr euch wohl euer eigenes Studio bauen!“ grinste ich und verschwand wieder in die Küche, um Nachschub und ein paar Eiswürfel zu holen. Als ich wiederkam tuschelten Aki und Lauri gerade miteinander und hörten abrupt auf, als ich den Raum betrat.
„Was guckt ihr denn so?“ fragte ich verwundert.
„Tia…du sagst doch, dass dein Haus quasi leer steht, und dass du nur am Wochenende da bist. Soll das so bleiben? Hast du dir da schon mal Gedanken gemacht?“ Lauri schaute mich neugierig an.
„Naja, eigentlich wollte ich es verkaufen und mir von dem Geld die Wohnung, die ich jetzt gerade miete, kaufen. Ich versteh nicht ganz, worauf ihr hinaus wollt…“ Heute schien wohl der Tia-steht-auf-dem-Schlauch-Tag zu sein.
„OK“, sagte Lauri, grinste mich an und verzog sich mit seinem Handy kommentarlos auf die Terrasse.

III.

„Das muss ich jetzt nicht verstehen, oder?“ fragte ich Aki und ließ mich wieder auf die Couch fallen.
„Lass ihn mal machen“, meinte der nur. „Wie wär’s, wenn wir gleich mal einkaufen gehen? Ich glaube, wir bleiben dir heute noch ne Weile erhalten und noch ne Cola bring ich nicht runter!“.
„Können wir machen, aber vorher klärt ihr mich auf, was hier gerade abgeht! Sonst gibt’s gar nix mehr!“ murrte ich und schielte raus zu Lauri, der wild gestikulierend in sein Handy sprach.
Nach 2 Minuten kam Lauri wieder rein und bat mich, dem Taxifahrer am Telefon den Weg zu mir zu erklären. Total baff nahm ich den Hörer und beschrieb dem Fahrer den Weg. Fragend schaute ich erst Aki, dann Lauri an. „Hallo? Infos bitte!!“
Lauri grinste schelmisch und meinte „Ich glaube, wir sollten dem Rest von uns dein Haus auch mal zeigen, bevor wir den Kaufvertrag unterschreiben!“
Hätte ich nicht schon gesessen, wäre ich sicher vor Überraschung umgefallen. Ich konnte nicht glauben, was ich da gehört hatte. Seit Wochen überlegte ich, wie ich das Haus am besten verkaufen sollte und nun hatte ich Käufer gefunden, nur weil ich im Auto gerne mitsinge. Unglaublich!
„Nun guck nicht so überrascht, heute ist dein Glückstag!“ rief Aki lachend.
„Sorry, das muss ich erst mal verdauen. Wie stellt ihr euch das denn vor? Außer dem Wohnzimmer habt ihr doch noch gar nichts gesehen! Und wo soll hier das Studio hin und…“
„Hey, nicht so flott Tia! Ich würde sagen, du zeigst uns einfach mal alles, dann warten wir auf die anderen und reden dann noch mal drüber. Aki und ich waren uns sofort einig, dass das hier der richtige Ort sein könnte.“ beruhigte Lauri mich und zog mich hoch von der Couch.
„Moment mal Jungs…gebt mir ne Sekunde zum Luft holen! Wir gehen jetzt erst mal einkaufen und dann machen wir die Führung. Dann sind die anderen auch da.“

Eine halbe Stunde später waren wir vom Supermarkt zurück, den Kofferraum voll mit Bier und sonstigem Hochprozentigen, Tiefkühlpizzen für eine ganze Kompanie und allem anderen ungesunden Kram, den man so kaufen kann. Gerade als ich alles verstaut hatte, klingelte es. Eero und Pauli waren da. Die Jungs begrüßten sich und auch mir gaben Eero und Pauli sofort das Gefühl, dazu zu gehören. Lauri wiederholte noch mal kurz, wie wir uns kennengelernt hatten und schon schob er mich vor sich her, neugierig, das ganze Haus zu sehen. Als erstes führte ich sie in mein altes Kinderzimmer, direkt unterm Dach. Ich hatte völlig vergessen, dass dort noch die Wände voller Bon Jovi Poster hingen, seit meinem Auszug hatte ich nichts dort verändert. Nachdem sich die Jungs von diesem „Schock“ erholt hatten waren sie sich schnell einig, dass dies der falsche Raum wäre, um ein Studio zu bauen. „Viel zu heiß hier oben, das hält man ja im Sommer nicht aus“ meinte Eero. „Na frag mich mal, ich habs hier 18 Jahre lang ausgehalten!“ grinste ich. Als nächstes ging es in den Keller. Ich öffnete die Tür und entschuldigte mich gerade für das herrschende Chaos als mir auffiel, dass die Jungs alle noch in der Tür stehen geblieben waren.
„Alles ok bei euch?“ fragte ich. „Hallo? Jemand zu Hause? Habt ihr die Sprache verloren?“
„DAS IST ES“, rief Eero! „Der Raum ist perfekt, super geschnitten, kühl, genial! Tia, die Sache ist geritzt!“ Die anderen stimmten ebenfalls mit ein und waren völlig begeistert. Irgendwie schaffte ich es doch noch, sie aus dem Keller wieder nach oben zu befördern und ihnen den Rest des Hauses zu zeigen. Das alte Schlafzimmer meiner Eltern, Keller Nummer 2 und die Etage, in der meine Oma mal gelebt hatte.
„Hier sieht es ja immer noch aus, als würde jemand hier wohnen. Sogar noch ne angekokelte Zigarette…hast du den Teil hier untervermietet Tia?“ fragte Aki.
„Nein, nach dem Tod meiner Oma hat meine Mutter hier nichts angerührt. Es ist alles noch so wie vor acht Jahren. Sie hat es einfach nicht übers Herz gebracht, irgendwas zu ändern.“ erklärte ich.
Lauri schaute mich mitfühlend an und wechselte einen Blick mit den anderen.
„Hörmal, Tia… Ich glaube, wir haben dich hier ziemlich überrumpelt. Vielleicht lassen wir das mit dem Studio lieber. Das mit deinen Eltern ist noch nicht soo lange her und wenn wir uns jetzt hier einnisten würden, hieße das, das quasi alles verändert würde. Vielleicht sollten wir uns einfach etwas anderes suchen und wenn du bereit bist, dann können wir das immer noch in Angriff nehmen.“
Ich schaute ihn verwirrt an. Ich hatte doch gesagt, dass ich das Haus verkaufen will, also sollte ihnen doch klar sein, dass ich auch dazu bereit war, den ganzen Kram hier zu entsorgen oder was auch immer.
„Mach dir mal keinen Kopf“ erwiderte ich patzig, „ich bin froh, wenn ich den ganzen Mist hier los bin“.
Entsetzt schauten mich The Rasmus an. „Tia“ setzte Aki an, aber ich lief schon die Treppe runter ins Wohnzimmer. Keine Ahnung, was mich da gerade geritten hatte, eigentlich wollte ich Lauri nicht so ankeifen, er hatte ja keine Ahnung, was in mir vorging…wie froh ich war einen Grund zu haben, so richtig mit meiner Vergangenheit aufzuräumen.

IV.

„Alles ok bei dir?“
Nacheinander kamen die 4 Jungs ins Wohnzimmer.
„Ja, schon gut. Tut mir leid, ich hab mich da wohl gerade etwas im Ton vergriffen. Ich reagiere noch ein bisschen empfindlich auf…“
„Sorry, ich dachte nur, also… ich hätte dich nicht drauf ansprechen sollen. Tut mir leid“. Zärtlich strich Lauri mir über die Wange. Ich konnte nichts dafür, aber plötzlich konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Die Tränen liefen und Lauri nahm mich in den Arm. Das tat so unbeschreiblich gut, endlich war jemand da, der sich um mich kümmerte, der mir nicht das Gefühl gab, dass ich ihm egal war.
Was machte ich hier eigentlich? Ich kannte die Jungs gar nicht richtig und heulte hier vor ihnen rum. Also riss ich mich zusammen und löste mich aus Lauris Umarmung.
„Jungs, kann mir einer von euch ein Bier bringen?“ bat ich. „Tut mir leid, aber jetzt hab ich mich wieder im Griff“.
Pauli verteilte eine Runde Bier und nachdem wir angestoßen hatten, wechselte ich wieder das Thema.
„Also? Wie viel Millionen bietet ihr mir für mein Haus?“ fragte ich grinsend.
„Wow, na so Stimmungsschwankungen können auch nur Mädels haben!“ stichelte Aki. Lachend bewarf ich ihn mit dem Flaschenöffner.
„Au!“
„Pah, Weichei!“
„Kinders, jetzt lasst uns mal zum geschäftlichen kommen!“ warf Eero lachend ein.
„Ok, jetzt mal ehrlich. Wie stellt ihr euch das vor?“ fragte ich.
„Keine Ahnung, ich hab noch nie ein Haus gekauft“ murmelte Lauri.
„Ich hatte eigentlich vor, einen Makler zu beauftragen, das muss ja alles geschätzt werden hier. Und dann muss ich ja noch eine Lösung finden, was mit den ganzen Möbeln passiert und die ganzen persönlichen Sachen… Das bekomm ich niemals alles in meiner Wohnung unter, ich hab ja nur 60m².“ Plötzlich wurde mir richtig bewusst, was es überhaupt hieß, das hier alles aufzugeben. Der ganze Papierkram, Versicherungen, Steuern… davon hatte ich überhaupt keine Ahnung. Sowas übernahm immer meine Mutter. Mir wurde klar, dass ich völlig auf mich allein gestellt war, diese Tatsache hatte ich die Wochen über erfolgreich verdrängt. Ich merkte, wie wieder Tränen in mir aufstiegen, ich war völlig überfordert. Diesmal riss ich mich allerdings zusammen. Lauri hielt meine Hand, ihm war wohl aufgefallen, was in mir vorging. Ich sah ihn dankbar an und stellte fest, was für wunderschöne grüne Augen er hatte.
„Tia? Träumst du? Wie viel Quadratmeter hat denn dein Grundstück?“ Eero riss mich abrupt aus meinen Gedanken.
„Das muss ich nachgucken, ich weiß es nicht… Hört mal, was haltet ihr davon, wenn ich mich morgen um einen Makler kümmer und auch alle anderen Sachen rauskrame? Meine Ma hat immer alles abgeheftet. Heute Abend können wir das eh nicht über die Bühne bringen.“
„Klar, wir haben ja Zeit. Gut, Themawechsel! Wer hat Hunger?“ rief Eero in die Runde.
Einstimmig begaben wir uns in die Küche und schon brach eine heftige Diskussion um die diversen Tiefkühlpizzen aus. Lachend zog ich Lauri mit mir nach nebenan. „Komm, wir suchen schon mal Besteck und Teller zusammen, lass die anderen mal schön diskutieren!“
Ich durchwühlte den Schrank nach unserem Pizzaroller. Als ich ihn gefunden hatte, drehte ich mich um und stieß beinahe mit Lauri zusammen.
„Du, Tia… jetzt mal ernsthaft. Ist das auch wirklich alles ok? Ich mein, wir haben dich wirklich überfallen mit unserem Plan, und wie das alles ablaufen soll…das gibt bestimmt nen Megastress. Ich hab das Gefühl, dass wir beide ziemlich auf einer Wellenlänge liegen, du würdest mir doch sagen, wenn dir das alles zuviel ist, oder?“ Ich versank wieder in seinen herrlich tiefen Augen, plötzlich musste ich ihn einfach umarmen.
„Versprochen Lauri, wenn mir irgendwas nicht passt, sag ich’s dir. Ehrlich, ich kann mir nichts besseres vorstellen, als das Haus an euch abzugeben. Nur eins musst du mir versprechen…“
„Was denn?“
„Ihr dürft die Waschküche nicht ausräumen! Ich hab nämlich in Duisburg keine Waschmaschine…“ Wieder wurde ich rot, aber wir mussten beide loslachen.
„Kleene, ich versprechs dir! Aber ich schenk dir sobald wie möglich deine eigene Waschmaschine“ Lauri konnte sich sein Grinsen nicht verkneifen und ich stubste ihn sanft in die Seite.
„Dann hätte ich aber keinen Grund mehr, hier auf der Matte zu stehen!“ zwinkerte ich ihm zu.
„Ach, du wirst eh nen Hausschlüssel haben und bist hier immer willkommen!“
„Na dann wäre ja jetzt alles geklärt!“. Nochmal drückte ich ihn ganz fest. „Ach so, fast alles!! Nenn mich jaaa nie wieder Kleene! Ich bin nur höchstens 1cm kleiner als du!“
„Ok Kleene!“ Erwiderte Lauri.
„Ich stör euch ja nur ungern beim turteln, aber das Essen ist fertig“ unterbrach uns Aki. Lauri und ich hatten gar nicht gemerkt, dass wir immer noch Arm in Arm am Esstisch standen.

V.

Einige Pizzen und noch mehr Flaschen Bier später waren wir alle in guter Stimmung und schon fleißig die neue Einrichtung am Planen. Von Verlegenheit zwischen Lauri und mir keine Spur mehr. Die Fliesen im Keller müssten raus, die Schlafzimmer neu gemacht werden. In meinem alten Zimmer sollte eine Wand eingezogen werden, damit letztendlich jeder der Jungs sein eigenes Zimmer hätte. Überhaupt sollte alles renoviert und im Rasmus - Style neu gestaltet werden. Eero malte alles genau auf, die Grundrisse, die geplante Einrichtung. Das würde eine Menge Arbeit für die Jungs werden, dachte ich schadenfroh.
„Seid ihr eigentlich in der Lage, das alles auch umzusetzen? Immerhin seid ihr Musiker und keine Heimwerker“ warf ich in den Raum.
„Kloar, das bekommen wir locker hin!“ prahlte Aki. Nachdem Eero dann allerdings aufgezählt hatte, was alles auf sie zukommen würde, wurde er richtig kleinlaut.
„Naja, vielleicht brauchen wir doch ein bisschen professionelle Hilfe“, gab Aki schließlich zu. „Lasst uns doch morgen weiterplanen, ich hab jetzt Bock auf ne kleine Jamsession, wer noch?“
„Na da brauchst du nicht 2 mal fragen“ warfen die Jungs ein.
„Ohne Instrumente? Na ihr müsst ja super Musiker sein“ lachte ich.
„Wieso? Im Schlafzimmer deiner Eltern steht doch ne Gitarre! Dürfen wir die nicht benutzen?“ fragte Lauri.
“Ähm doch, klar. Aber da hat seit bestimmt 30 Jahren keiner mehr drauf gespielt, die funktioniert bestimmt nicht mehr“ warf ich ein.
Prustend vor Lachen lief Eero ins Schlafzimmer und kam kurz darauf mit der Gitarre zurück. „Mag ja sein, dass wir keine Handwerker sind, aber ne Gitarre kann ich noch so gerade stimmen“, grinste er mich an.
Ein paar Minuten später klang die Gitarre wieder wie neu. „Irgendwelche Songwünsche Kleene?“ fragte Lauri und zwinkerte mich spitzbübisch an. Ich warf mit einem Sofakissen nach ihm, doch er wich geschickt aus. Naja, werfen bzw. treffen war noch nie meine Stärke gewesen. „Spielt mir doch mal was von den neuen Sachen vor!“ schlug ich vor. „Nee, das ist doch alles noch geheim! Musst dich schon mit dem alten Kram begnügen, Kleene!“ Wieder warf ich ein Kissen Richtung Lauri, wieder daneben… „Na guuut…“ meinte ich und tat so, als würde ich schmollen. „Welcher ist denn dein Lieblingssong? Könnten wir ja so als kleines Dankeschön für dich spielen…“ fragte Aki. „Na ratet mal! Bin gespannt, ob ihr drauf kommt!“ Die Jungs grübelten einen Moment, Aki schlug <> vor, Eero war für <> und Pauli für <>. Nur Lauri hielt sich noch zurück. „Ey, haltet ihr mich etwa für den Schnulzentyp?“ fragte ich grimmig. „Lauri, was denkst du?“. Lauri sah mich nachdenklich an, fast schon einen Moment zu lange. Schließlich sagte er „Time to burn, richtig?“ „Wieso gerade der?“ fragte ich zurück. „Naja, den hast du im Stau 3 Mal gehört! Als du Dead Letters angeschmissen hast direkt als erstes, dann noch mal und nachdem die CD durch war, ein drittes Mal. Und du hast nicht die ganze Zeit mitgesungen, sondern warst ziemlich nachdenklich. Mach ich mich hier gerade zum Affen oder lieg ich richtig?“ „Nein nein, war schon richtig! Dann leg mal los!“. Diesmal war ich es, die ihn nachdenklich ansah. Woher wusste er das? Intuition? Seelenverwandtschaft? Seltsam, wir kannten uns erst ein paar Stunden und schon fühlte ich mich irgendwie mit ihm verbunden. Lauri erriet meine Gedanken, um die entstandene Stille zu unterbrechen, begann er den Takt zu zählen und sang Time to burn.

The fear after dark
Tears me apart
Won’t leave me alone
And time keeps running out

Just one more life
I’m so sick and tired
Of singing the blues
I should turn my life around

Während er sang warf Lauri mir verstohlene Blicke zu, ich war nicht in der Lage, sie richtig zu deuten. Wie oft hatte ich diesen Song nun schon gehört? Wie oft hatte ich ihn lauthals mitgesungen? Wie oft hatte ich einfach nur am Fenster gesessen, war meinen Gedanken nachgehangen und hatte den Refrain vor mich hingemurmelt?

Tell me why do I feel this way?
All my life I’ve been standing on the borderline
Too many bridges burned
Too many lies I’ve heard

Ich merkte, wie mir wieder Tränen aufstiegen. Aber ich wollte nicht als die Heulsuse abgestempelt werden, also unterbrach ich Lauri mitten beim Chorus. „Sorry, der Song zieht mich heute zu sehr runter. Spielt Madness oder sonst irgendwas schnelles, damit hier wieder Stimmung in die Bude kommt“ befahl ich wohl etwas zu enthusiastisch. „Bitte,“ fügte ich etwas kleinlauter hinzu. „okay, one-two-three-four“ zählte Lauri wieder und legte mit Madness los. Ein paar Songs später (und noch 2 weiteren Flaschen Bier) ließ ich mich sogar dazu mitreißen, mit The Rasmus mitzugrölen. Gott sei Dank war in diesem Moment keine Musikkritiker anwesend, einen Plattendeal hätten die Jungs in dieser Verfassung sicher nicht bekommen! Aber was solls, der Spaß war alles, was zählte! Und davon hatten wir reichlich!
Gegen halb 3 Uhr konnte ich mir ein herzhaftes Gähnen allerdings nicht mehr verkneifen. „Jungs, ich bin fix und alle. Wie schauts bei euch aus?“ fragte ich in die Runde. Eero druckste etwas herum und meinte dann „ich könnte auch ne Runde schlaf vertragen. Meinst du, wir können heute Nacht hier bleiben?“
„Ja klar, davon bin ich ausgegangen! Kann mir nicht vorstellen, dass ihr jetzt noch ins Hotel fahren wollt, oder?“
„Nee, da kann ich mir auch was besseres vorstellen. Danke Tia!“ Fünf Minuten später war dann auch endlich die Diskussion über die Bettenverteilung beendet. Gott sei Dank hatte ich hier soviel Platz! Ich umarmte Eero, Pauli und Aki und wünschte ihnen eine gute Nacht. Als ich mich zu Lauri wandte, wurde mir wieder leicht flau im Magen. Er umarmte mich und drückte mir einen sanften Kuss auf die Stirn. „Schlaf gut Kleene, und träum süß von sauren Gurken!“ flüsterte er und lächelte dabei. „Du auch“, flüsterte ich zurück. Erst im letzten Moment ließ er meine Hand los. Langsam, meinen Gedanken nachhängend, ging ich ins Bett.

Was für ein Tag… Er fing an, wie jeder andere auch und dann so ein Ende. Ich hatte vier neue Freunde gefunden. Es war einer der schönsten Abende in meinem Leben gewesen, so viel Spaß hatte ich lange nicht mehr gehabt. Ich war richtig aus mir rausgegangen, normalerweise brauchte ich eine Ewigkeit, um mit Fremden warm zu werden. Und Lauri… Plötzlich war sie wieder da, diese Angst…

VI.

Diese Angst, dass alles nur ein schlechter Traum war. Wie oft war ich schon enttäuscht und mein Vertrauen missbraucht worden. Den Abend über hatte ich es mir so schön vorgestellt. Ich würde The Rasmus helfen mein Haus zu renovieren, sie besuchen, wenn sie in Deutschland wären, vielleicht sogar bei der Albumproduktion dabei sein. Abends zusammen sitzen, was trinken, einfach nur Spaß haben. Aber wahrscheinlich würden sie irgendwann in den nächsten Tagen den Kaufvertrag unterschreiben, Danke sagen und ich wäre abgeschrieben. So wie immer… „Du wirst hier immer willkommen sein“ hörte ich Lauris Stimme. Ach was, das hat er sicher nur gesagt, damit ich nicht in letzter Minute einen Rückzieher machen würde. Zu oft schon hatte ich mich in etwas hineingesteigert und war bitter enttäuscht worden. Weinend fiel ich irgendwann in einen tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen wurde ich durch lautes Geschirrklirren wach. Es brauchte eine Weile bis ich realisierte, wo ich war und dass ich vor allem nicht alleine war. Verschlafen kletterte ich aus meinem Bett und ging ins Bad. Eine Sekunde lang verspürte ich wieder diese Angst, energisch schob ich die trüben Gedanken beiseite. Fünf Minuten später war ich fertig und folgte dem herrlichen Duft nach frischem Kaffee nach unten. Aki stand bereits in der Küche und durchsuchte meinen Kühlschrank. „Moin Tia“ begrüßte er mich fröhlich und hielt mir eine Tasse Kaffee hin. „Wir hätten gestern anstatt nur an Bier auch mal an Butter und Wurst und so nen Kram denken sollen! Ich verhunger hier gleich!“. „Was bist du auch so ein Frühaufsteher? Selber Schuld!“ neckte ich ihn und nahm einen großen Schluck Kaffee. Tat das gut, endlich wurde ich richtig wach. „Ich lauf grad rüber zum Supermarkt und besorg das nötigste. Sieh du mal zu, dass du die anderen aus dem Bett bekommst!“ „Du bist ein Schatz“ rief Aki mir hinterher. Gut gelaunt und mit knurrendem Magen lief ich los.

Als ich wiederkam, saßen Aki, Eero und Pauli schon am Frühstückstisch und rissen mir beinahe die Brötchen aus der Hand. „Bier macht verdammt hungrig!“ grinste Eero mich an. „Na ihr habt ja gute Laune, also geh ich ma davon aus, dass ihr gut geschlafen habt?“ „Jepp, so gut wie lange nicht mehr“ schallte es zurück. Suchend sah ich mich nach Lauri um. „Der braucht noch n paar Minuten, bis Lauri mal sein Make up fertig hat, sind wir längst mit dem Renovieren fertig!“ Eero hatte wohl meine Gedanken erraten. Lachend ging ich zurück zur Küche, um noch eine Kanne Kaffee aufzuschütten. Als ich mich umdrehte, stand Lauri in der Tür. Fast hätte ich ihn umgerannt, so nah stand er bei mir. „Guten Morgen“, stammelte ich. Verdammt, warum war ich auf einmal so nervös? „Hey Kleene, ausgeschlafen?“ er umarmte mich kurz. Diese wunderschönen Augen… „Jupp, habe schön brav von sauren Gurken geträumt, so wie du es mir empfohlen hast!“. Oh man, was rede ich denn da für einen Blödsinn? Instinktiv schüttelte ich den Kopf. Lauri zog eine Augenbraue hoch und sah mich fragend an. „Ach nichts, musste nur grad an was denken“, wich ich ihm aus. „Frühstück?“ Hungrig folgte er mir zu den anderen ins Esszimmer.
Nachdem wir alle erst mal den gröbsten Hunger gestillt hatten (Bier macht tatsächlich hungrig!), fingen die Jungs schon wieder fröhlich an, die Renovierung zu planen. „Tja, ich mach mich dann wohl mal bei nem Makler schlau, ok? Und ihr fahrt in den Baumarkt?“ fragte ich. „Naja, ähm…den müsstest du uns schon zeigen, wir befinden uns doch hier im Niemandsland“ grinste Aki. „Geht klar. Autos tauschen sollten wir vielleicht auch. Ich hab zwar nur nen Corsa, aber in den geht mal mindestens doppelt so viel rein wie in euere kleine Nuckelpinne!“ schlug ich vor. Gesagt getan, ich beschrieb Pauli - der angeblich den besten Orientierungssinn hatte - genauestens den Weg zum nächsten Baumarkt und gab Lauri meinen Zweitschlüssel. Dann trennten sich vorerst unsere Wege.

Eine halbe Stunde später betrat ich mit dem angeblich besten Makler unseres kleinen Kaffs mein Haus. Vor Ort lässt sich schließlich alles am besten besprechen, außerdem sollte die Sache möglichst schnell über die Bühne gehen. The Rasmus waren noch nicht zurück, ich ertappte mich dabei, wie ich inständig betete, dass sie sich nicht völlig verfahren hatten. Während Herr Solt - der Makler - Zimmer für Zimmer das Haus besichtigte, vergrub ich mich im Keller und suchte alle notwendigen Unterlagen zusammen. Wie gut, dass meine Ma immer so penibel war, wenn es um organisatorisches oder geschäftliches ging. Wäre sie doch in anderen Hinsichten mal etwas gewissenhafter gewesen. Ärgerlich vertrieb ich diesen Gedanken. Als ich alles zusammen hatte, übergab ich Herrn Solt die Unterlagen. Er versprach, im Laufe des Tages wiederzukommen und mir einen vorläufigen Vertrag auszuhändigen.

Etwas ratlos wanderte ich durch das Haus, wo sollten wir bloß mit dem Renovieren anfangen? Überall standen ja noch meine Sachen, der Kram meiner Eltern. Wohin damit? Ich war so in Gedanken versunken, dass ich die Jungs gar nicht bemerkte, die sich leise hinter mir anschlichen. „BUH“ schrieen sie alle gleichzeitig und Aki sprang mich von hinten an. Ich schrak zusammen, „boah, wollt ihr mich umbringen?“ rief ich. „Das kommt davon, wenn man so vor sich hinträumt“, neckte mich Eero. „Woran dachtest du grad?“
„Ach, ich hab mich nur grad gefragt, wo wir hier anfangen sollen. Und wohin mit den ganzen Sachen?“.
„Naja, ich dachte, wir fangen einfach mit deiner Etage an!“ sagte Lauri. Entgeistert sah ich ihn an. „Meine WAS??“

VII.

Lauri und Aki warfen sich einen kurzen Blick zu, nickten, dann wendete Lauri sich wieder mir zu. „Tia, ich habe dir doch gestern schon gesagt, dass du hier immer willkommen sein wirst. Wir sind sicherlich die letzten, die dich aus deinem Haus vertreiben wollen! Deshalb dachten wir, dass wir die Etage, in der deine Oma gelebt hat, für dich umbauen. Dein eigenes kleines Reich quasi. Ähm, und die Waschküche darfst du natürlich auch benutzen!“ Diesen kleinen Zusatz konnte Lauri sich wohl nicht verkneifen. Ich war immer noch völlig platt, schaute verwirrt vom einen zum anderen. Das war das letzte, womit ich gerechnet hatte. „Sag was!“ riefen Eero und Pauli fast gleichzeitig.
„Jungs, ich weiß überhaupt nicht, was ich sagen soll! Ich hab mich innerlich schon damit abgefunden, dass… Oh Mann, ist das wirklich euer Ernst?“ stammelte ich. Die vier nickten einstimmig und so konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Zuerst flog ich Eero um den Hals, dann dem Rest. Lauri wirbelte mich durch die Luft und strahlte mit mir um die Wette. „Eine Sekunde lang hatte ich Angst, dass du ablehnen würdest! Wir würden uns wirklich freuen, wenn du hier wohnen bleibst!“ sagte er. „Ach was, ihr braucht doch nur ne billige Hausmeisterin!“, grinste ich. So langsam erlangte ich meine Fassung wieder. Wieder schüttelte ich den Kopf. „Ich glaubs nicht! Ihr seid echt die Besten!“ „Und du was ganz besonderes, Tia“ flüsterte Lauri, bevor er mich aus seiner Umarmung entließ.
Wir beschlossen, dass wir tatsächlich als erstes mein Reich renovieren wollten, damit wir dann möglichst bald die anderen Zimmer leer räumen konnten, um dort weiterzumachen. Lauri und ich machten uns noch mal auf den Weg zum Baumarkt, um Farben und Tapeten auszusuchen. Währenddessen wollten Eero, Aki und Pauli schon mal die alten Tapeten entfernen und die Teppiche rausreißen. Eine halbe Stunde später verließen wir den Baumarkt, bepackt mit weißer Wandfarbe und einigen verschiedenen Farben zum mischen. „Okay, dann fahren wir jetzt zum Möbelhaus, ok?“ Schlug Lauri vor. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht… Die Einrichtung von meiner Oma war von anno dazumal und so was von out, das ging gar nicht mehr. Tja, und die Sachen aus meinem Kinderzimmer wollte ich nicht wirklich behalten. Schlauerweise hatten wir direkt auch noch einen großen Container bestellt, damit wir richtig ausmisten konnten. „Na gut, dann gehen wir weiter shoppen!“ rief ich enthusiastisch und schwang mich in mein Auto. Im Möbelhaus angekommen suchten wir ein neues Bett aus, einen neuen Kleiderschrank, ein neues kuscheliges Sofa, in das ich mich sofort verliebt hatte und natürlich jede Menge Dekokram. Seltsamerweise waren Lauri und ich uns bei den meisten Dingen sofort einig, er hatte halt einen guten Geschmack! „Haben wir alles?“ fragte Lauri. „Ich glaub schon. Es muss ja auch nicht sofort alles eingerichtet sein, hauptsache ich hab ein Bett, und noch so ein schönes dazu!“ schwärmte ich. Wir bezahlten und machten uns so schnell wie möglich auf den Weg nach Hause. Die Möbel sollten noch am selben Nachmittag geliefert werden, toller Service! „Mein Sparbuch kann ich jetzt wohl begraben“, dachte ich. Aber das war mir in diesem Moment auch egal.

Dort angekommen waren die Jungs schon fast fertig mit den Vorbereitungen. Nachdem wir einen Großteil der Möbel in den Container befördert hatten, sicherten wir den Rest und begannen mit dem Grundanstrich. Ich war zwar keine gelernte Handwerkerin, aber schnell entwickelte ich mich zum deutschen Tim Taylor. Die Jungs hatten echt noch nie einen Pinsel in der Hand gehabt. Nach kurzer Zeit schon quittierte Aki meine Anweisungen mit einem geschickten Pinselstrich über meine Hand. „Na warte!“ rief ich und schon war Akis Stirn schneeweiß. „Farbenschlaaaaaaaaaacht!!“ gröhlte Aki, Sekunden später beschmierten wir uns alle mit der Farbe. Aki hielt mich gerade umklammert, damit Eero meine Arme verschönern konnte, als Lauri - der gerade unten gewesen war, um beim Pizzaservice anzurufen - in der Tür erschien. „Na fantastisch, so hab ich mir das vorgestellt!“ grummelte er. „Nennt ihr das renovieren? Sagt mir bescheid, wenn ihr erwachsen seid, ich beschäftige mich so lange mit etwas nützlichem“. Lauri warf seinen Kumpels, insbesondere Aki, einen bitterbösen Blick zu, drehte sich um und polterte wieder die Treppe runter.
Stille.
Eero, Pauli und Aki sahen verlegen zu Boden. „Toll Aki, das hast du ja mal wieder super hinbekommen!“ maulte Eero. „Aki hat doch gar nichts gemacht! Ich hab doch mit dem Kinderkram angefangen,“ warf ich ein. „Nee lass mal, das meinte Lauri gar nicht. Ich regle das schon“, antwortete Aki und folgte Lauri nach unten. Ich sah Eero und Pauli verwirrt an. „Was hat er denn dann gemeint?“ Betretenes Schweigen.

VIII.

Eero und Pauli schnappten sich wieder ihre Pinsel und ignorierten mich. Ich verstand nicht, was da gerade passiert war, aber anscheinend ging es mich nichts an. Die Jungs kannten sich so lange, verstanden sich blind. Ich kam mir irgendwie überflüssig vor. Andererseits, was erwartete ich? Wir kannten uns schließlich erst seit gestern. Da niemand mit mir redete, drehte ich das Radio auf volle Pulle und machte ebenfalls mit dem Anstrich weiter. Im Radio lief Kylie mit irgendeinem ihrer Weichspülsongs. Na super, das hebt die Stimmung ja direkt, grummelte ich vor mich hin. Direkt nach Patrick Nuo…
Ein paar Minuten später kamen Lauri und Aki wieder dazu, bepackt mit Pizza. „Alles wieder ok“, deutete mir Aki mit einem Blick. Wir ließen uns auf dem Boden nieder und genossen erst mal die Pizza. Welch wunderbar ausgeglichene Ernährung, gestern Pizza, heute Pizza, was mochte es wohl morgen geben? Ich grinste belustigt vor mich hin. „Morgen koch ich uns was feines, Tia, versprochen! Unsere kleine Studentin braucht schließlich was Gesundes hinter die Kiemen!“ rief Lauri mir zu. Fast erschrocken sah ich ihn an. „Woher…“ setzte ich an. „Gedankenübertragung!“ unterbrach mich Lauri. „Jaja, ihr beiden seid schon ein echtes Traumpaar!“ lachte Eero, worauf er sich böse Blicke von Lauri und mir einfing. Frisch gestärkt machten wir uns wieder an die Arbeit. Spät abends waren wir endlich mit meiner Etage fertig, irgendwie hatten wir es auch geschafft, ohne große Katastrophen und Verletzungen auszukommen. Lediglich Akis Daumen hatte sich einige Male mit dem Hammer unterhalten und Eero war in den Eimer mit dem Tapetenkleister getreten. Sogar die Möbel waren tatsächlich geliefert worden. „Meine“ Jungs schleppten gerade die letzten Bücher die Treppe hoch, ich bezog mein neues Bett. Es war alles so wunderschön geworden, endlich mal ein Zimmer genau nach meinem Geschmack, nicht nach dem meiner Eltern. Das ich dort damals überhaupt Poster aufhängen durfte, war schon ein Wunder gewesen. Einer der wenigen Punkte, bei denen ich mich bei meinen Eltern hatte durchsetzen können. Aber jetzt! Ich hatte ein wunderschönes großes Bett mit dunkelrotem Samthimmel, meine schwarze Satinbettwäsche mit dem großen Drachen drauf, die Wände waren dunkel gestrichen und ich hatte einige Dutzend Kerzen aufgestellt. Irgendwie hatte Lauri es sogar noch geschafft, aus einer alten Weihnachtskette einen Sternenhimmel über meinem Bett zu bauen, der auch tatsächlich funktionierte! Mein Wohnzimmer war ebenso ein Traum, das riesige Sofa hatte ich noch mit einigen Samtkissen dekoriert, lange schwere Gardinen, meinen Fernseher hatte ich in einem der antiken Schränke meiner Eltern untergebracht. Es passte alles wunderbar zusammen.
„Gefällts dir?“ riss mich Lauri aus meinen Gedanken. „Sieht man das nicht?“ antwortete ich verträumt. Ich ging zu Lauri und umarmte ihn fest. „Danke, Lauri“ setzte ich an. „Ich…“ „Shht“, unterbrach er mich. „Ist schon ok, ich weiß was du sagen willst“. Noch mal umarmte er mich. In dieser Sekunde klingelte es. „Ah, das wird der Makler sein, den hatte ich total vergessen“! rief ich und eilte nach unten.

Es war tatsächlich Herr Stolt, der sich ausgiebig für seine Verspätung entschuldigte. Wir setzten uns zusammen und er händigte mir den vorläufigen Kaufvertrag aus. Als ich die Summe sah, stockte mir der Atem. Ich hatte keine Ahnung wie viel mein Haus wert war, mit fast 2 Millionen hatte ich aber nun wirklich nicht gerechnet. Nur für das Haus, wohlgemerkt. Das Grundstück wollte ich in meinem Besitz behalten. Ich wusste, dass ich nicht arm war. Mein Vater hatte einen sehr guten Job gehabt und uns hatte es nie an etwas gemangelt. Ich hatte immer das bekommen, was ich wollte, außer…. Meine Gedanken drifteten ab, also riss ich mich schnell zusammen und widmete mich wieder dem Vertrag. Mit so einer Summe hatten die Jungs sicher auch nicht gerechnet. Ob sie ihren Plan jetzt überhaupt noch umsetzen wollten? Ich verabschiedete mich von Herrn Stolt, dankte ihm noch mal für die schnelle Hilfe und ging mit zitternden Knien ins Wohnzimmer zu den Jungs.

„Zwei Millionen?“ ungläubig starrte Eero erst mich, dann wieder den Vertrag an. „Ähm ja… mit soviel hab ich auch nicht gerechnet“ stammelte ich nervös.
„Nun schau nicht so nervös, Tia! Ich hab mit viel mehr gerechnet!“
„Was? Hey, ihr sagtet doch, ihr habt keine Ahnung davon!“ wunderte ich mich.
„Naja, wir haben noch keins gekauft, aber blind sind wir auch nicht! Die Lage, der Zustand, die Größe… wir vier haben schon darüber gesprochen, sonst hätten wir dich gar nicht erst gefragt.“
Erleichtert ließ ich mich neben Eero auf die Couch plumpsen. „Na denn wollen wir mal!“ sagte Eero und zückte einen Kuli. Nach ihm unterschrieben auch Aki und Pauli. Als Lauri an der Reihe war, zögerte er. Tat so, als müsste er noch mal kräftig überlegen. „So geht das nicht, da muss noch was geändert werden“, sagte er in ernstem Tonfall und ging aus dem Raum. Verwirrt sahen wir uns gegenseitig an. Ein paar Sekunden später erschien Lauri über beide Wangen grinsend mit einer Flasche Schampus und fünf Gläsern in der Tür. „Na, an was habt ihr denn gedacht?“ lachte er. Schon unterschrieb auch er und ließ sogleich den Korken knallen. Überglücklich umarmten wir uns, die Flasche Schampus war innerhalb von ein paar Minuten geleert. Gott sei Dank hatten wir genug Bier eingekauft, also war für Nachschub gesorgt. Lange hielt unsere Feierlaune allerdings nicht an, da wir vom renovieren ziemlich kaputt waren. Also schoben wir eine DVD in den Player und lümmelten uns auf die Sofas. Ich merkte, wie mir so langsam die Augen zufielen, also schnappte ich mir ein Kissen, legte es in Lauris Schoß und machte es mir gemütlich. Lauri schob mir ein paar Strähnen aus dem Gesicht und strich mir zärtlich über die Wange und meinen Hals. Sekunden später schlief ich lächelnd ein.

Ich wachte erst wieder auf, als Lauri mich sanft in mein Bett legte. Er musste mich wohl die ganzen Treppen hochgetragen haben, der arme Kerl! Schlaftrunken krabbelte ich unter mein Plümmo, ohne Lauri dabei loszulassen. Er drückte mir einen sanften Kuss auf die Stirn und flüsterte „Gute Nacht“.
„Lauri?“
„Ja?“
„Lass mich nicht allein!“ wisperte ich.
Lauri zögerte eine Sekunde, dann kroch er zu mir ins Bett und zog mich an sich.
“Danke.“ Beruhigt fiel ich in einen tiefen traumlosen Schlaf.

IX.

Gut erholt wachte ich am nächsten Morgen auf. Ein Blick auf die Uhr sagte, dass es schon 9 Uhr war. Noch etwas verschlafen blickte ich zu Seite. Lauri war nicht mehr da. Hatte er wirklich bei mir im Bett geschlafen? Oder hatte ich das nur geträumt? Nein, es war real gewesen. Ich hatte mich ganz eng an ihn gekuschelt, seine starken Arme gespürt, sein warmer Atem auf meiner Stirn. Ich schloss die Augen und roch wieder seinen Duft. Was war da nur in mich gefahren? Ich erkannte mich selbst nicht wieder. Hatte ich, Tia, die schüchternste Person auf der Welt, einen Typen in mein Bett gelassen, den ich erst 2 Tage kannte? Und doch war es wunderschön gewesen, so geborgen hatte ich mich lange nicht mehr gefühlt. Ich war völlig verwirrt. Langsam ging ich ins Bad, mein neues Bad, dachte ich stolz. Fünf Minuten später war ich fertig und ging in die Küche, um Kaffee zu machen. Heute war ich die erste, die auf war. Gedankenverloren stand ich vor der Kaffeemaschine und ließ mich von dem eintönigen Blubbern hypnotisieren.
„Guten Morgen Tia“, holte mich eine leise Stimme in die Gegenwart zurück. „Gut geschlafen?“ Da stand Lauri, frisch geduscht und bereits guter Laune. „Ja, wunderbar“, erwiderte ich. Mir war die Situation irgendwie peinlich, ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. „Ich geh dann mal Brötchen holen“ überspielte er die Situation und machte sich auf den Weg. Ich musste erst mal tief Luft holen, dann machte ich mich daran, den Tisch zu decken. Langsam trudelte auch der Rest von The Rasmus ein und setzte sich hungrig an den Tisch.

Nach einem ausgiebigen Frühstück machten wir uns wieder an die Arbeit. „Man Jungs, ich sollte nicht mehr so viel Bier trinken!“ schnaufte ich nach kurzer Zeit, schon völlig aus der Puste vom Teppich rausreißen. „Na komm, du bist ja auch ein Mädchen“, lachte Aki. Einstimmig überredeten mich die Jungs, schon mal den Keller auszumisten und den ganzen Papierkram umzuladen, weil das weniger schwere Arbeit war. Außerdem hatte Eero irgendwo einen Architekten und Techniker aufgetrieben, der das neue Studio planen sollte und der irgendwann nachmittags vorbeikommen sollte. „Wie hast du das denn geschafft? Heute ist doch Sonntag!“ wunderte ich mich. „Tja, Promi Bonus Kleene“ neckte Lauri mich. Kopfschüttelnd verzog ich mich in den Keller und machte mich an die Arbeit.

Zuerst schmiss ich die ganzen Möbel in den Container, die eh schon fast vergammelt waren. Dann schleppte ich zig Ordner rauf in mein neues Arbeitszimmer und ordnete sie in die neuen Regale. Nach ein paar Stunden hatte ich soweit alles ausgeräumt, nur noch der vollgepackte Schreibtisch blieb übrig. Mein Blick fiel auf den Stapel Post, Briefe an meine Eltern, die ich seit ihrem Tod zwar gesammelt, aber nie geöffnet hatte. Ganz oben lag ein Brief von der besten Freundin meiner Mutter. Ob sie überhaupt bescheid wusste? Die Beerdigung war in kleinem Rahmen abgelaufen, nur ich und eine entfernte Tante waren am Grab gewesen. Es gab keinen Kaffee danach, keine Todesanzeige in der Zeitung, noch nicht mal den Nachbarn hatte ich bescheid gesagt. Es hatte mich einfach nicht interessiert, war unwichtig. Ich öffnete den Brief und las ihn. Im Briefkopf stand die Telefonnummer. Ich zweifelte einen Moment, doch dann rief ich die Frau kurzentschlossen an. Sie reagierte geschockt, fing an zu weinen. Ich hätte sie eh nicht trösten können, denn dazu hätte ich etwas nettes über meine Eltern sagen müssen. Also wimmelte ich sie schnell ab, warf den Brief in den Mülleimer und widmete mich der restlichen Post. Der Steuerberater wollte irgendwelche Unterlagen, die Versicherung brauchte Unterschriften, die Bank forderte mich dazu auf, die Konten zu ordnen. Mein Erbe musste angelegt werden, dazu gab es noch einen Brief vom Steuerberater. Um Himmels Willen, was wollen die denn alle von mir? Von diesen ganzen Sachen hatte ich überhaupt keine Ahnung, hatte mich nie darum gekümmert. Völlig überfordert trat ich gegen den Mülleimer und pfefferte ihn mit einem lauten Knall an die Wand. Dann fegte ich mit meinem Arm über den Schreibtisch und beförderte die ganze Post auf den Boden. Verfluchter Mist, ich hatte mir so oft gewünscht, endlich allein zu sein, selbständig sein zu können und mir nicht dauernd alles von meinen Eltern in den A*** schieben lassen zu müssen. Jetzt hatte ich was ich wollte und war kurz davor, zu versagen. Weinend brach ich zusammen.

X.

Verwundert über den Lärm, der aus dem Keller gedrungen war, kam Aki die Treppe herunter, um nach mir zu sehen. Als er sah, dass ich weinend am Boden saß, verzog er sich leise wieder, um Lauri bescheid zu sagen. Er wollte sich nicht noch mal in etwas einmischen, was ihn nichts anging. Die Sache gestern hatte gereicht. Lauri hatte ihm unmissverständlich klargemacht, dass er die Finger von mir lassen sollte. Lauri ließ sofort sein Werkzeug fallen und machte sich auf den Weg zu mir. Eero konnte gerade noch verhindern, dass das Regal, was er mit Lauri am zusammenschrauben war, wieder in sich zusammenklappte.

„Was ist denn hier passiert?“ fragte sich Lauri, als er sich das Ausmaß meiner Wutattacke besah. Ich hatte weder Aki, noch ihn bemerkt. Sofort eilte er zu mir, hockte sich hinter mich und schloss mich in seine Arme. Dankbar, dass jemand da war, klammerte ich mich fest an Lauri und ließ meinen Tränen freien Lauf. Keiner von uns sagte ein Wort, Lauri strich mir nur beruhigend über den Rücken. Nach ein paar Minuten ließ ich von ihm ab und versuchte krampfhaft, meine Tränen zu stoppen, was mir aber nicht so richtig gelingen wollte.
„Hey Kleene, schau mich an“, sagte Lauri beruhigend und wischte mir ein paar Tränen von der Wange. „Was ist passiert? Willst du reden?“
„Ach, es geht schon wieder“, schluchzte ich und kramte nach einem Taschentuch, um seinem Blick auszuweichen. Plötzlich schämte ich mich für meine Tränen. „Es ist nur… alle wollen was von mir, ich hab das die ganzen Wochen über alles schleifen lassen und jetzt weiß ich nicht, wo ich anfangen soll. Bin wohl etwas überfordert“. Irgendwie bekam ich sogar ein kleines Grinsen hin. „Hey, mach dir nicht so einen Kopf. Lass dir Zeit. Jeder versteht, dass du nach so einem schlimmen Ereignis erst mal etwas Abstand brauchst! Sogar der Steuerberater! Du musst erst mal verarbeiten, was passiert ist! Wenn du willst, helf ich dir bei dem Kram. Du musst da nicht alleine durch, wir vier sind für dich da, versprochen“ sagte er tröstend.
„Nein Lauri, du verstehst nicht. Ich brauche keine Zeit, schon gar nicht, um mit der Sache mit meinen Eltern fertig zu werden. Damit hab ich schon nach der Beerdigung abgeschlossen. Es ist mir scheiß egal, dass sie nicht mehr da sind! Wenn ich könnte, würde ich jede Erinnerung an sie vernichten, aber hier ist alles voll davon und ich muss mich auch noch um diesen Mist kümmern! Ich dachte, ich wär endlich frei, aber da hab ich mich getäuscht.“ Erst jetzt war mir aufgefallen, dass ich aufgesprungen war und Lauri anschrie. Tränen liefen mir wieder die Wange runter. Lauri sah mich verständnislos an. „Du bist FROH, dass deine Eltern nicht mehr leben? Tia, beruhig dich erst mal und denk darüber nach, was du gerade gesagt hast. Ich bin mir sicher, dass du das nicht so meinst.“ Murmelte er und machte sich kopfschüttelnd auf den Weg nach oben.
„Das ist mein voller Ernst!!“ schrie ich ihm hinterher und beförderte den Papierkorb mit einem weiteren Tritt in die andere Ecke.

XI.

Eine Stunde später hatte ich mich soweit erholt, die Unterlagen geordnet und einige Telefonate erledigt. In der nächsten Woche kamen Gespräche mit dem Steuerberater und diversen Banken auf mich zu. Als mein Magen knurrte, warf ich einen Blick auf die Uhr. Schon zwei Uhr! Na kein Wunder, dass ich Hunger hatte. Ich warf einen Blick in den Spiegel und ordnete meine Haare. Meine Schminke war verlaufen, rasch wischte ich die verschmierte Wimperntusche weg.
Als ich nach oben kam, verstummten Aki, Eero und Pauli, die sich bis dahin angeregt unterhalten hatten. Neugierig sahen sie mich an. „Was ist los? Hab ich nen Fussel im Gesicht?“ fragte ich schnippisch. „Nee schon gut“, antwortete Aki. „Was war denn unten los?“ „Hat Lauri nichts gesagt?“ fragte ich verwundert. „Nee, der kam kopfschüttelnd hier oben an und hat sich in die Küche verzogen. Wir sind alle am verhungern!“ „Na gut, dann seh ich mal nach ihm“ sagte ich und ließ die anderen ratlos zurück.

Lauri stand in der Küche und schälte Kartoffeln, summte dabei irgendeine Melodie vor sich hin.
„Danke, dass du den anderen nichts gesagt hast“, sagte ich und wartete seine Reaktion ab. „Da gab’s ja auch nichts zu erzählen. Was du da unten gesagt hast, ist vergessen, jeder sagt mal Dinge, die er nicht so meint. Besonders in deiner Situation“.
„Lauri, zum dritten Mal, ich habe es so gemeint, wie ich es gesagt habe! Hör auf mir Dinge einzureden, die einfach nicht wahr sind!“ Meine Stimme wurde schon wieder laut. Ich zwang mich dazu, mich zu beruhigen. Lauri legte das Messer und die Kartoffeln beiseite und sah mich entgeistert an. „Sorry Tia, ich kann das echt nicht nachvollziehen. Wie kann man denn nur froh darüber sein, wenn seine Eltern sterben? Ich raffs nicht…“. „Ach, du hast ja keine Ahnung!“ rief ich wütend, knallte die Tür hinter mir zu und ging wieder ins Wohnzimmer. „Braucht ihr noch Hilfe Jungs? Ich muss mich abreagieren!“

XII.

Die Stimmung beim Mittagessen war gedrückt, fast eisig. Eero, Aki und Pauli merkten, dass zwischen Lauri und mir irgendwas ernstes vorgefallen war, trauten sich jedoch nicht nachzufragen. Als ich fertig war, brachte ich mein Geschirr in die Küche und ging wortlos einkaufen. Unsere Alkoholvorräte mussten aufgefüllt werden, zu Essen war auch kaum noch was da. Danach fuhr ich noch mal zum Baumarkt, um Nachschub zu besorgen. Während ich nach den richtigen Pinseln und Farben suchte, schallte auf einmal „Funeral Song“ aus dem Baumarktradio. Abrupt hielt ich inne und lauschte dem Song. Angesteckt von der trüben Stimmung, die ja eh zu meiner derzeitigen Verfassung passte, wischte ich mir verstohlen eine erneute Träne weg. Lauri und ich hatten seit dem ersten Moment eine gewisse Verbindung, waren uns sofort vertraut gewesen. Er wusste immer genau, was ich dachte und umgekehrt. Er war für mich da, gab mir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Sowas hatte ich noch nie erlebt, aber es fühlte sich gut an. Was musste er jetzt von mir denken? Das ich kalt, gefühllos und undankbar bin. Voller Hass. Natürlich konnte er meine Reaktion nicht verstehen oder nachvollziehen, aber schließlich hatte ich ihm ja auch in keiner Weise erzählt, wieso ich so fühlte. Angst kroch wieder in mir hoch, ich musste mich an das Regal lehnen und schnappte nach Luft. Wahrscheinlich hatte ich alles zerstört. Unsere noch so junge Freundschaft konnte ich wohl vergessen, Lauris Bild von der netten Tia musste sich in Luft aufgelöst haben. Und jetzt? Wie soll ich das wieder hinbiegen? Verzweifelt schaute ich nach oben. In der Hoffnung, einen Hinweis zu bekommen? Nein, sicher nicht, an Gott glaubte ich schon lange nicht mehr. Ich musste mit Lauri reden, ihm erklären, was in mir vorging. Retten, was noch zu retten war. Ich wollte ihn nicht verlieren. Keinen der Jungs. Schnell schnappte ich den Einkaufswagen und ging zur Kasse. Ich rannte zu meinem Auto, schmiss den Krempel achtlos in den Kofferraum und raste zurück nach Hause. Tempolimit? Das war mir in diesem Moment so egal, ich wollte nur so schnell wie möglich zurück. *wusch* Ich hatte den Starenkasten vergessen, der vor 2 Wochen am Ortseingang aufgestellt worden war. Scheiße!! Das wird teuer. Aber das war jetzt unwichtig. Als ich in meine Straße einbog, lief mir eins der Nachbarskinder vors Auto. Gerade rechtzeitig wich ich aus und warf dem Kind einige nicht jugendfreie Wörter an den Kopf. Dann fuhr ich in die Garage und schnappte mir meine Einkäufe. Eero öffnete mir schon die Tür und nahm mir den Kram ab. „Wo ist Lauri?“ fragte ich ihn und sah mich suchend um. „Streicht sein Schlafzimmer und tyrannisiert uns mit viel zu lauter Mucke“ grummelte er. „OK, ich geh mal zu ihm. Wir haben was zu klären.“ „Das würd ich auch sagen“, rief Aki von der Leiter aus. Es sah so aus, als wollte er eine Deckenlampe installieren. Naja, er versuchte es zumindest. Beunruhigt sahen die drei mir nach.

Aus Lauris Zimmer schallte mir Metallica in voller Lautstärke entgegen. Ich schloss die Tür hinter mir und schaltete erst mal die Anlage aus. Wow, die Stille tat gut. Wütend drehte Lauri sich um und brüllte sauer „Ich hab doch gesagt, ihr sollt mich mal für ein paar Stunden in Ruhe lassen!!“. Als er sah, dass nicht einer der Jungs, sondern ich da stand, verstummte er. „Sorry, mit dir hatte ich jetzt nicht gerechnet.“ Nuschelte er. „Schon gut“, erwiderte ich.
„Lauri?“
„Ja?“
„Können wir reden? Bitte! Ich möchte dir erklären, warum ich das vorhin gesagt habe, warum mich das alles so kalt lässt.“
Keine Reaktion.
„Lauri bitte! Ich möchte, dass du mich verstehst. Gib mir eine Chance!“
Langsam legte Lauri die Farbrolle zur Seite, wischte sich die Hand ab und setzte sich auf sein Bett. „Komm her, erzähls mir“ sagte er skeptisch.

XIII.

Erleichtert setzte ich mich neben ihn. Nervös schnappte ich mir eins der Kissen, ich brauchte irgendwas zum festhalten. „Okay“, begann ich langsam. „Ich machs kurz. Hm… so etwas wie eine heile Familie kenne ich nicht. Meine Eltern haben mir immer alles gegeben, was ich brauchte. Ich hatte in der Schule immer die neuesten Markenklamotten, flog jedes Jahr 2 oder 3 Mal in Urlaub, habe die halbe Welt gesehen. Ich hatte als eine der ersten nen Fernseher, ne Stereoanlage und nen Computer. Mit 18 bekam ich ein Nigelnagelneues Auto und als ich wegen der Uni umgezogen bin, zahlten sie mir die Miete.“ Lauri wollte mich unterbrechen, aber ich bedeutete ihm mit einem Blick, mich ausreden zu lassen. „Hört sich alles toll an, gell? Glücklich war ich trotzdem nie. Liebe, die habe ich nie bekommen. Egal was ich getan habe, ob ich gute Noten geschrieben habe oder den Rasen gemäht oder die Küche geputzt oder was auch immer, meine Eltern gaben mir bei allem das Gefühl, dass ich es falsch gemacht hätte. Bis ich 15 war schlugen sie mich bei jeder Gelegenheit. Mal mit der Hand, mal mit nem Gürtel oder was auch immer ihnen gerade in die Finger kam. Einen Grund brauchten sie dafür nie, ein Widerwort reichte schon völlig aus. Dabei haben sie immer genau darauf geachtet, dass man nirgendwo blaue Flecken sehen konnte. Als Entschuldigung drückten sie mir einen Hunni in die Hand und dachten, damit wäre alles ok. Wahrscheinlich dachten sie, sich meine Liebe erkaufen zu können oder wollten ihr schlechtes Gewissen beruhigen. Quatsch, ein Gewissen hatten die gar nicht. Nach außen hin musste ich immer so tun, als wäre alles in Ordnung. Die brave, wohlerzogene Tochter spielen, die keine Fehler hat. Bei allem was ich tat, hatte ich Angst, sie wieder zu enttäuschen und erneut geschlagen zu werden. Ich habe nie mit jemandem darüber reden können, meine Freundinnen hätten mich niemals verstanden. Die kommen …ähm...kamen alle aus perfekten Familien, die hätten theoretisch auch aus ner Seifenoper kommen können. Hätte ich jemals erzählt, dass mein Vater mich verprügelt, hätten sie wahrscheinlich genauso reagiert wie du heute Mittag. Einmal hab ich den Versuch gemacht. Ich weiß nicht mehr genau wie, aber wir kamen halt auf das Thema und ich deutete an, dass bei mir zu Hause nicht alles so toll sei, wie ich immer erzählt hatte. Meine beste Freundin hat nur gelacht, und das Thema gewechselt. Danach hab ich nie wieder darüber gesprochen. Ich hab immer alles in mich reingefressen, mich von allen zurückgezogen. Ich habe gelernt, gut zu Lügen, damit niemand hinter meine angeblich glückliche Fassade blicken konnte. So oft habe ich abends weinend im Bett gelegen und mir gewünscht, dass… Das das alles ein Ende hat. Habe mir gewünscht, endlich frei zu sein, mein eigenes Leben leben zu können. Selbstbewusstsein hab ich nie gehabt, hab ich auch jetzt noch nicht. Aber jetzt habe ich wenigstens die Chance dazu, mich endlich mal nur um mich zu kümmern. Als dann der Anruf von der Polizei kam, habe ich mich erst mal völlig leer gefühlt. Ich wusste nicht, ob ich Lachen oder weinen sollte. Konnte überhaupt nicht begreifen, was der Polizist mir da sagte. Ich war frei! Ich…“ Ich wusste nicht mehr, was ich sagen sollte und sah Lauri flehend an. Er schwieg, kratzte sich verlegen am Kopf.
„Mhm… ehrlich gesagt, weiß ich nicht so recht, was ich sagen soll. Tut mir leid Tia, ich hätte dich nicht so anfahren sollen.“ sagte er schließlich.
„Schon gut, du hattest ja jedes Recht dazu.“
Behutsam zog Lauri mich an sich, streichelte mir über den Kopf und küsste mich auf die Stirn. „Wenn du wüsstest, wie gut das tut“, seufzte ich. Wieder liefen mir die Tränen runter. „Shht“, zärtlich wiegte Lauri mich hin und her. „Tia, ich bin für dich da. Du kannst mir alles sagen, glaub mir. Ich weiß nicht, wie ich dir sonst helfen soll.“ „Das tust du schon, Lauri. Halt mich einfach fest“. „Du bist nicht allein“. Die Tränen versiegten nach einer Weile. Froh, endlich mal über alles gesprochen zu haben und glücklich, Lauri zurückgewonnen zu haben, schlief ich erschöpft ein. Nach ein paar Minuten legte Lauri mich sanft auf sein Bett, deckte mich zu und ging zurück zu den anderen, die ihn wieder mal fragend ansahen. Doch Lauri schüttelte nur den Kopf. „Es ist alles geklärt, Tia braucht jetzt erst mal Ruhe. Lasst sie bitte schlafen.“ erklärte er nur und ging raus auf die Terrasse. Dort zündete er sich eine Zigarette an und ließ sich nachdenklich auf den Treppenstufen nieder.

XIV.

Als ich wach wurde, waren The Rasmus schon mit dem Architekten im Keller und diskutierten über die neue Gestaltung. „Hey du Schlafmütze! Wolltest dich wohl vor der Arbeit drücken, was?“ begrüßte Aki mich und kniff mich leicht in die Seite. „Naja, ich bin halt eher für die geistige Arbeit“, neckte ich ihn zurück. Begeistert zeigte Eero mir die bereits ausgearbeiteten Pläne. Aus dem großen Kellerraum sollten drei kleine werden, einer für die Instrumente, eine Kabine, wo die Gesangsparts aufgenommen werden sollten und noch einer für die Technik. „Wird alles in dunkel gestrichen, und Lauri will ne große Couch in seiner Kajüte, damit er es sich bei den Balladen richtig gemütlich machen kann. Da vorne kommt das Mischpult hin und…“ „Hey, mal ganz langsam Aki“, unterbrach ich ihn. „Schaut gut aus! Aber mit diesen Plänen kann ich eh nix anfangen.“ „Klar, Mädels haben ja auch selten räumliches Vorstellungsvermögen“ lachte Eero. „Hätte ich jetzt hier ein Kissen, hättest du es längst im Gesicht hängen“ antwortete ich gespielt wütend. Wir alberten noch ein paar Minuten weiter ohne dass ich eine Gelegenheit hatte, kurz mit Lauri zu reden. Schließlich ermahnte Mike - der Architekt - The Rasmus und weiter ging es mit der Arbeit. Ich beschloss, mich um das Abendessen zu kümmern. „Danke“, flüsterte ich Lauri im Vorbeigehen ins Ohr und drückte kurz seine Hand.

Ein kurzer Blick in den Kühlschrank und es stand fest, ich würde Tortellini kochen. Okay, eine andere Wahl hatte ich eh nicht, außer Rührei, Spaghetti und Tortellini konnte ich nicht viel anderes kochen. Aber dafür waren meine Tortellini berühmt. Fröhlich vor mich hinpfeifend machte ich mich an die Arbeit.
„Ich hab noch nie gesehen, dass jemand beim Zwiebelschneiden flöten kann!“ Aki stand hinter mir und mopste sich ein paar Stücke Schinken. „Hey, Finger weg! Die paar Minuten wirst du dich doch noch gedulden können, du Hungerleider“ lächelte ich ihn an. „Sagst du den anderen bescheid?“ „Ja, mach ich. Schön, dass es dir wieder besser geht!“

Selbst beim Abendessen diskutierten die Jungs noch über das neue Studio. Mike machte eine Reihe von Vorschlägen, aber hauptsächlich ging es um eine möglichst schnelle Umsetzung. Am nächsten Tag schon sollte ein Trupp Handwerker kommen und mit der Arbeit beginnen. „Ende der Woche habt ihr euer Studio!“ versprach Mike.

Eeros Handy klingelte, er entschuldigte sich und ging raus auf die Terrasse, wo er einige Minuten wild gestikulierend telefonierte. „Wir haben ein Problem!“, sagte er, als er wieder reinkam. Fragend sahen wir ihn an. „Wir müssen morgen nach Helsinki. MTV hat kurzfristig ein Special über uns angesetzt und Chris hat zugesagt“. Verärgerte Mienen bei The Rasmus. „Wer ist Chris?“ fragte ich. „Unser Manager. Manchmal meint er es einfach zu gut mit uns“, murmelte Lauri in seinen nicht vorhandenen Bart. „Was denkt der sich eigentlich? Er weiß doch, was wir hier grade tun und dass wir überhaupt keine Zeit und Lust haben, jetzt in der Weltgeschichte rumzudüsen“. „Jungs, was sein muss, muss sein. Das ist euer Job! Chris hat bestimmt nicht zugesagt, um euch zu ärgern.“ versuchte ich die Stimmung etwas zu schlichten. „Wie lange seid ihr denn weg?“ „Naja, mindestens bis Donnerstag“, antwortete Eero. „Oops… dann haben wir wirklich ein Problem. Es muss doch jemand hier sein und auf die Handwerker aufpassen.“ Bittend sahen die Jungs mich an. „Kannst du das nicht übernehmen?“ „Hey Leute, ich muss Dienstag wieder arbeiten! Ich konnte mir nur für morgen frei nehmen, mehr geht echt nicht. Sonst bin ich meinen Job los!“. „Tja… und jetzt?“ Bedröppelt sahen die Jungs sich gegenseitig an. Was erwarteten die denn? Dass ich meinen Job sausen lassen würde, damit ich hier den Wachhund spielen könnte? Dass ich mein Leben auf den Kopf stellen würde, nur weil die Jungs Promis sind? Nee, so nicht. Da musste eine andere Lösung her. Ich brauchte meinen Job, zum einen, um die Miete zu zahlen, zum anderen machte er mir einen Heidenspaß. Auch wenn ich meine Wohnung bald kaufen würde und somit nicht mehr unbedingt auf die Arbeit angewiesen war, war ich nicht dazu bereit, den Job aufzugeben. Dazu hatte ich meine Kollegen viel zu lieb gewonnen. Aber andererseits… Die Jungs waren so happy über das Haus, das neue Studio, konnten es kaum erwarten, endlich mit den Aufnahmen anzufangen. Da wollte ich ihnen keine Steine in den Weg legen. Schon gar nicht, nachdem sich so eine tolle Freundschaft entwickelt hatte. „Was überlegst du?“ wandte sich Lauri an mich. „Nichts, mach dir mal keinen Kopf. Ich muss mal telefonieren.“ erwiderte ich, schnappte mir mein Handy und ging in mein Zimmer.

XV.

„Alles geregelt Jungs, ihr könnt nach Helsinki fliegen! Ich mach euch so lange den Wachhund“ grinste ich die Jungs kurze Zeit später an. „Wie hast du das denn jetzt hinbekommen?“ fragte Eero verdutzt. „Ich hab grad meine Kollegin angerufen. Ich fang die nächsten Tage 2 Stunden früher an zu arbeiten und kann dann jeden Tag um zwei hier sein. Falls das geht Mike? Könnt ihr so spät anfangen?“ „Hm, das ließe sich regeln. Kostet euch dann aber mehr, wahrscheinlich…“ „Egal, hauptsache wir haben Ende der Woche unser Studio!“ unterbrach ihn Lauri und strahlte wie ein Honigkuchenpferd. „Du bist ein Schatz, Kleene!“ rief er und drückte mir einen dicken Schmatzer auf die Wange. „Hallo? Eero, Aki, Pauli? Ich warte!!“ grinste ich und deutete auf meine Wange. Die Jungs ließen sich nicht zwei Mal bitten und knutschen mich ebenfalls ab. „Gut, dass ich noch ne Flasche Schampus geholt hab“, grinste ich und schon knallten wieder die Korken. Nachdem Mike sich verabschiedet hatte, plünderten wir den nächsten Bierkasten, zwei Flaschen Vodka und zig Red Bull Dosen und feierten bis in die frühen Morgenstunden. Ziemlich blau schnappte sich Eero wieder die Gitarre und Lauri gröhlte irgendwelche unverständlichen Texte dazu. „So so, jetzt weiß ich ja endlich, wie ihr eure Songs schreibt“. Vor Lachen konnte ich mich kaum noch auf dem Sofa halten. Es sah einfach zum Schießen aus, wie Lauri sich mit einer Flasche Bier als Mikro völlig verausgabte und Eero verzweifelt versuchte, etwas gut klingendes aus der Gitarre rauszuholen. Aki trommelte mit Salzstangen auf dem Tisch rum und wunderte sich, dass die Dinger seinem Enthusiasmus nicht standhielten. Pauli lag selig schlafend auf seiner Couch und schnarchte im Takt. Als die letzte Flasche Bier leer war, beschlossen wir, nun endlich ins Bett zu gehen. Mir fielen eh schon fast die Augen zu. Pauli war nicht mehr wach zu bekommen, also deckten wir ihn notdürftig mit einer Decke zu. Eero verzog sich in sein Zimmer. Eine Sekunde später kam er wieder zurück und grinste „Wünsche euch eine erholsame Nacht!“ und verschwand wieder. Lauri und ich sahen uns verwundert an. „Lass mich raten, wieder so ein Insider?“ „Nö, ich glaub Eero hat nur erraten, wo ich heute Nacht schlafen will“ grinste Lauri mich an und nahm meine Hand. Bereitwillig ließ ich mich von ihm nach oben ziehen.

Wieder kuschelten wir uns eng aneinander. Fast unmerklich schüttelte ich den Kopf, mal wieder verwundert darüber, was ich hier überhaupt tat. „Was los, Kleene?“ fragte Lauri.
„Hm…ich fühl mich einfach nur sauwohl. Mir gefällts, wie sich mein Leben gerade verändert. Ihr… Du tust mir gut.“
„Ich mach doch gar nichts besonderes“.
„Doch, du bist da. Einfach nur da…“ Mit diesen Worten fiel ich endgültig in einen tiefen Schlaf.

XVI.

Die Stimmung beim Frühstück war gedrückt. Eigentlich gab es keinen Grund dazu. Ok, wir hatten alle mit einem Kater zu kämpfen, aber wofür gab es Aspirin? Weder Lauri, noch einer der anderen war begeistert davon, jetzt nach Helsinki fliegen zu müssen. Und ich? Mir wurde flau im Magen bei dem Gedanken, dass ich mich gleich von den Jungs verabschieden würde müssen. Auch wenn es nur für vier Tage sein sollte, ich wollte sie nicht gehen lassen. „Kopf hoch, Süße! In vier Tagen sind wir doch wieder da!“ Wieder hatte Lauri meine Gedanken gelesen. Unglaublich, wie schnell ich mich an die Jungs gewöhnt hatte. Um 11 Uhr stand das bestellte Taxi vor der Tür, dass The Rasmus zum Flughafen bringen sollte. Aki, Eero und Pauli verabschiedeten sich von mir und schwangen sich in das Taxi. Schnell zog Lauri mich noch mal beiseite. „Tia, du musst das hier nicht tun. Keiner von uns will, dass du Ärger auf der Arbeit bekommst. Wir können auch Donnerstag weiter machen, auf die eine Woche mehr oder weniger kommt es nicht an. Ich hab echt n schlechtes Gewissen, dich hier so einzuspannen.“ „Quatsch, das ist schon okay. Ist ja für ne gute Sache“, lächelte ich ihn an. Dabei war mir eigentlich zum Heulen zumute. Sanft hob er mein Kinn an und sah mir tief in die Augen. Dieser Blick, ich merkte, wie meine Knie wackelig wurden. „Ehrlich?“
„Ja.“
„Du würdest es mir doch sagen, oder?“
„Versprochen. Jetzt mach endlich, dass du ins Taxi kommst, sonst fang ich wieder an zu heulen!“
„Na gut. Ich ruf dich an, okay?“
„Wehe wenn nicht!“. Wir umarmten uns, dann ging Lauri langsam zu den anderen und stieg ein. „Bis Donnerstag!“ rief er noch.
Ich winkte dem Taxi nach, konnte mich erst wieder von der Stelle bewegen, als es abgebogen war. Langsam schloss ich die Haustür und sah mich um. Wie sich alles verändert hatte… Die Zimmer waren kaum noch wiederzuerkennen. Nichts erinnerte mehr an meine Eltern, alles war wie weggewischt. Nachdenklich wanderte ich durch alle Zimmer, landete schließlich bei Lauri. Chaotisch sah es aus, noch nicht mal sein Bett hatte er gemacht. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, typisch Mann halt. Also ging ich rüber, wollte eigentlich sein Bett machen. Stattdessen legte ich mich hin und kuschelte mich in sein Kopfkissen. Völlig übermüdet von der durchfeierten Nacht schlief ich wieder ein.

XVII.

Ich wurde durch lautstarkes Klingeln geweckt. Verschlafen blickte ich auf Lauris Wecker. Ach du je, schon zwei Uhr! Schnell rannte ich zur Haustür, wo Mike und sein Trupp weiter Sturm klingelten. „Können wir loslegen?“ begrüßte mich Mike. „Na klar, hab doch schon auf euch gewartet!“ log ich. Schnell zeigte ich noch den Handwerkern den Weg durch den Garten, damit sie nicht immer mit ihrem ganzen Kram durch das Haus laufen mussten. Während sie lärmend anfingen den halben Keller auseinander zu nehmen, verzog ich mich in mein Zimmer, um den restlichen Kram meiner Eltern auszusortieren und teils wegzuwerfen. Mein Blick fiel auf mein Handy, 4 Anrufe in Abwesenheit. Lauri! Schoss es mir durch den Kopf. Die Jungs mussten längst in Finnland gelandet sein. In diesem Moment klingelte es auch schon wieder.
„Hey Kleene!“ rief Lauri mir schon entgegen, noch bevor ich etwas sagen konnte.
„Dachte schon, du willst nicht mit mir telefonieren!“
„Ja ähm sorry, ich war bei den Handwerkern unten!“ Was ne Begrüßung…
„Und? Was nettes dabei?“
„Hehehe das werd ich dir auch auf die Nase binden, Süßer“ neckte ich ihn.
„Hmpf, du scheinst ja echt gute Laune zu haben. Ich dachte, du verkrümelst dich jetzt in irgendeine Ecke und trauerst uns nach“ Ich konnte mir bildlich Lauris fettes Grinsen am anderen Ende der Leitung vorstellen. Sollte ich ihm sagen, dass ich es mir bei ihm gemütlich gemacht hatte? Nein, diesen Triumph gönnte ich ihm noch nicht.
„Quatsch, ich bin doch froh, dass ich mich endlich mal etwas von euch erholen kann!“
„Na das glaub ich dir aufs Wort! Aber für n Mädel haste gut mit uns mitgehalten.“
„Na aber hör mal, ich bin Studentin, da sollte dir klar sein, dass ich mithalten kann!“ lachte ich.
„Tiaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!!!“
„Moment mal Lauri, Mike ruft. Ich nehm dich mal grad mit nach unten.“
„Ist das zufällig Lauri da am Telefon?“ fragte Mike und nahm mir das Handy aus der Hand.
„Lauri, ich brauch noch ne Entscheidung von euch. Was machen wir mit….“
Ich glaub’s nicht… da krallt der sich einfach mein Handy und verschwindet mit Lauri in den Keller! Entgeistert sah ich Mike hinterher. Na so aber nicht, grummelte ich vor mich hin und folgte ihm. Zwei Minuten später saß ich wieder ‚mit’ Lauri auf meiner Couch. Wir quatschten noch eine halbe Stunde, dann musste er los zu einem Interview mit MTV. Für Mittwochabend war ein unplugged Konzert geplant, bei dem nur eine kleine Auswahl Fans dabei sein durfte. Lauri versprach, mich später noch mal anzurufen, außerdem wollte er ja schließlich wissen, ob ich die Handwerker auch im Griff hatte.

Ich machte mich wieder an die Arbeit, sah ab und zu im Keller vorbei und war überrascht, wie schnell alles voran ging. Gegen sieben schmierte ich eine riesige Ladung Brötchen und versorgte die Handwerker, die sich tatsächlich an die abgemachte Arbeitszeit bis 21Uhr halten wollten. Um kurz nach neun war ich dann endlich alleine. Müde ging ich in mein Zimmer, zündete rund zwei Dutzend Teelichter an und sah mich zufrieden um. So richtig gemütlich sah es hier aus. Anschließend legte ich ‚Into’ in den CD Player, kuschelte mich unter mein Plümmo und schnappte mir mein Handy. So langsam könnte Lauri ja mal wieder anrufen.

Make me blind
Cover my eyes
You can do what you want
I’m paralysed by the perfect mood
When we’re dancing with blindfolds on
You make it easy to love you and hate you
Can’t explain it, I feel insecure
You say its simple ‘you die just to live again’
You say we’re waiting for the last waltz

Bei Lauris Stimme bekam ich (mal wieder) Gänsehaut, ich schloss die Augen. Fast schon konnte ich Lauri wieder neben mir spüren. Was war bloß los mit mir? War ich verliebt? Oder war es einfach diese unglaubliche Vertrautheit die ich spürte, wenn ich in Lauris tiefe grüne Augen schaute?

Another you and me
Another revolutionary heavenly romance
Waiting for the last waltz
And so it seems
We won’t find a solution, confusion leads the dance
Waiting for the last waltz.

“Ihr beiden seid ein echtes Traumpaar” schallte mir Eeros Stimme wieder durch den Kopf. Ja, das mochte stimmen. Irgendetwas war da zwischen mir und Lauri. Nur was wollte ich? Freundschaft? Eine Beziehung? Dafür war es viel zu früh. Aber sicher war ich mir da nicht.

Praise the wine, it’s so devine
And it stings like a rose

Dudududidadadidadu.... Mr. Mobile riss mich aus meinen Gedanken. Es dauerte einen Moment, bis ich den Klang meines Handys erkannt hatte. Schnell hob ich ab.
„Hey Kleener!“ Diesmal war ich schneller.
„Hmpf! Ich bin nicht klein!“ schmollte Lauri.
„Doch bist du! Zumindest im Vergleich zu den tollen Handwerkern, hehehe!“
„Ey, was hattest du denn im Tee? Tststs, werd nich frech, Kleene!“
„Ach, gönn mir doch auch mal meinen Spaß!“ neckte ich ihn. „Ich bin nur so happy, deine Stimme zu hören. Wie ist’s gelaufen?“
„Ganz gut, ein Interview nach dem anderen halt. Ich hoffe man merkt uns nicht an, dass wir überhaupt keinen Bock haben. Versteh gar nicht, warum die plötzlich alle Interviews haben wollen, schließlich gibt’s gar nix Neues von uns.“
„Naja, ihr bringt halt Quote, da müsst ihr durch.“
„Oh man, du solltest echt Managerin werden“, lachte Lauri.
„Wär ne Überlegung wert.“
…. Eine Stunde später …
„Du, Lauri?“
“Ja?“
„Lass uns mal langsam Schluss machen, ich muss um 5 Uhr aufstehen!“
„Och nö, ich will aber noch nicht schlafen gehen!“
“Aber ich! Es gibt auch noch Leute, die früh arbeiten gehen müssen!“
„Pah, unser Job ist auch anstrengend!!“ schallte es zurück.
„Jupp, aber ihr könnt ausschlafen!“
„Na gut, dann leg dich mal hin. Können ja morgen weitertelefonieren.“
„Ich lieg schon!“
„Umso besser. In deinem oder meinem Bett? Hehehehe…“
„Diesmal in meinem“, rutschte es mir raus.
„Hä? Wieso diesmal?“
“Och nix, hab mich nur versprochen.“
„Natürlich… ok, ich frag gar nicht erst weiter.“
„Danke“, lachte ich. „Also, dann leg mal auf.“
„Nö, leg du doch auf.“
„Hmpf, hab ich ne Wahl? Schließlich will ich ja schlafen.“
„Eben! Ich könnt mich noch stuuuundenlang unterhalten.“
„Wollen würde ich das auch! Aber nu is Schluss! Schlaf gut Kleener, und grüß mir die anderen.“
„Mach ich. Träum süß von sauren Gurken!“
„Zu Befehl!“
“Wow, gefällt mir wenn mir n Mädel so gehorcht!“ Wieder hatte ich Lauris Grinsen vor Augen.
„Gewöhn dich nur nicht dran! Wenn ihr hier seid weht wieder ein anderer Wind“ drohte ich.
„Tia?“
„Ja?“
„Wir fangen schon wieder an zu quatschen….“
„Hehehe, ok, verstanden. Ich leg jetzt auf. Gute Naaaaacht!“
„Schlaf gut“
„Du auch.“
„Legst du jetzt wohl mal auf?“
„Nee, leg du auf“.
„Also so geht das nicht. Bei 3 legen wir beide auf, ok?“
“Gut.“
„3“
„2“
„1“
„Hey, du solltest auflegen!“
„Pah, du hast ja auch nicht aufgelegt!“
„Tia? Ich bin’s, Eero. Ich nehm Lauri jetzt das Handy weg, sonst wird das nie was mit euch, ok?“
„Danke, du bist meine Rettung!“ lachte ich zurück.
„Guts Nächtle!“
„Tschööööööööööööööö!!“ Lachend beendete ich das Gespräch. Von mir aus hätte das noch Stundenlang so weitergehen können. „Daran könnte ich mich gewöhnen“, sagte ich laut. Ein paar Sekunden später war ich auch schon mit einem Lächeln im Gesicht eingeschlafen.

XVIII.

Pünktlich um fünf Uhr riss mich mein Wecker aus dem Schlaf. Im Halbschlaf stellte ich ihn aus und drehte mich entnervt auf die andere Seite. Zwei Minuten später schlug mein Handywecker Alarm. Jajajaja, wütend stand ich auf und schaltete das Handy aus. Jetzt war ich endgültig wach. Ich brauchte fast 20 Minuten im Bad, um wenigstens halbwegs menschlich auszusehen. In deinem Alter solltest du doch eigentlich mit wenig Schlaf zufrieden sein, versuchte ich mich selbst aufzumuntern. Auf dem Weg zur Garderobe schnappte ich mir noch schnell einen Apfel in der Küche, griff nach meiner Jacke und schmiss mich ins Auto. 3km Stau und eine Stunde später war ich endlich an meinem Arbeitsplatz angekommen. Ich fuhr meinen PC hoch, schaltete das Radio an, legte mir die Unterlagen für die Zeugnisse, die ich heute schreiben sollte, zurecht und fing an zu arbeiten. „Herr Thomas M i t u s i a k , geboren am…“

No sleep
No sleep until I’m done with finding the answer
Won’t stop
Won’t stop before I find a cure for this cancer

‘In the shadows’ drang aus dem Radio in meine Ohren. Verträumt sah ich aus dem Fenster, war mit den Gedanken bei den Ereignissen des Wochenendes. Moment mal, was hatte der Bug da eben gesagt? Irgendwas von einem Radiokonzert mit The Rasmus. Mist, was war das? Schnell startete ich den Internet Explorer und surfte auf Einslive.de. Tatsächlich, nächsten Freitag, in Köln. ‚Das große Eins Live Radiokonzert mit The Rasmus, live und unplugged’ stand da. Hey, warum hatte Lauri mir davon gar nichts erzählt? Wahrscheinlich wusste er selbst davon noch gar nichts, lachte ich in mich hinein.
„Tia? Hey, Tia? Jemand zu Hause?“ Erschrocken drehte ich mich um. Grinsend stand Markus, einer meiner Kollegen, vor mir. „Sonderlich weit bist du aber noch nicht gekommen. Wer hat denn da deine Gedanken so in Beschlag?“ „Ich…ähm…ach ich bin wohl noch nicht ganz wach“, stammelte ich. Markus sah nicht so aus, als würde er mir das glauben. „Na ist ja auch egal, nimm dir noch nen Kaffee und leg los, ich brauch das Zeugnis in 20 Minuten!“. Sprachs und stürmte aus dem Büro. Um nicht wieder abgelenkt zu werden, schaltete ich das Radio aus und haute in die Tasten. Pünktlich lieferte ich das Zeugnis ab. Gegen Neun trudelten auch meine restlichen Kollegen endlich im Büro ein. Ab da hatte ich keine ruhige Minute mehr.
„Tia, tipp mir das mal schnell ab!“
„Tia, ich brauch den und den Ordner im PDF Format, so schnell wie’s geht!“
„Tia, laufen Sie mal bitte schnell zum Bahnhof, ich brauche 20 belegte Brötchen.“
„Tia, ich bin zu Tisch, hab mal schnell das Telefon auf dich umgestellt.“
Normalerweise wäre mir spätestens jetzt der Hut hochgegangen, auch wenn ich nur eine kleine Werkstudentin war, Mädchen für alles war ich noch lange nicht. Doch heute quittierte ich jede Aufgabe mit einem Lächeln, war froh, völlig ausgelastet zu sein. Pünktlich um halb 2 schaltete ich meinen PC aus und verließ so schnell wie möglich das Gebäude. An meiner Windschutzscheibe klebte mal wieder ein Knöllchen, das fünfte für dieses Jahr. Man, warum immer ich? Vor mich hin grummelnd stieg ich in den Wagen und raste nach Hause.

Ich kam fast gleichzeitig mit Mike und seinem Trupp an. Die Handwerker machten sich sofort wieder an die Arbeit. Mein Mittagessen bestand aus einem weiteren Apfel, danach ging ich einkaufen und anschließend machte ich mich an die Renovierung der Küche. Die Einrichtung war weiß, meine Ma hatte dazu die Wände vor ein paar Jahren Kanarienvogelgelb gestrichen. Grauenhaft. Gut gelaunt machte ich mich an die Arbeit. „Hey Tia, du sollst die Wände anstreichen, nicht dich selbst!“ Lachte Mike, der eigentlich gerade Brötchen bei mir bestellen wollte. „Echt? Mist, das hätte mir auch mal einer sagen müssen!“ grinste ich zurück. Spontan dachte ich an die Farbenschlacht in meinem Schlafzimmer und musste lachen. „Hier, dein Handy! Hast du vorhin unten vergessen. Es hat ein paar Mal geklingelt, aber ich hatte keine Zeit, es dir hochzubringen. Sorry!“ Ich riss Mike das Handy aus der Hand. 6 Anrufe in Abwesenheit. Mist! Alle von Lauri. Wieso ließ ich mein Handy auch immer und überall rumliegen? Lauri hatte noch drei SMS geschrieben.
1. ‚Hey Kleene, wo steckst du? Ruf dich später noch mal an. *knutsch* Lauri
2. ‚Tiaaaa, lass die Finger von den Handwerkern! ;-)
3. ‚Schein wohl kein Glück zu haben. Muss gleich auf die Bühne. Falls du nachher Zeit hast…kennst ja meine Nummer. L
Shit! Das hörte sich ziemlich angefressen an. Dabei wollte ich unbedingt noch mal mit Lauri sprechen, bevor das Konzert anfing. Schnell wählte ich seine Nummer. ‚Hallo, das ist die Mailbox von…’ enttäuscht legte ich wieder auf. Zu spät. Ich stellte mein Handy auf LAUT!!!, setzte mich auf die Arbeitsplatte und starrte das Telefon an. Klingel! Jetzt klingel endlich! Oh man, jetzt redete ich schon mit einem Handy…

XIX.

‚Sorry, ich hab mein Handy mal wieder liegen lassen! Bitte sei nicht sauer, ich mach’s wieder gut ;-)!’ tippte ich gerade in mein Handy, als Mike sich erneut nach den Brötchen erkundigte. „Oops, sorry, hab ich total vergessen. Kommen in 5 Minuten!“ rief ich und schnappte mir schnell die Tüte Brötchen. Das ich die SMS noch nicht abgeschickt hatte, fiel mir nicht auf.

Die Handwerker empfingen mich - beziehungsweise eher die Brötchen - mit offenen Armen. „Fleißig fleißig!“ lobte ich sie und sah mich um. Lauris ‚Kajüte’ war schon fast fertig, in bordeaux gestrichen, schwarze, eiserne Kerzenhalter an den Wänden. „Dat Sofa und der janze Kram kütt morjen, junge Frau“, rief einer der Handwerker. Ich nickte erfreut. Der Raum für die Instrumente war ebenfalls fast fertig. Mike wickelte mich in ein Gespräch ein und erklärte mir, was noch alles gemacht werden würde. Bis Freitag sollte die komplette Technik eingebaut werden, so dass Samstag allerspätestens alles fertig war. Interessiert hörte ich ihm zu, bis mir plötzlich mein Handy wieder einfiel. Ich ließ Mike mitten im Satz stehen und rannte nach oben.

2 Anrufe in Abwesenheit. Scheiße Scheiße Scheiße!! Ich war auch echt zu blöd. Sofort rief ich Lauri zurück und hatte wieder die Mailbox dran. Hat der denn meine Sms nicht bekommen? Als ich keine Sendebestätigung fand, fiel mir wieder ein, dass Mike mich unterbrochen hatte. SCHEIßE!! ‚Lauri, hab mein Handy liegen lassen. Bitte sei nicht sauer’ Ach Quatsch, das hatte jetzt auch keinen Sinn mehr. Sauer löschte ich die bereits getippten Buchstaben. Die nächste Stunde verbrachte ich wieder damit, mein Handy zu hypnotisieren. Pünktlich um 21 Uhr verabschiedeten sich die Handwerker, ich schloss hinter ihnen ab und ging nach oben. Lauri stand jetzt bestimmt auf der Bühne oder gab noch ein Interview vor der Show. Bestimmt würde er jetzt nicht mehr anrufen, da war ich mir ziemlich sicher. Also zog ich mich aus und stieg unter die Dusche. Ich war über und über mit Farbe bekleckert. Nach heftigem Schrubben hatte ich endlich alles abgelöst. Müde hielt ich meinen Kopf direkt unter die Dusche, schloss die Augen und genoss das warme Wasser, das auf mich herabprasselte.

Dudududidadadidadu.... Mr. Mobile. Aaaaaah, nein, doch nicht jetzt!! Hektisch drehte ich das Wasser ab und stürzte aus der Dusche. Auf dem Weg ins Schlafzimmer wollte ich mir ein Handtuch umwickeln, stolperte aber und fiel der Länge nach hin. Verdammt!! Schnell rappelte ich mich auf und rannte Richtung Mr. Mobile. „Lauri??“ rief ich in den Hörer. Doch ich hörte nur noch ein Klacken, als er auflegte. SCHEIßE!!

XX.

Wenn er es vorher nicht gewesen war, dann war Lauri sicher jetzt stocksauer. Also hielt ich es für besser, jetzt nicht mehr zurückzurufen. Wahrscheinlich hätte ich eh wieder nur seine Mailbox drangehabt. Sauer auf mich selbst stellte ich meine Wecker und legte mich hin. Irgendwann fiel ich in einen unruhigen Schlaf.

Pünktlich um fünf Uhr morgens schmissen mich meine Wecker wieder aus dem Bett. Immer noch schlecht gelaunt wanderte ich ins Bad, wusch mich, klatschte mir Maskara und Puder ins Gesicht und machte mich auf den Weg. Im Auto sah ich auf mein Handy, keine weiteren Anrufe mehr. Was erwartete ich eigentlich? Dass Lauri mir noch 100 Mal hinterher telefonieren würde? Ich wählte Lauris Nummer, legte aber sofort wieder auf als mir einfiel, dass es ja erst halb 6 war. Im Büro war noch tote Hose, erst gegen neun ging der Trubel wieder los. Um zehn Uhr lief ich zum Auto, um meine Parkscheibe umzustellen. Noch einen Triumph wollte ich den Politessen nicht gönnen. Da logischerweise keiner meiner Kollegen in der Nähe war nutzte ich die Chance und rief Lauri an. Immer noch seine Mailbox. „Lauri, ich bins, Tia. Hör mal, gestern lief irgendwie alles drunter und drüber. Ich hab dauernd mein Handy liegen lassen oder hab genau dann abgenommen, wenn du aufgelegt hast. Tut mir echt leid, sei mir bitte nicht böse. Bitte ruf mich doch an, wenn du das hier hörst. …“ „Ich vermiss’ dich“, fügte ich nach ein paar Sekunden dazu und legte auf.

Zwölf Uhr. Gedankenverloren hypnotisierte ich die Uhr. Immer noch kein Zeichen von Lauri.
„… Dann waren wir noch in dem neuen Club in der Schillerstraße, genial da! Gute Mucke und super eingerichtet. Hättest mal besser…“ Markus textete mich mal wieder zu, aber ich achtete nicht auf ihn. „Tiaaa“! Markus rüttelte mich entnervt an der Schulter. „Eigentlich kann ich auch mit der Wand reden, die interessiert sich wenigstens für das, was ich erzähle!“ maulte er. „Sorry, was hast du gesagt?“ Merkte der denn nicht, dass ich keinen Bock auf Unterhaltung hatte? „Weißt du was? Mach Schluss für heute. Ich sag unserem Chefchen bescheid. Mit dir ist ja heute eh nichts anzufangen. Morgen will ich dich wieder gut gelaunt hier sehen, also klär bitte, was auch immer dir die ganze Zeit durch den Kopf geht!“ Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen, packte meine Sachen und machte mich auf den Weg zum Auto. Hehe, das ist halt der Vorteil als Student, du kannst kommen und gehen wann du willst. Die Uni zählt immer als Entschuldigung. An der ersten Ampel schnappte ich mir mein Handy. Immer noch Lauris Mailbox. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Kurzerhand wählte ich Akis Nummer. Wenn Lauri nicht an sein eigenes Handy ging, dann sollte er halt an Akis kommen. Auch die Mailbox. Nee oder? Verwundert vergrub ich das Handy wieder in meiner Tasche, die Ampel schaltete auf grün.

Eine halbe Stunde später bog ich in meine Straße ein, die mal ausnahmsweise ‚Kinderfrei’ war. In der Parkbox stand Mikes Auto, daneben der Van der Handwerker. Es war jedoch keine Menschenseele zu sehen. HÄ? Verwundert fuhr ich mein Auto in die Garage und schloss die Tür auf. Aus den Augenwinkeln sah ich einen der Handwerker durch den Garten laufen. Wie kommt der denn hier rein? Langsam folgte ich den Stimmen, die aus dem Keller zu mir hoch drangen. „Mike?“ rief ich runter. „Jahaaa, wir sind unten!“ schallte es zurück. Als ich den Keller betrat, blickten mich Eero, Aki und Pauli strahlend an. „Tia!! Du bist zu früh!“ „Bin für heute suspendiert worden,“ lachte ich und umarmte einen nach dem anderen. „Was macht ihr denn bitte hier??? Ich hab noch gar nicht mit euch gerechnet!“ „Das wollte Lauri dir eigentlich gestern am Telefon erzählen, aber anscheinend habt ihr immer aneinander vorbeitelefoniert. Wir haben die restlichen Termine für heute abgesagt und sind früher zurück. Gott sei Dank haben wir wenigstens Mike erreicht!“ lachte Aki. Kein Wunder, dass ich immer nur die Mailbox erreicht hatte. „Wo ist Lauri denn?“ fragte ich vorsichtig.
„Na hier“, ertönte es hinter mir. Nervös drehte ich mich um.

XXI.

Lauri lehnte lässig am Türrahmen, in der einen Hand sein Handy, in der anderen qualmte eine Zigarette. Sofort wurde mir warm ums Herz, aber zugleich hatte ich auch Angst gehabt vor genau dieser Situation. Ich fixierte seinen Blick.
„Was ist? Hab ich die falschen Klamotten an oder warum werd ich nicht umarmt?“ fragte er skeptisch und zog eine Augenbraue hoch. Erleichtert, dass er die Stille brach, löste ich mich aus meiner Starre und ging zu ihm. Zögernd umarmte ich ihn. „Alles ok? Du schaust so seltsam…“ fragte Lauri. „Ehm, doch alles in Ordnung. Können wir kurz reden?“ bat ich ihn. „Klar“, Lauri nahm meine Hand und zog mich mit nach oben.

„Was ist denn los, Kleene?“
„Wegen gestern. Tut mir leid, dass ich nicht an mein Handy gegangen bin. Ich Trottel hab’s dauernd irgendwo liegen lassen, und wenn ich dich zurückgerufen hab, war nur die Mailbox dran. Ich…“
“Hey, dafür musst du dich doch nicht entschuldigen Süße!“ unterbrach Lauri mich. „Kann doch mal passieren, ist doch kein Weltuntergang!“
„Du bist nicht sauer auf mich?“
„Quark, wieso denn?“
“Na deine letzte SMS klang so danach. Ich hab mir voll Vorwürfe gemacht, dachte schon, du redest nie wieder mit mir.“
Lachend drückte Lauri mir einen Kuss auf die Stirn. „Du bist echt süß! Aber nun mach dir mal keinen Kopf, ich hätte gern gestern mit dir telefoniert, aber es hat halt nicht sollen sein. Wir werden’s überleben, oder?“
Erleichtert atmete ich aus. Es war alles in Ordnung. „Na da bin ich ja beruhigt.“ Enthusiastisch nahm ich Lauris Hand und zog ihn Richtung Küche. „Ich bin am Verhungern, ihr doch sicher auch, was?“ fragte ich. „Na aber hallo!“ lachte Lauri. „Den Fraß im Flieger hat keiner von uns runterbekommen.“ „Okidoki, dann fang schon mal an Zwiebeln zu schneiden, es gibt Spaghetti!“ rief ich und wühlte im Schrank nach einem großen Topf.

Typisch, typisch, typisch! Ich war so blöd. Hatte aus einer Mücke wieder einen Elefanten gemacht. Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken. Lauri musste mich echt für bescheuert halten, dass ich mir wegen einem verpassten Telefonat dermaßen den Kopf zerbrochen hatte. Völlig umsonst hatte ich mir Vorwürfe gemacht. Mir ausgemalt, dass Lauri mich entweder ignorieren, oder anschreien würde. Was ein Blödsinn! Aber so war ich halt. Gab die Schuld immer zuallererst mir selbst.

Grübelnd beobachtete ich Lauri, der ziemlich ungeschickt mit den Zwiebeln hantierte. Süß sah er aus, wie er angestrengt versuchte, sich nicht die Finger abzuhacken.

„Du bist echt zu nichts zu gebrauchen, Tia“ Die Stimme meines Vaters. „Zu blöd um geradeaus gehen zu können.“ hatte er mich beschimpft, als ich mal eins seiner Hemden nicht vernünftig gebügelt hatte. Ärgerlich verdrängte ich diese Erinnerungen. Jeder normale Mensch hätte so reagiert, wie Lauri es eben getan hatte. Aber ich musste natürlich mal wieder in Selbstmitleid versinken. Ich hatte gedacht, Fortschritte gemacht zu haben. Selbstbewusster geworden zu sein. Aber selbst jetzt schüchterten mich meine Eltern immer noch ein.

„Heeyyy, Tia! Das Hackfleisch ist schon tot! Du brauchst nicht so drauf einzustechen!“ rief Lauri und riss mich aus meinen Gedanken. Verwirrt sah ich ihn an. Er deutete nur auf das Massaker, das ich gerade angerichtet hatte. Ups! Schnell schob ich das Fleisch wieder zusammen und warf es in die heiße Pfanne.
„Tia, schau mich mal an.“ Langsam drehte ich mich zu ihm um. Sanft strich er mir eine Strähne aus dem Gesicht. „Ich bin wirklich nicht böse auf dich! Hör auf, dir den Kopf über so eine Lapalie zu zerbrechen. Es gibt schlimmeres.“ sagte er, drückte meine Hand. „Außerdem bekommt man von zu vielem Grübeln Falten!“ fügte er grinsend hinzu. Oh man, schon wieder! Lauri kannte mich schon viel zu gut, wusste immer genau, was in mir vorging. Es ging nicht anders, mir huschte ein Lächeln übers Gesicht. „So gefällst du mir viel besser!“ Ich seufzte und wendete mich wieder dem Hackfleisch zu.
Skeptisch betrachtete Lauri mich. ‚Was müssen ihre Eltern ihr angetan haben, dass so eine Kleinigkeit Tia dermaßen aus der Ruhe bringt. Wie können Menschen nur so etwas tun? Sie braucht jemand, der für sie da ist, ihr hilft, wieder mit sich selbst klarzukommen. Bitte lass mir dieser jemand sein, Tia!’ Langsam schloss Lauri seine Arme um meinen Bauch und lehnte sich an mich, küsste sanft meinen Nacken. Mein Puls raste…

XXII.

„Ihr sollt hier nicht rumturteln, sondern kochen!“ ertönte es plötzlich hinter uns. Erschrocken lösten Lauri und ich uns voneinander. Pauli stand mit verschränkten Armen in der Tür und versuchte, grimmig zu schauen. Instinktiv mussten Lauri und ich loslachen. Pauli sah aber auch zum schießen aus! Ich merkte, wie mir wieder die Röte ins Gesicht stieg. Was mussten die Jungs Lauri und mich auch immer in solchen Augenblicken erwischen? Schnell drehte ich mich wieder zum Herd und warf die Spaghetti in das mittlerweile kochende Wasser. „Nicht rot werden, Tia, konzentrier dich aufs Kochen, ich hab HUNGER!“ stichelte Pauli. „Argh, PAULI“! Diesmal versuchte ich grimmig auszuschauen, lief aber noch röter an. „Nu lass Tia in Ruhe, sonst muss ich dich auf Diät setzen, Dickerchen!“ mischte sich Lauri ein. Grummelnd verzog sich Pauli endlich. Lauri und ich sahen uns an. Sekunden später brachen wir in wildes Gelächter aus.

Nach dem Mittagessen - ja, wir wurden tatsächlich noch fertig! - verzog ich mich mit meinen Büchern auf den Balkon. In 2 Wochen war Semesterstart, da sollte ich zumindest vorher noch mal kurz mein Gedächtnis auffrischen. Die Jungs gingen Mike im Keller zur Hand. Nach fünf Minuten sah ich das erste Mal gelangweilt auf die Uhr. Kurz danach lies mich ein neugieriger Vogel, der sich köstlich mit meinem Radiergummi vergnügte, erneut aufblicken. Lächelnd beobachtete ich ihn eine Weile. Meine Gedanken schweiften wieder ab. Fast eine Woche kannte ich The Rasmus nun ‚schon’ und die Jungs hatten es geschafft, mein Leben völlig auf den Kopf zu stellen. Die Woche war so stressig gewesen, dass ich sogar 3kg abgenommen hatte, dachte ich stolz. Ich durfte mich jetzt zum erlauchten Kreis derer dazuzählen, die die Band persönlich kannten. Dabei waren sie auch nicht anders, als andere Menschen. Gingen genauso aufs Klo, ernährten sich genauso ungesund… Waren halt nur in aller Welt bekannt. Und die liebenswertesten Menschen, die man sich vorstellen konnte. Ich hatte jetzt schon das Gefühl, sie besser zu kennen als ich meine beiden (ehemals) besten Freundinnen jemals gekannt hatte. Ich wusste, dass ich Aki, Eero, Pauli und Lauri vollauf vertrauen konnte. Das ich ihnen ebenfalls wichtig war. Gibt es ein schöneres Gefühl auf der Welt?
„Woran denkst du?“ flüsterte Lauri mir plötzlich ins Ohr, ich schrak zusammen. Er legte seine Hände auf meine Schultern und begann mich zu massieren.
„Ach, Herr Ylönen kann mal ausnahmsweise nicht meine Gedanken lesen?“ stichelte ich und lehnte meinen Kopf nach hinten an seinen Bauch.
„Nö! Wenn du so verträumt vor dich hin schaust, kann selbst ich nicht in deinen Kopf gucken“, grinste er, seine grünen Augen strahlten mich an.
„Na denn… hehehe! Bleibt mein Geheimnis! Drückst du dich etwa schon wieder vor der Arbeit?“
„Nee, wollt nur neue Getränke holen.“
„Ja ja, und kontrollieren, ob ich auch schön fleißig lerne, gell?“
„Na das war ja wohl auch bitter nötig!“ rief Lauri und machte sich aus dem Staub. Lachend warf ich ihm meinen Radiergummi hinterher. Daneben! Was auch sonst… Kopfschüttelnd widmete ich mich wieder der flexiblen Planung im Vergleich mit der starren. „Sehr aufregende Lektüre“, gähnte ich herzhaft.
Zwei Minuten später steckte Lauri vorsichtig den Kopf aus der Terrassentür. „So ist’s richtig, hehehehe“ rief er.
„Argh, Lauri!! Sieh besser zu, dass du Land gewinnst“! Ich warf ihm einen gespielt bösen Blick zu.
„Bin ja schon weg“, lachte er und verschwand wieder Richtung Keller.

Gerade als ich mich endlich etwas konzentrieren konnte, klingelte es. Verdammt, wer war das denn jetzt schon wieder? Sauer ging ich zur Tür, an der ein Typ mit Sonnenbrille und völlig bescheuerter Baskenmütze Sturm klingelte. Na der braucht auch mal ne Typberatung, dachte ich und öffnete. „Ja?“
„Hi, du ähm, du musst Tia sein, oder?“
„Wer will das denn wissen?“ fragte ich skeptisch.
„Ach so, ähm ich bin Chris.“ antwortete der Typ. Chris? Ach so, der Manager, erinnerte ich mich dunkel.
„Ich kenne keinen Chris“ erwiderte ich, mal sehen, ob der Typ wirklich so zerstreut ist wie er wirkt.
„Ähm… aber das hier ist doch die richtige Adresse. Ich bin Manager, ähm, von The Rasmus. Die wohnen doch jetzt hier, ähm, dachte ich jedenfalls.“
„The Rasmus? Ist das ne neue Glaubensgemeinschaft oder was?“ Man fiel es mir schwer, ein Grinsen zu unterdrücken.
„Du verarschst mich, oder?“ Chris sah nun völlig verwirrt aus, ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen.
„Natürlich bist du hier richtig!“ rief ich und bat ihn rein. „Ich bin Tia“! Immer noch lachend streckte ich ihm die Hand hin.
“Man, fast hättest du mich überzeugt!“ lachte Chris zurück. „Sind die Jungs da?“
„Jepp, im Keller. Ich bring dich hin.“
„Jungs? Besuuuch für euch!!“ rief ich auf dem Weg in den Keller. Ich hörte etwas scheppern, dann kam Aki angerannt.
„Stop, keinen Schritt weiter Tia! Du hast hier ab sofort keinen Zutritt mehr!“ keuchte er. „Oh, hi Chris! Da bist du ja. Geh durch!“
„Was? Was soll das denn jetzt bitte?“ fragte ich erstaunt.
„Na was schon, du kommst hier erst rein, wenn alles fertig ist. Keine Widerrede!“ grinste Aki.
„Pah, du lässt mich da jetzt sofort durch! Schließlich gehört das alles mir!“ maulte ich.
„Nö, jetzt gehört’s uns, schon vergessen?“
„Falsch. Ich hab noch keinen müden Cent von euch gesehen, also weg da jetzt“. Ich versuchte, mich an Aki vorbei zu quetschen, doch keine Chance. Mist! Ich war doch die Neugier in Person! Aki schob mich energisch zurück und kramte in seiner Hosentasche.
„Hier! Da haste nen Euro, als Anzahlung. Und jetzt ab mit dir nach oben“!
„Och mannoooooo“. Ich zog eine Schnute, aber Aki zeigte kein Erbarmen. Also blieb mir nichts anderes übrig, als wieder nach oben zu gehen. Gespielt schmollend setzte ich mich wieder an meine Bücher.

XXIII.

Die nächste halbe Stunde verbrachte ich damit, mir irgendwelchen Wirtschaftskram durchzulesen. Danach legte ich die Bücher zur Seite und machte es mir in meiner Sonnenliege gemütlich. Lustlos blätterte ich durch die Seiten meines Lieblingsbuchs, nahm aber gar nicht wahr, was dort geschrieben stand. Ach was solls, ich kenn das Buch ja eh schon fast auswendig, dachte ich und legte es beiseite. Man war das langweilig ohne die Jungs um sich zu haben. Wieder ein Blick auf die Uhr, es waren erst zehn Minuten vergangen. Ich war gerade erst eingenickt, als Aki mich weckte. “Tia, bist du wach?“ „Hmpf, jetzt ja, was gibt’s?“ murmelte ich, ohne die Augen zu öffnen. „Och ich wollt nur gucken, ob du schon vor Langeweile eingegangen bist“ grinste er. Zumindest sah ich bildlich sein Grinsen vor meinen Augen. „Unten herrscht grad Krisenstimmung. Chris hat noch vier Konzerte für uns organisiert, so wie das grad in Helsinki. Ohne uns zu fragen, dabei weiß er, dass wir uns jetzt erst mal um das Album kümmern müssen.“ Überrascht blickte ich auf. „Wo denn noch? Ich wusste nur von dem in Köln nächste Woche.“ „Echt, woher?“ „Die machen schon fleißig Werbung im Radio.“ „Hm, na dann wusstest du vor uns bescheid. Anyway, Dienstag geht’s nach Barcelona, Donnerstag dann Amsterdam und Freitag das Radiokonzert.“ „Wow, das wird stressig. Aber ihr habt wohl keine Wahl, oder?“ „Nee, nicht wirklich. Naja, ich muss wieder runter. Gib uns noch zwei Stündchen, ok?“ „Geht in Ordnung, ich vertreib mir schon die Zeit.“
Zwei Stunden später wurde ich erneut aus meinen Träumen gerissen. „Tia! Hallooooo!! Aufwachen Süße!!“ Erst langsam kam ich in die Wirklichkeit zurück und streckte mich erst mal ausgiebig. „Kann man denn hier nie in Ruhe schlafen?“ grinste ich ihn an. „Na gut, wenn du nicht gucken kommen willst, dann geh ich halt wieder“ sagte Lauri und drehte sich betont langsam um. „Lauri? Wehe du gehst noch einen Schritt weiter ohne mich!“ drohte ich und sprang von der Liege. „Wusste ich’s doch. Ok, umdrehen!“ befahl Lauri. Ich tat wie geheißen. Lauri verband mir mit einem Tuch die Augen und führte mich langsam Richtung Keller. „Hey, wehe du lässt mich irgendwo gegen rennen!“ „Keine Sorge, würd ich doch nieee tun“ lachte Lauri. Fest schloss er seine Arme um meine Hüfte und schob mich vor sich her. „So, Vorsicht Stufe, hast es gleich hinter dir.“ Eine Sekunde später waren wir im Keller. Langsam nahm er mir das Tuch ab.

XXIV.

„Tadaaaaaaaaaaaaaaaaaa!“ riefen die vier Rasmusse gleichzeitig.
Blinzelnd sah ich mich um.
„WOW!!“ entfuhr es mir etwas lauter als geplant. Der vorher große Raum war nun zweigeteilt. Vor mir sah ich ein riesiges Mischpult, hinter einer riesigen Glasscheibe den Aufnahmeraum. Gegenüber stand eine riesige schwarze Couch, über der ein überdimensionales Bild mit dem ‚The Rasmus’ Logo hing. „Und hier ist das beste“ rief Aki und zog mich zu einem riesigen Kühlschrank, der voll gefüllt war mit Bier, Vodka, Red Bull, Pitu und tausend anderen Flaschen. Lachend sah ich mich weiter um. Der Aufnahmeraum… In Lauris Kabine brannten rund ein Dutzend dicke schwarze Kerzen in schweren Kerzenständern aus Eisen, der Raum war komplett mit großen schwarzen Plüschkissen ausgelegt. In der Mitte Lauris Mikroständer und anderer technischer Kram. „Das nenn ich mal romantisch“ sagte ich. Lauri grinste stolz und warf sich in die Kissen. „Na wenn ich hier mal nich in Stimmung komm!“ sagte er und grinste mich versaut an. Ohne weiter darauf einzugehen, ging ich nach nebenan, in den großen Aufnahmeraum, der mittlerweile vollgestellt war mit Instrumenten, zig Gitarren und zwei verschiedenen Drumsets für Aki. „Der helle Wahnsinn!“ rief ich begeistert. „Darauf stoßen wir an! Aki, mach den Schampus auf!“ Das ließ Aki sich natürlich nicht zwei Mal sagen. Schnell verteilte er die Gläser. „Auf euch!“ rief ich und hob mein Glas. „Nee, auf dich Süße!“ sagte Lauri. „Schließlich ham wir das hier dir zu verdanken!“ „Also dann müssen wir auf den Stau anstoßen!“ lachte ich. Die erste Flasche Schampus war rasch geleert, die zweite folgte. An dieses Gesöff konnte man sich echt gewöhnen. „Nachschub!“ „Erst gibt’s noch ne kleine Überraschung für dich“, sagte Lauri und ging zum Mischpult. „Noch eine? Ihr verwöhnt mich Jungs!“ lachte ich. Huh, der Schampus auf nüchternen Magen zeigte schon seine Wirkung, dachte ich leicht angeschwipst. Lauri wühlte in einer der Schubladen, fand schließlich was er suchte und schob eine CD in die Anlage. Neugierig sah ich erst ihn, dann die Jungs an. „Bereit?“ fragte Lauri. „Wozuuu denn?“ „Du bist die erste, die nen neuen Song hören darf!“ „Ehrlich? Wow….“ Ich war sprachlos. „Ähm, ist zwar nur n Demo, aber einer der wenigen Songs, mit dem wir einigermaßen zufrieden sind. Kann’s losgehen?“ „Ja klar!“ Gespannt lauschte ich den ersten Tönen. Es war eine Ballade, Lauri sang, nur von einer Akustik Gitarre begleitet.

Sitting here
Lonely, crying, desperate
the rain keeps fallin, fallin'
since you left me
why? tell me why!

you packed your suitcase
left without a word
left me wondering what went wrong
why? tell me why!

What've I done?
What’ve I done to deserve this?
Don't leave me drowning in
the pieces of my broken heart
I'm beggin' you
tell me why

Each raindrop is screaming your name
waking memories of what used to be
Can't stand it
Can't take it no more
why? tell me why!

What've I done?
What’ve I done to deserve this?
Don't leave me drowning in
the pieces of my broken heart
I'm beggin' you
tell me why

Gitarren Solo

I'm running round in circles
trying to get you off of my head
running round in circles
running round
I love you
I hate you
I need you
Help me, please help me

What've I done?
What’ve I done to deserve this?
Don't leave me drowning in
the pieces of my broken heart
I'm beggin' you
tell me why

Nachdem die letzten Töne verklungen waren, sahen mich Aki, Lauri, Pauli und Eero gespannt an. „Jetzt sag doch was!“ drängte Eero, dem meine Reaktion wohl zu lange dauerte. „Oder war er so schlecht?“ fragte Aki skeptisch.
„Jungs, ich bin sprachlos. Der ist wunderschön! Ach was, zum heulen schön. Was hast du denn da mit deiner Stimme gemacht, Lauri? So weich, geht total unter die Haut.“
„Ach, Übung macht den Meister“, grinste der. Nachdenklich sah ich ihn an. Was hatte ihn zu diesem Song inspiriert? Wer hatte ihn so verletzt?
„Caipi - Zeit!!“ Aki riss mich aus meinen Gedanken. „Jetzt wird Einweihung gefeiert! Eero, mach ma n bisschen Musik!“ Während er die Limetten in den Pitu warf, schob Eero ‚Meteora’ in die Anlage und drehte auf. Eine halbe Stunde und 5 Caipirinhas später waren wir so blau, dass wir den Pitu schon pur aus der Flasche soffen. Aki trommelte auf alles und jedem rum, was ihm in die Quere kam. Lauri und Aki gröhlten „Für Dich“ von der Catterfeld a la Linkin Park, als ob es nicht schon peinlich genug war, dass sie überhaupt den Text davon auswendig kannten. Amüsiert kuschelte ich mich in die Ecke der Couch und beobachtete die Jungs. Dagegen können die Osbournes einpacken, grinste ich. „Ey, was grinst du so süffisant vor dich hin?“ lallte Lauri und ließ sich unbeholfen neben mich fallen. „Nix nix“ grinste ich ihn an. „Nu sach schon!“ „Neeeeeeee!“ „Dann muss ich es eben aus dir rauskitzeln!“ maulte Lauri und begann, mich von oben bis unten durchzukitzeln. Lachend fielen wir von der Couch. „Oh man Lauri, bissu schwer!“ lallte ich und schnappte nach Luft. Gerade als er etwas erwidern wollte, rief Pauli „Gruppenkuscheeeeeeln!! Alle auf Tia!“ Ehe ich flüchten konnte, schmissen sich die Jungs auf mich. „Na supa, jetzt habsch nur noch Körbschengröse A“ hechelte ich und versuchte, mich aus dem Staub zu machen. „Ihr seid echt klasse Jungs“! So ging es bis in die frühen Morgenstunden weiter. Eero hatte irgendwann zwischendurch kapituliert, war mit dem Kopf auf das Mischpult gelehnt eingeschlafen. Pauli war ebenfalls kaum noch in der Lage seine Augen offen zu halten. Aki, Lauri und ich wechselten einen Blick. „Schlafenszeit“, beschlossen wir einstimmig.

Fast schon automatisch torkelte Lauri mir hinterher in mein Zimmer. Viel zu blau und zu müde, um noch ins Bad zu gehen, fielen wir ins Bett. „Was ein Abend,“ seufzte ich und kuschelte mich an Lauris Brust. „Ja, so lässt sich’s leben“, lachte er leise.
„Lauri?“
„Ja?“
„Darf ich dich was fragen?“
„Klar, alles was du willst.“
„Für wen hast du ‚Why’ geschrieben?“
Lauri erstarrte.

XXV.

„Hab ich was Falsches gesagt?“
„Schon gut,“ sagte Lauri und atmete tief aus. Ich stützte meine Kopf auf meine Hand und sah ihn an. „Du brauchst nicht drüber reden, wenn du nicht willst, Lauri.“
„Danke, Süße. Ich glaub, ich bin noch nicht so weit.“
„Schlaf gut“, flüsterte ich und kuschelte mich nachdenklich an ihn.
Stille.
Weder Lauri noch ich konnten schlafen.
Die Luft war zum zerreißen angespannt.
„Der Song ist über meine Exfreundin“, sagte Lauri stockend nach einer Weile, löste sich von mir und ging zum Fenster. Sah raus in die Nacht. Plötzlich war ich wieder stocknüchtern. Ich setzte mich auf und sah zu Lauri.
„Lauri, du musst nicht…“
„Wir waren vier Jahre zusammen,“ unterbrach er mich. „Lina war meine erste große Liebe. Als ich sie damals zum ersten Mal sah, hab ich mich auf Anhieb verliebt. Wir waren so glücklich, ich dachte, das hält ewig. Hätte am liebsten die ganze Welt umarmt. Sie hat mich überall hin begleitet, auch als das mit The Rasmus losging. Hat sich nie beschwert, dass ich so wenig Zeit hatte oder das mich so viele Mädels anhimmeln. Es war einfach unglaublich, schien perfekt. Wir haben uns perfekt ergänzt und ich konnte mich 100% auf sie verlassen. Dachte ich zumindest… Letztes Jahr hab ich ihr einen Heiratsantrag gemacht. Hab im Schlafzimmer hunderte Kerzen angezündet, alles mit Rosenblättern dekoriert, ihre Lieblingsmusik angemacht und bin dann vor ihr auf die Knie gegangen. So richtig altmodisch und kitschig. Natürlich hat sie angenommen. Diesen Sommer hätten wir eigentlich heiraten wollen.“ Er stockte, wischte sich heimlich eine Träne aus dem Gesicht.
„Was ist passiert?“ flüsterte ich und widerstand dem Verlangen, zu ihm zu gehen und ihn in die Arme zu nehmen.
„Kurz nach Weihnachten, ich kam gerade mit den Jungs von nem Gig in Helsinki zurück, da war sie plötzlich weg. Sie hatte alle ihre Sachen mitgenommen, am Spiegel im Flur hing nur ein Zettel. ‚Es tut mir leid Lauri, ich kann dir das nicht länger antun. Bitte hass’ mich nicht.’ Das war alles.“
Langsam drehte Lauri sich um und setzte sich wieder zu mir aufs Bett. Ich nahm seine Hand. Sie zitterte.
„Was hat sie gemeint? Was konnte sie dir nicht mehr antun?“
Tränen liefen Lauri über die Wange.
„Zwei Monate lang hatte ich keine Ahnung. Ich hab sie hundert Mal angerufen, ihr SMS geschrieben, hab vor ihrer Haustür übernachtet. Ich hab die Welt nicht mehr verstanden, es konnte doch nicht einfach so vorbei sein? Aber sie hat nicht mit mir reden wollen. Ich hab mich zurückgezogen, saß nur noch zu Hause rum und hab gesoffen. Hab mich in Selbstmitleid ertränkt, keinen an mich rangelassen. Mal hab ich die Schuld bei mir gesucht, dann wieder bei ihr. Hab mich ständig gefragt, was schiefgelaufen ist, was ich falsch gemacht habe. Eines Abends stand Lina dann plötzlich vor meiner Tür. Tränenüberströmt, hat sich dauernd entschuldigt. Sie gestand mir, dass sie mich betrogen hatte. Zwei Jahre lang! Sie hat sich in meinen damals besten Freund verknallt, als ich mit den Jungs auf Tour war und sie nicht mit konnte. Ich Trottel hab Matti auch noch gebeten, auf sie aufzupassen. Ich bin so ein Idiot!“
„Zwei Jahre lang?“
„Ja, ich war so blind vor Liebe, dass ich nichts gemerkt habe. Hab alles für sie getan, ihr alles gekauft, was sie brauchte. Sie überall mit hingenommen. Sie von der Presse ferngehalten, damit sie ihre Ruhe hatte. Ihr jeden Wunsch von den Lippen abgelesen.“
„Warum ist sie denn so lange mit dir zusammen geblieben? Ich versteh das nicht…“ schüttelte ich den Kopf.
„Geld! So einfach ist das. Sie hat Matti geliebt, aber ich war ihr nützlich und dumm genug, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Sie hat mich zwei Jahre lang nach Strich und Faden belogen, ausgenutzt, für dumm verkauft. Ich war so blind. Heute fallen mir zig Situationen ein, wo ich was hätte merken müssen. Aber damals… Lina hat mir das Herz gebrochen, ist auf mir und meinen Gefühlen rumgetrampelt. Ich fühl mich so…so….“ Lauri versagte die Stimme. Weinend flüchtete er sich in meine Arme. Ich drückte ihn, streichelte sanft seinen Rücken. Wusste nicht, was ich sonst hätte tun können. Jedes Wort wäre falsch am Platz gewesen. „Es tut so weh! Tia, hilf mir…“ schluchzte Lauri.

XXVI.

Als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlug, blickte ich direkt in Lauris grüne Augen. „Morgen Süße,“ flüsterte er. Ich lächelte. „Hey. Wie lang bist du schon wach?“ „Weiß nicht, ne Stunde vielleicht. Du siehst so süß aus, wenn du schläfst. So friedlich. Ich musste dich einfach beobachten.“ Muss ich erwähnen, dass ich wieder rot anlief? „Danke,“ sagte Lauri. „Dafür, dass du heute Nacht für mich da warst, mein ich“. „Das war doch selbstverständlich. War ich dir schuldig,“ flüsterte ich zurück. „Weißt du eigentlich, wie froh ich bin, dir begegnet zu sein?“ fragte Lauri. „Deine Freundschaft ist mir unendlich wichtig, Tia.“ „Geht mir genauso, das mit uns ist etwas ganz Besonderes“ erwiderte ich, ohne den Blick von Lauris Augen wenden zu können. Warum störte mich dieser Satz so? Es war die Wahrheit, Lauris Freundschaft war mir wichtig, sehr wichtig sogar. Aber da war noch mehr, Gefühle, die ich noch nicht einordnen konnte. Warum wurde mir jedes Mal flau im Magen, wenn Lauri mich so ansah, wenn er mich berührte? Warum war es mir so wichtig, ständig Lauris Nähe spüren zu wollen? War ich doch verliebt? Nein, ausgeschlossen. Ich hatte mir geschworen, mich nie wieder zu verlieben, auch ein Lauri Ylönen würde daran nichts ändern. Aber was wenn doch?
„Musst du heute nicht arbeiten?“ fragte Lauri in diesem Moment.
„Scheiße scheiße scheiße! Das hab ich total vergessen!!“ Hektisch sah ich auf die Uhr. Halb eins. Was? Um Gottes Willen, wir hatten den halben Tag verschlafen! Jetzt brauchte ich eigentlich auch nicht mehr arbeiten gehen. Eine Ausrede musste her.
„Gib mir mal bitte mein Handy“, bat ich Lauri. Schnell wählte ich die Nummer meiner Lieblingskollegin. „Manu, ich bins, Tia. Du hör mal, ich hab total vergessen bescheid zu sagen, ich hatte heut morgen nen Termin bei meinem Prof, das ging bis gerade. Soll ich noch ins Büro kommen?“ fragte ich scheinheilig. Zum Glück lehnte Manu ab und wünschte mir ein schönes Wochenende. „Puh, gerade noch mal gut gegangen!“ grinste ich Lauri an. „Frühstück?“ „Mittagessen wär mir lieber“, lachte er und machte sich auf den Weg nach unten.

„Was fangen wir jetzt mit dem angebrochenen Tag an?“ fragte Lauri schmatzend und nahm sich noch ein Stück Brot. „Keine Ahnung was ich mache, aber ihr geht doch sicher ins Studio, oder“? Fragend sah ich in die Runde. „Nö, Studio ist erst heut Abend geplant. Machen wir immer so, das lernst du schon noch, Kleene!“ erwiderte Aki. „Ey, wer hat dir erlaubt Tia Kleene zu nennen?“ grummelte Lauri, den Mund noch voll Chili. „Ups,“ grinste Aki frech. „Also? Was stellen wir an?“ „Sag du’s uns. Kann man hier in der Pampa was anstellen?“ „Hm, na ja… lasst mich mal nachdenken…viel los ist hier wirklich nicht. Wir könnten spazieren gehen, oder ich zeig euch die zwei Geschäfte in der Innenstadt, oder wir lassen Drachen steigen, Heuballen raufklettern, am Supermarkt Einkaufswagen klauen…“ „Okay okay, verstanden!“ unterbrach Pauli mich. „Das geht ja gar nicht!“ „Nee, sag ich ja!“ lachte ich. „Also ich brauch unbedingt noch n Geburtstagsgeschenk, bevor wir Dienstag losfahren. Und Aki, du wolltest doch noch deine Uhr reparieren lassen, oder? Kann man das hier irgendwo?“ „Hier nicht, aber im CentrO. Wart ihr da schon mal? Da können wir Lauri glatt noch ein paar Klamotten besorgen, immer nur das Thunder Shirt ist doch langweilig,“ stichelte ich und fing mir dafür einen Seitenhieb von Lauri ein. „Aua!“ „Das sind übrigens 3 Thunder Shirts! Will ich nur mal klarstellen! Habs mir direkt drei Mal gekauft, damit ich immer n frisches hab“ sagte er und zog eine Schnute. Vor Lachen hätte ich beinah mein Chili quer über den Tisch verteilt.

Die Sache war also abgemacht. Damit uns beziehungsweise The Rasmus nicht zu viele Fans erkannten, wollte Lauri sich noch kurz umstylen. Zwanzig Minuten später - wir standen schon ungeduldig am Auto - erschien Lauri in der Haustür. Aki, Pauli, Eero und ich wechselten einen kurzen Blick, dann brachen wir in schallendes Gelächter aus.

XXVII.

Lauri sah zum Schießen aus. Er trug ein dunkelrotes Hemd und schwarze Jeans, Soweit so gut, halt etwas schicker als gewohnt. Aber seine Frisur! Ich betrachtete ihn genauer, hatte Mühe, vor Lachen nicht loszuheulen. Lauri hatte sich einen Mittelscheitel gekämmt, so dass die Haare eng am Kopf anlagen. Da mussten Tonnen von Haarspray drauf sein, kein Haar bewegte sich mehr. Er war ungeschminkt, fehlte nur noch die Hornbrille und er sähe aus wie der perfekte Streber. Ich war mir sicher, dass ihn in dieser „Verkleidung“ niemand erkennen können würde. Lediglich der schwarze Nagellack ‚verriet’ den echten Lauri.

Leicht schmollend stieg Lauri in mein Auto. „Na dann wolln wir mal sehen, ob mein kleines Flitzerchen den Weg schafft!“ grinste ich und schielte zu Pauli. Der hatte sich wegen akuten Platzmangels auf der Rückbank auf den Beifahrersitz setzen müssen, wofür er sich einen bösen Blick von Lauri einfing. Aki, Eero und Lauri machten es sich hinten so bequem wie möglich, was nicht einfach war.
Eine Stunde später kamen wir endlich an. Aki lief direkt Richtung Uhrengeschäft los, Pauli verschwand in einem der viele Krimskrams Läden. Unschlüssig blieben Eero, Lauri und ich am Eingang stehen. Eero sah erst mich, dann Lauri, dann wieder mich an. „Ich…ähm… ich geh mal nen CD Laden suchen,“ grinste er und zog von dannen. „Und was machen wir beiden Hübschen?“ fragte Lauri. „Na was wohl! Dir n paar Klamotten suchen!“ rief ich und zog Lauri in den erstbesten Laden.

Mürrisch probierte Lauri alles an, was ich ihm in die Kabine brachte. Selbst die unmöglichen Hawaiihemden, die eigentlich nur als Scherz gedacht waren. Wie ein Kleinkind hatte Lauri an allem etwas auszusetzen. Das eine Shirt war zu groß, das andere was für Spießer. Entweder war die Farbe ‚grauenhaft’ oder der Aufdruck ‚bescheuert’. Das selbe Spiel im nächsten, übernächsten und auch im vierten Geschäft. Langsam näherte sich meine Geduld dem Ende, Lauri war ja noch wählerischer als wir Mädels! Doch plötzlich - oh Wunder - zog Lauri ein schwarzes Shirt mit dem Aufdruck „Dying to live“ aus einem Regal. „Das nehm ich!“ rief er und präsentierte es stolz. Das? Das sieht doch genauso aus wie sein Thunder - Shirt, nur mit ner anderen Schrift, dachte ich resignierend. Ich war zu genervt, um Einspruch zu erheben, Lauri war eh nicht vom Gegenteil zu überzeugen. „Nimm es doch wenigstens in ner anderen Farbe!“ maulte ich. Schließlich ließ Lauri sich zu olivgrün überreden, packte das schwarze aber natürlich auch ein. „Ich hab keine Lust mehr“, meckerte ich, als Lauri endlich bezahlt hatte. „Gott sei Dank“, lachte der. „Ich hatte schon die Befürchtung, diese Tortur würde endlos weitergehen!“ „Nee nee, mit dir kann man echt nicht shoppen gehen!“ maulte ich weiter. Da von den anderen niemand in Sicht war, verließen wir das Einkaufszentrum und ließen uns in einer der Eisdielen auf der Promenade nieder. Lauri schickte Aki und Co noch schnell eine SMS, damit die uns finden konnten. Nach nur zwanzig Minuten Warterei kamen endlich unsere Eisbecher, über die wir uns genüsslich hermachten. Nach einer Weile fiel mir auf, dass Lauri mich beobachtete. „Was? Hab ich Sahne auf der Nase?“ fragte ich skeptisch. „Nee, mir ging nur grad durch den Kopf, was in der letzten Woche alles passiert ist. Das gibt bestimmt nen neuen Song,“ zwinkerte er mir frech zu und knabberte an seiner Waffel. Ich wollte gerade ansetzen, ihn weiter auszuquetschen, als Aki, Eero und Pauli ins Eiscafe stürmten. Stolz präsentierten sie ihre Ausbeute. Als Lauri stolz seine T-Shirts hochhielt, wechselten die Jungs untereinander einen Blick, sahen dann zu mir. Wieder mussten wir loslachen. „Ey, was soll das? Ist heute der Lacht-Lauri-aus-Tag oder was?“ rief Lauri und verschränkte sauer die Arme. „Ach komm Süßer,“ zwinkerte ich ihm zu und tätschelte seinen Kopf. „War doch nicht böse gemeint.“ „Ja ja, sehr witzig. Verschwört euch nur gegen mich“ maulte er. Ich warf ihm ein zuckersüßes Lächeln zu und er entspannte sich etwas. Energisch deutete er auf sein Wange und grinste schelmisch. „Na gut“, seufzte ich gespielt genervt und gab ihm einen sanften Kuss. „Zufrieden?“ Statt einer Antwort deutete Lauri auf seine andere Wange. Ich küsste ihn erneut. „Sollen wir dich auch noch küssen?“ warf Eero ein. „Wäh, nee lass mal!“ grinste Lauri. Wir aßen schnell unser Eis auf, zahlten und machten uns auf den Heimweg. Zu Hause schmissen wir mal wieder ein paar Pizzen in den Ofen und machten es uns mit einer DVD gemütlich. Da jedem von uns noch die letzte Nacht in den Knochen steckte, schliefen wir bald selig ein.

XXVIII.

Am nächsten Morgen wachte ich eng an Lauri gekuschelt auf. Ich brauchte eine Weile bis ich realisierte, dass wir immer noch auf der Couch lagen. Einer der Jungs hatte uns wohl zugedeckt. Langsam stand ich auf, konnte meinen Blick nicht von Lauri wenden. Er sah aus, als würde er etwas Schönes träumen, lächelte im Schlaf. Sanft strich ich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn und konnte gerade noch dem Drang widerstehen, ihn zu küssen. Leise seufzend ging ich nach oben ins Bad und stieg unter die Dusche.

Als ich frisch gestyled wieder nach unten ging, saßen The Rasmus schon beim Frühstück. Keiner hatte Lust, etwas zu unternehmen oder die restlichen Zimmer zu Ende zu renovieren. Also begaben wir uns in den Garten und lümmelten uns auf den Liegen. Den lieben langen Tag bewegten wir uns nur, wenn es wirklich nötig war. „Hast du eigentlich einen Grill?“ fragte Pauli und schubste einen kleinen Käfer von seinem Bauch. „Klar, da hinten im Stall!“ „Klasse! Ich hab nämlich von der ganzen Faulenzerei tierisch Kohldampf bekommen“ grinste er und machte sich daran, den Grill von Staub und Dreck zu befreien. Kurze Zeit später - nachdem Pauli kurz zur Tanke gedüst war, um Kohle zu holen - brutzelten die ersten Schnitzel und Würstchen fröhlich vor sich hin. Eero machte eine riesige Portion Salat, der Rest von uns ließ sich bedienen. Zum ‚Dank’ durfte ich den Abwasch übernehmen, während die Jungs sich gut gelaunt ins Studio verzogen, um noch ein paar Demos aufzunehmen. Nach der Mini-Tour sollte es dann richtig losgehen mit den Aufnahmen. Mit Tontechnikern, einem - mir unbekannten aber angeblich berühmten - Produzenten aus Schweden und dem ganzen Drum und Dran.

Nach dem Spülen besuchte ich die Jungs im Keller und beobachtete sie eine Weile beim rumprobieren. Klang schon mal nicht schlecht, was sie mir da präsentierten. Nur alles etwas langsam, fast nur Balladen. Ich hoffte, dass noch ein paar rockige Stücke dazukommen würden, sagte aber erst mal nicht. Ich wusste ja, warum Lauri im Moment der Kopf mehr nach Balladen stand.

Sonntag Morgen. Wieder wachte ich neben Lauri auf. Wow, das wird ja langsam zur Gewohnheit, dachte ich. Gefällt mir! Erst jetzt bemerkte ich, dass ich in Lauris Bett lag (mal wieder). Allerdings konnte ich mich nicht erinnern, überhaupt das Studio verlassen zu haben? Lauri musste mich wohl wieder mal hochgetragen haben. Mannomann, wenn das noch öfter passiert, mutiert Lauri noch zum Bodybuilder, dachte ich amüsiert.

Nach einem ausgiebigen Frühstück verzogen sich die Jungs wieder in den Garten. Ich hatte allerdings keine Lust, wieder nur den ganzen Tag faul rumzuliegen, also überredete ich Lauri zu einem Spaziergang, was mich einige Mühe kostete. Die ersten Minuten gingen wir schweigsam nebeneinander her. Erst als wir nach der Altstadt zu einem großen See kamen, hellte sich Lauris Miene auf. „Hey, hättest du mir direkt gesagt, dass ihr hier so ein schönes Fleckchen habt, dann wären wir nen Schritt schneller gelaufen!“ rief er erfreut aus. Langsam schlenderten wir um den See. Die Sonne knallte, obwohl es erst Mittag war. Die wenigen Spaziergänger, die uns entgegen kamen, musterten Lauri teils skeptisch, teils neugierig. „Einen von deiner Sorte gibt’s hier nicht oft!“ lachte ich, was Lauri mit einem kleinen Seitenhieb quittierte. „Open your eyes to the life in this small town“ sang Lauri leise. “So n Kaff bin ich ja auch nicht gewöhnt“, grinste er. Um nicht weiter beobachtet zu werden, verzogen wir uns zu einer kleinen Baumgruppe und ließen uns nieder. „Hach ist das schön hier“, seufzte Lauri und steckte uns eine Zigarette an. „So richtig entspannend“. Lächelnd lehnte er sich an den Baum und schloss die Augen. Ich ließ meinen Kopf in seinen Schoß sinken. „Fehlt nur noch n Butler mit Getränken und Palmwedel, dann wär’s perfekt!“ grinste ich und zog genüsslich an meiner Zigarette. Eine Weile dösten wir vor uns hin, genossen die Stille und genossen es vor allem, uns so nah zu sein. „Mist, ich hätten nen Zettel und Stift mitnehmen sollen“, murmelte Lauri in die Stille. „Wieso?“ „Hab grad ne Idee zu nem Song“. „Lass doch mal hören!“ bat ich. „Ich merk’s mir bis zu Hause“. „Hm, nee, ich muss das immer direkt aufschreiben, meistens sind das nur n paar Zeilen, die ich dann später sortiere und so“ „Ach komm, nu hab dich nicht so! Ich wär so gern mal dabei...“ bettelte ich und versuchte ihn mit meinem süßesten Lächeln zu bestechen. „Hm….“. Schließlich ließ er sich doch überzeugen.

Lying here, watching you sleep
You smile
Is it me, you’re dreaming of?

I could stay like this for hours
Just watching you
Everytime you look at me
Can’t help it, I’m drowning in your eyes
Each time you laugh
My heart gets a little warmer
Being close to you is all I want
Lying in your arms makes me feel complete

I’ve been hurt a thousand times
Lost my faith, but got it back
Don’t wanna live in the past
I’ll fight, I know I’ll find my way
With you
I need you

Leise erhob ich mich und rückte näher zu Lauri, der die Augen immer noch geschlossen hatte. Ich legte meine Beine über seine und nahm seine Hand, hörte ihm fasziniert zu.

It’s hard, hard to forget the past
Sometimes it scares me, makes me shiver inside
Sometimes I’m scared to close my eyes
cause bitter memories are taking over me
It’s only words, I know
But words can hurt you like a gun
Can change your life forever

“Ach, das passt irgendwie nicht, ich brauch was zum Schreiben“ brach Lauri ärgerlich ab und sah zu Boden, spielte mit einem Grashalm. „Lauri, das war wunderschön“, flüsterte ich und drehte seinen Kopf zu mir. Uns war beiden klar, worüber er da eben gesungen hatte. Er hatte genau das ausgesprochen, was auch ich fühlte, aber nicht in Worte fassen konnte. Langsam kamen wir uns immer näher. Die Luft stand, brannte. Sanft strich Lauri mir über die Wange, sah mir tief in die Augen. „Tia,“ flüsterte er, dann berührten sich unsere Lippen. In diesem Moment nahm ich nichts mehr um mich herum war, spürte nur Lauris weiche Lippen, seine Hand in meinem Nacken.
Dudududidadadidadu.... plötzlich klingelte mein Handy.

XXIX.

Sofort zuckten wir auseinander, sahen schnell in eine andere Richtung. Nervös durchwühlte ich meine Tasche und suchte mein Handy, das noch immer unverschämt fröhlich vor sich hinklingelte. „Ja?“ Endlich hatte ich es gefunden. „Tia, ich bin’s, Aki. Lauris Handy ist ausgeschaltet. Wo zum Teufel seid ihr?“ Er klang sauer. „Wir ähm… an nem See, wieso? Ist was passiert?“ fragte ich verwirrt, in Gedanken immer noch bei dem Kuss. „Chris ist hier, wir müssen die Planung für nächste Woche besprechen. Lauri wusste doch bescheid!! Seht zu, dass ihr zurückkommt“! Aki legte auf. Kein ‚Tschüß’ oder ähnliches. Oh oh… Langsam sah ich zu Lauri. „Du hast dein Date mit Chris vergessen“. „Ups“, erwiderte Lauri nur und stand auf. „Na dann komm, ab nach Hause“. Schweigend machten wir uns auf den Rückweg. „Lauri…“ setzte ich nach einer Weile an, doch er bedeutete mir mit einem Blick, dass er nicht darüber reden wollte, was gerade passiert war. Frustriert ging ich weiter neben ihm her. Was war das eben? Meine Gefühle schlugen Purzelbäume. Einerseits war ich mir doch sicher, dass ich nicht in Lauri verliebt war, dass mir diese Freundschaft mehr bedeutete. Doch was ich da gerade bei dem Kuss empfunden hatte, sprach eine ganz andere Sprache. Dabei war es noch nicht mal ein richtiger Kuss gewesen, mehr eine flüchtige Berührung. Was war nur los mit mir? Nach einer Weile nahm Lauri zögernd meine Hand. So gingen wir schweigend weiter, bis wir zu Hause ankamen.

Dort wurde Lauri sofort von den anderen in Beschlag genommen. Da ich nicht stören wollte, schob ich mir einen Sessel zum Fenster und beobachtete die Jungs aus der Ferne. Die Planung war ziemlich straff, schon morgen Nachmittag sollte es los nach Barcelona gehen. Ein neuer Interviewmarathon wartete auf The Rasmus, einige Meet and Greets und Fotoshootings. Chris hatte seine liebe Mühe, The Rasmus zu motivieren. Gelangweilt nuckelte Aki an seiner Flasche Bier, Eero hypnotisierte die liegengebliebenen Krümel vom Frühstück und Pauli, ja Pauli sah so aus, als wäre er schon wieder eingeschlafen. Lauri lümmelte sich in seinen Sessel und sah zu mir rüber. Immer noch verlegen versuchte ich, seinem Blick standzuhalten, was mir sogar einigermaßen gelang. Chris präsentierte gerade einige Zeichnungen von Fans, von denen The Rasmus fünf Gewinner für ein Meet and Greet in Barcelona auswählen sollten. „Kommst du mit?“ unterbrach Lauri Chris’ Monolog und sah mich an. Überrascht lösten sich Eero und Aki von ihrer kleinen Nebenbeschäftigung und sahen mich an. Sogar Pauli wachte auf. Ich starrte Lauri entgeistert an. „Ich?“ „Ja klar, wer sonst?“ „Ähm, ich weiß nicht… Also ich würd ja schon gern, aber…“ „Ok, also kommst du mit!“ beschloss Lauri. „Hey, stopp, langsam! Ich muss arbeiten Jungs, und die Uni geht auch los!“ „Also mit deinem Chef hab ich gesprochen, du hast frei!“ grinste Lauri schelmisch. „Wie gut, dass du dein Handy immer und überall liegen lässt, hast mal wieder nix mitbekommen, gell? Na und in der ersten Woche ist an der Uni doch sowieso nicht viel los hast du doch erzählt. Bitte, Tia! Außerdem hab ich schon die Flüge für dich gebucht!“ „Ich weiß nicht…“ grübelte ich. „Och komm Tia! Mit dir ist’s viel lustiger, lass uns nicht betteln!“ warf Aki ein. Verzweifelt sah ich Chris an. „Also, wenn das bedeutet, dass ihr euch die Woche über Mühe gebt, dann muss Tia wohl mitkommen!“. Ich hatte keine Chance. Einerseits freute ich mich wahnsinnig darüber, dass die Jungs mich dabeihaben wollten. Aber andererseits hätte ich die Woche gerne dazu genutzt, mir endgültig über meine Gefühle zu Lauri klar zu werden. „Na guuuut“ stimmte ich schließlich zögerlich zu. „Gute Entscheidung!“ freute sich Chris und sah mich dankbar an. Pauli stand auf und sagte „Tia, du weißt was das heißt?“ Fragend sah ich ihn an. „Gruppenkuscheln!!!!“ Nein, nicht schon wieder! Schon lagen die vier Rasmusse wieder auf mir.

Am späten Abend verabschiedete sich Chris endlich und The Rasmus gingen gut gelaunt runter ins Studio, während ich noch schnell aufräumte. Die Jungs wollten sich heute noch mal um das Demo von ‚Why’ kümmern. Als ich ins Studio kam, lagen Aki und Lauri sich bereits in den Haaren. Eero und Pauli hatten sich auf die Couch verzogen und beobachteten die beiden skeptisch.
„Was soll die Scheiße Lauri? In Helsinki waren wir uns doch wohl einig, dass wir mit Streichern und nem Chor arbeiten!“
„Ich hab meine Meinung aber geändert! Ist schließlich mein gutes Recht!“
„Ja schon, aber da haben wir so ne klasse Nummer und du willst sie nicht ausbauen? Ist doch völlig bescheuert, da kann man so viel draus machen!“
„Aki, ich will den Song aber nicht so bombastisch haben. Einfach nur Gitarre und mein Gesang, ich will den Text im Vordergrund. Ist das so schwer zu kapiern? Du weißt genau, warum ich den Song…“ Lauri stoppte, als er meinen Blick sah. Bevor er weitersprechen konnte, motzte Aki schon wieder los.
„Denk doch mal weiter! Wenn wir den Song so der Plattenfirma präsentieren, hauen die uns den um die Ohren!“
„So weit kommt’s noch, dass ich meine Songs für die Plattenfirma schreib!“ Wütend knallte Lauri seine Bierflasche auf den Tisch. „So, oder gar nicht! Entweder ne Akustik Nummer oder wir kloppen den Song in die Tonne!“
„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“
“Na du solltest mich besser kennen.“
„Lass es uns doch wenigstens mit’m Keyboard ausprobieren!“
„NEIN verdammt!“
„Aber das wird gut, garantiert! Sei doch nicht so elendig stur!“
„Aki verdammt, ich habe nein gesagt! Das ist mein Song und ich will verdammt noch mal keine Orchester-Schnulze oder was weiß ich draus machen!“
„Na wenn du so darauf bestehst, dass das DEIN Song ist, dann solltest du den vielleicht solo machen!“
Kochend vor Wurt starrten Lauri und Aki sich an. Um zu vermeiden, dass die beiden Sturköpfe aufeinander losgingen, trat ich zwischen sie.
„Jungs, beruhigt euch doch erst mal! Das könnt ihr doch in Ruhe klären,“ sagte ich beschwichtigend.
„Verdammte Scheiße, was mischst du dich denn ein Tia! Du hast doch keine Ahnung!“ schrie Aki und riss seine Arme hoch.

~~’Du bist der größte Nichtsnutz in dieser Familie!’ schrie mein Vater und holte aus~~

Ich zuckte zusammen, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und sank auf den Boden.
„NEIN!“
Aki verstummte und sah verwirrt zu mir runter.
„Nicht schlagen, bitte nicht schlagen!“ wimmerte ich. Langsam beugte Lauri sich zu mir runter und zog mich an sich. „Shhht, schon gut Tia, alles in Ordnung“ flüsterte er. „Bist du jetzt total übergeschnappt?“ pflaumte er Aki an. „Du tickst ja nicht mehr richtig!“ Wütend brachte Lauri mich nach oben in sein Zimmer.
„Was hab ich denn bitte getan?“ fragte Aki verwirrt. Ahnungslos zuckten Eero und Pauli mit den Schultern.

XXX.
„Hey, hey Tia, Süße, beruhig dich!“ sagte Lauri und schloss mich fest in seine Arme. Ich zitterte am ganzen Körper, weinte immer noch. Lauri drehte meinen Kopf zu seinem, küsste mich auf die Stirn und wischte mir die Tränen weg. „Aki wollte dich ganz sicher nicht schlagen“. „Ich weiß“, schniefte ich. „Keine Ahnung, was da gerade in mich gefahren ist. Aki hat so losgeschrieen, und als er seine Arme hochgerissen hat, da hab ich auf einmal meinen Vater vor mir gesehen. Es war so real…“. Schluchzend klammerte ich mich an Lauri. „Genauso hat er immer vor mir gestanden und mich angeschrieen, bevor er zugeschlagen hat. Ich werd diese Erinnerungen einfach nicht los, egal was ich mache“. „Shhht, beruhig dich, ich bin ja da“ versuchte Lauri mich zu trösten. „Du brauchst Zeit, Zeit um mit deiner Vergangenheit abzuschließen und alles zu verarbeiten. Glaub mir, irgendwann werden diese Bilder aus deinem Kopf verschwinden, versprochen. Gib dir selber Zeit, du setzt dich zu sehr unter Druck.“ „Ja was soll ich denn machen? Ich versuch doch die ganze Zeit, nicht mehr an meine Eltern zu denken, aber sie sind halt da! Egal was ich mache, egal was ich tue, sie sind einfach überall!“ „Das wird sich auch nicht von heute auf morgen ändern Tia, dafür hast du zu viel mitgemacht. Aber ich glaube fest daran, dass du es schaffst, Süße. Du brauchst nur Zeit, und jemanden, der dir hilft und für dich da ist“. „Dafür hab ich ja dich“ lächelte ich ihn dankbar an. Allmählich erlangte ich meine Fassung wieder. Gleichzeitig war es mir unendlich peinlich, mich schon wieder so verhalten zu haben. „Ich werd mich revanchieren, versprochen“. „Quatsch, das hast du doch schon längst. Dafür sind Freunde doch da.“ Eine Weile schwiegen wir, sahen uns in die Augen. „Geht’s wieder besser?“ fragte Lauri. Ich nickte und wischte mir die verschmierte Wimperntusche weg. „Lauri,…“.
In diesem Moment steckte Aki vorsichtig den Kopf zur Tür herein. „Tia,“ setzte er an.
„RAUS“ brüllte Lauri. Wortlos verschwand Aki wieder. „Hey, lass ihn, er kann doch nichts dafür.“ „Ich weiß, aber ich bin eh noch sauer auf ihn. Geschieht ihm recht. Außerdem soll er sich dafür entschuldigen, dass er dich so angeschrieen hat.“ „Lass mal… Ich klär das nachher mit ihm. Und ihr beide solltet auch reden.“ „Was gibt’s da noch zu reden? Wir haben beide unterschiedliche Vorstellungen von dem Song, nur sieht er nicht ein, wie wichtig mir der Song ist und ich will ihn halt einfach auf meine Weise einsingen. Basta!“ „Und wenn ihr nach einem Kompromiss sucht?“ versuchte ich zu schlichten. „Ich wüsste nicht, was es da für einen Kompromiss geben sollte… Komm, Themawechsel, ich reg mich schon wieder auf“. „Dickkopf!“ grinste ich Lauri an. „Na und? Ist mein Markenzeichen!“. Wir lachten, irgendwie verkrampft.
Stille.
Verlegen sahen wir uns an, wussten beide, dass der Kuss noch zwischen uns stand. Wir mussten darüber sprechen, soviel war klar. Doch es war schwer, einen Anfang zu finden. Zum Glück brach Lauri die Stille. „Tia, heute Nachmittag…der Kuss…“ Verlegen kratzte er sich am Kopf und suchte nach den richtigen Worten. „Versteh das jetzt bitte nicht falsch, aber ich hab mich hinreißen lassen. Die Situation…das tolle Wetter, die Atmosphäre, so ein süßes Mädel in meinem Arm… Es passte einfach alles. Aber…“ Erleichtert atmete ich aus. Lauri dachte also genauso wie ich. „Du bist noch nicht reif für eine neue Beziehung, stimmt’s?“ Lauri nickte. „Lauri, ich auch nicht. Es war wunderschön, aber der falsche Zeitpunkt, oder? Ich mein, mir ist unsere Freundschaft zu wichtig. Viel zu wichtig, um sich jetzt in etwas reinzustürzen, was im Moment eh keine Zukunft hätte. Und dann gäbe es kein zurück mehr.“ Hatte ich das gerade wirklich gesagt? „Ja, seh ich auch so,“ erwiderte Lauri, sah aber genauso unglücklich aus wie ich. „Wir haben alle Zeit der Welt.“ Nachdenklich kuschelten wir uns unter die Bettdecke und hingen unseren Gedanken nach.

Am nächsten Morgen stand ich schon früh auf und machte mich auf den Weg zu meinem Steuerberater, der mich in die Welt der Steuern einweisen wollte. Ich verstand allerdings nur Bahnhof, also erteilte ich ihm die Vollmacht, sich um alles zu kümmern. Bei der Bank lief es ähnlich ab. Dieser Schnösel mit Anzug und Krawatte hielt einen Monolog über die besten Anlagemöglichkeiten, von dem ich allerdings nicht viel mitbekam. Meine Gedanken schweiften immer wieder zurück zu dem Gespräch mit Lauri. Es war wirklich besser, wenn wir es erst mal bei einer guten Freundschaft beließen. Trotzdem konnte ich meine Gefühle nicht einfach abschalten, auch wenn ich mich mit aller Kraft gegen sie wehrte. Ich musste erst mal mit mir selber klarkommen, bevor ich jemand anders in mein Leben lassen könnte. Das sagte mir zumindest mein Verstand, mein Herz jedoch schrie nach Lauri, nach seinen Küssen, seinen Berührungen. Doch eine Beziehung kam für mich überhaupt nicht in Frage, ich glaubte noch nicht mal daran, überhaupt dazu fähig zu sein. Das bedeutete, sich jemandem komplett zu öffnen, komplett hinzugeben. Es gab Dinge, über die ich noch nie gesprochen hatte und ich würde sie Lauri irgendwann erzählen müssen. Nein, dazu war ich noch nicht in der Lage. Doch würde ich es jemals sein? Irgendwann musste ich zwangsläufig diesen Schritt wagen. Wenn nicht mit Lauri, dann mit jemand anderem, aber der Tag würde kommen und mir graute davor. Ich wusste, dass ich Lauri hundert prozentig vertrauen konnte, dass er mich niemals so verletzen würde, wie es andere getan hatten. Trotzdem hatte ich Angst. Angst doch enttäuscht zu werden. Und doch musste ich bei dem Gedanken an Lauri lächeln, er tat mir einfach so gut. Ich konnte völlig ich selbst sein und er akzeptierte mich so wie ich war. Instinktiv schüttelte ich den Kopf. Nein, vergiss diese Gefühle Tia, sei vernünftig. Verwundert sah der Anlageberater mich an. Anscheinend hatte ihn mein Kopfschütteln aus dem Konzept gebracht. „Ich dachte wir waren uns einig?“ „Was? Ähm ja, klar.“ Ich hatte kein Wort von dem Zeug mitbekommen, was er mir erklärt hatte. Zufrieden fuchtelte er mit seinem Kuli vor meiner Nase rum. Ich unterschrieb irgendwelche Anlageverträge, die angeblich sehr gewinnbringend waren. Naja, wird schon stimmen, dachte ich. So schnell wie möglich verabschiedete ich mich und fuhr nach Hause, um meine Sachen zu packen.

Doch als ich ankam, sah ich Aki und Lauri auf der Terrasse sitzen. Aki, stimmt, bei dem wollte ich mich ja noch entschuldigen für gestern. Etwas nervös ging ich zu den beiden. Als Aki mich sah, sprang er auf. „Tia, da bist du ja! Sorry für gestern. Ich habs nich so gemeint, ich wollte dich nicht so anschreien. Ich war ja nicht sauer auf dich sondern…“. „Lass mal gut sein Aki. Ich muss mich entschuldigen. Du konntest ja nicht wissen, dass ich so empfindlich reagiere“. „Trotzdem…“. „Vergessen wir’s einfach, ok?“ „Na gut“. Erleichtert umarmten wir uns. „Lauri hat’s mir ein bisschen erklärt, das mit deinen Eltern mein ich. Hätte ich das gewusst…“. „Ist schon gut Aki, ehrlich, ich komm klar. Jetzt geh mal brav deine Sachen packen!“ befahl ich und ließ mich neben Lauri nieder. „Ach übrigens,“ rief Aki von der Tür aus. „Wir haben uns auf die Akustik Nummer geeinigt!“ „Na da bin ich ja beruhigt!“ rief ich zurück. „Guten Morgen erst mal!“ begrüßte ich Lauri zwinkernd und gab ihm einen Guten-Morgen-Kuss. Skeptisch sah er mich an. „Ich hoffe, du bist jetzt nicht sauer, dass ich Aki was gesagt habe?“ „Nee, ist schon ok. Der hätte mich doch sonst für völlig meschugge gehalten“. „Das tun wir sowieso!“ lachte Lauri zurück. „Na warte!“ rief ich, doch Lauri war schon aufgesprungen und auf dem Weg nach drinnen. Nach einer kurzen Kabbelei gingen wir endlich unsere Koffer packen.

XXXI.

„Ach du meine Güte, was veranstaltest du denn hier für ein Chaos!“ rief Lauri eine halbe Stunde später, als er in mein Zimmer kam. Entgeistert sah er sich um. Ich hatte meinen großen Koffer aufs Bett gelegt, doch der Inhalt meines Kleiderschrankes lag verstreut auf dem Boden rum. Ziemlich planlos stand ich in der Mitte des Raumes und betrachtete das Chaos. „Ich kann mich einfach nich entscheiden, was ich alles mitnehmen soll! Bist du etwa schon fertig mit Packen?“ „Ja klar, n paar Hosen und T-Shirts, Ausweis und das war’s doch schon.“ „Ach ihr Männer habt’s gut,“ seufzte ich und schnappte mir zwei T-Shirts. „Das hier, oder das da?“ „Das dunkle natürlich!“ erwiderte Lauri. „Nu mach’s dir doch nicht so schwer Süße! Egal was du anziehst, du siehst immer super aus“. Na das wüsste ich aber, dachte ich. „Wie viel Zeit hab ich noch?“ „Das Taxi kommt in ner Stunde. Jetzt komm ma her. Das da packst du ein, und den Rock da, und hier die Shirts, und wofür bitte brauchst du fünf Paar Schuhe?“ Lachend beobachtete ich Lauri, der sich durch meinen Klamottenberg wühlte. Seine Auswahl sagte mir einigermaßen zu, also packte ich brav in den Koffer, was Lauri mir zuwarf. „Wohoooooo, was ist das denn für n Teil?“ rief Lauri und hielt mein kleines schwarzes hoch. „Das…äh… das ist noch von meinem Abiball. Das kommt nicht mit, passt mir sicher eh nicht mehr.“ „Falsch, das MUSS mit! Los, anprobieren!“ befahl er. „Lauri…“ „Keine Widerrede!“ Murrend ging ich ins Bad und probierte das Kleid an. Seit dem Abi hatte es keine passende Gelegenheit mehr gegeben, es anzuziehen. Wow, passt ja sogar noch, stellte ich überrascht fest. Sieht sogar einigermaßen gut aus, wenn ich noch diesen blöden Reißverschluss zubekommen würde…
„Wow, Tia, klasse! Bist ja kaum wiederzuerkennen!“. Lauri musterte mich von oben bis unten, was mir gar nicht mal so unangenehm war. „Könntest du mal…?“ fragte ich und deutete auf meinen Rücken. „Klar, komm her“. Für den Bruchteil einer Sekunde berührte Lauri meine Haut. Sofort bekam ich Gänsehaut, ein wohliger Schauer lief über meinen Rücken. In diesem Moment - unpassend wie immer - kamen Eero und Aki rein. „Hey, ne Modenschau? Warum sagt uns keiner bescheid?“ grinsten die beiden. „Sagt Tia mal bitte, dass das gut aussieht!“ bat Lauri. Aki und Eero reckten die Daumen in die Höhe. „Du siehst wie verwandelt aus. Aber am besten an dem Outfit sind die Hausschuhe“ lachte Aki. „Männer!“ meinte ich nur. „Ok, ich zieh mich wieder um, Lauri kann ja zu Ende packen,“ sagte ich und verschwand wieder im Bad. „Sie hätte sich auch ruhig hier umziehen können,“ hörte ich Aki noch murmeln. Sekunden später hörte ich ein „AUAA, war doch nur n Scherz!“. „Danke Lauri!“ rief ich lachend, schloss kopfschüttelnd die Tür und machte mir erneut an dem verflixten Reißverschluss zu schaffen.

Pünktlich eine Stunde später holte Chris uns mit einem großen Taxi ab. „Hey, was habt ihr denn so gute Laune?“ wunderte er sich, als wir lachend unser Gepäck in den Kofferraum schmissen. „Och, Tia hat uns grad ihre Outfits präsentiert, ich glaub das wird ein guter Trip!“ lachte Eero und wich meiner Faust aus. Am Flughafen lief alles reibungslos ab, alle hatten an ihre Ausweise gedacht, das Gepäck war schnell aufgegeben. Da wir noch ein paar Minuten bis zur angegebenen Boarding Zeit hatten, verzogen wir uns in die Lufthansa Lounge und plünderten von neugierigen Blicken begleitet das Buffet. „Ihr müsst auch immer und überall auffallen, gell Jungs?“ „Bleibt nicht aus, wenn man ständig so nen Typ komischem Make up und total bescheuerter Frisur im Schlepptau hat!“ stichelte Aki. Gerade noch rechtzeitig konnte er einem Käsehäppchen ausweichen, das Lauri nach ihm warf. Leider traf er die Omi am Nebentisch, die sich vor Schreck Sekt über ihren Designerrock schüttete. „Sorry!“ rief Lauri ihr zu und hielt sich vor Lachen den Bauch. Ebenfalls lachend brachte Eero der Dame ein paar Servietten und ließ sich wieder bei uns nieder. „Schämen solltet ihr euch!“ schimpfte die Oma. „Die Jugend von heute, keine Erziehung mehr. Mein schöner Rock!“ „Oh oh, wieder ein Fan weniger“ grinste Lauri. „Hab ich was verpasst?“ fragte Chris, der grad vom Buffet zurückkam, skeptisch. Unschuldig blickten die Jungs durch die Lounge, wichen Chris’ Blick aus. „Tia?“ „Hm?“ „Was war hier los?“ „Nix, nix.“ „Tia! Ich dachte du stehst auf meiner Seite?“ „Naaa gut, ich bekomm nur grade Unterricht, wie sich richtige Rockstars benehmen“, erklärte ich schmunzelnd und bekam einen erneuten Lachanfall. „Ok, ich frag gar nicht weiter“, gab Chris auf. „Los jetzt Kinders, unser Flieger ist bereit.“

Ohne anstehen zu müssen wurden wir schnell in die erste Klasse geführt. An den Promi-Bonus könnt ich mich echt gewöhnen, dachte ich. Der Flug lief ohne weitere peinliche Zwischenfälle ab, was wahrscheinlich daran lag, dass wir alleine in der ersten Klasse saßen. Pünktlich um halb acht landeten wir in Barcelona. Sogar alle unsere Koffer kamen gleichzeitig an, was besonders Pauli freute. „Normalerweise bin ich immer der letzte, der seinen Koffer bekommt. Meistens persönlich ins Hotel gebracht, hehehe“, erzählte er. Vor dem Hotel stand bereits eine kleine Menge Fans, bewaffnet mit Postern und Fotoapparaten. „Wie haben die denn rausgefunden, dass wir heute schon kommen?“ wunderte sich Aki, geblendet vom Blitzlichtgewitter. Wenn der wüsste, dachte ich. Solche Dinge rauszubekommen war früher eine meiner leichtesten Übungen gewesen. Schnell gingen wir in die Lobby und checkten ein. Für heute waren glücklicherweise keine Termine mehr angesetzt, also beschlossen wir, noch was trinken zu gehen und die Stadt zu erkunden. „In ner Viertelstunde in der Lobby, abgemacht?“ Chris lehnte ab, er fühlte sich schon seit der Landung nicht besonders gut. Selbst Schuld, wenn man den Fraß im Flieger isst, grinsten wir uns wortlos an. Es dauerte eine Weile, bis wir alle unsere Zimmer gefunden hatten. Fast selbstverständlich kam Lauri mit in mein Zimmer, worüber sich Aki besonders freute. „Endlich mal ein Einzelzimmer!“ grinste er und verschwand. Zügig bezogen Lauri und ich mein Zimmer, warfen unsere Klamotten in den Kleiderschrank und standen pünktlich eine Viertelstunde später in der Lobby. Als die Jungs sich Richtung Hinterausgang davon machen wollten, überredete ich sie, schnell noch ein paar Autogramme an die wartenden Fans zu verteilen. „Schnell? Na lass dich mal überraschen Süße!“ grinste Lauri. „Das wird ein langer Abend!“ winkte er mir zu und wurde sofort von den Mädels in Beschlag genommen. Obwohl mittlerweile nur noch ein Dutzend Fans draußen wartete, schafften wir es erst eine Stunde später, uns auf den Weg zu machen. Amüsiert erinnerte ich mich an die Zeit, als ich mich wegen anderer Bands vor Hotels rumgetrieben hatte und immer sehr enttäuscht gewesen war, dass diese keine Autogramme gegeben hatten. Schön auch mal die andere Seite kennen zu lernen!
In der Altstadt steuerten wir die nächstbeste Cocktailbar an und setzten uns in ein ruhiges Eckchen. Ich bestellte auf Spanisch ein paar Cocktails, was The Rasmus mit einem überraschten Blick quittierten. „Du kannst Spanisch?“ „Jepp, hatte ich im Abi. Und ich bereue es erst seit heute Abend,“ grinste ich. „Hä?“ kam es überrascht zurück. „Wenn ihr wüsstet, was die Mädels da vorhin alles gelästert haben!“ Ich schüttelte den Kopf. „Erst hielten sie mich für Eeros neue Freundin, weil wir beide ja nebeneinander aus dem Hotel gekommen sind. Dann war ich auf einmal ne Groupie-Schlampe, dann die neue Managerin und so weiter. Ach und Lauri, dein Make up sitzt heute nicht so gut und Pauli du sollst dich mal wieder rasieren!“ „Hehehe, wenn wir die wiedersehen, gibt’s Haue!“ lachte Aki. „Ja, von unserem Obergroupie hier, gell Tia?“ grinste Eero. „Na aber hallo!“ Irgendwann nach Mitternacht waren wir wieder zurück im Hotel, tranken in der Bar noch einen Absacker und schlichen dann müde auf unsere Zimmer.
„Du, Tia?“
„Ja?“
„Darf ich dich was fragen?“
„Klar, alles was du willst.“
„Auch wenn’s was ganz persönliches ist? Ähm…auf mich bezogen mein ich.“
Verwirrt sah ich Lauri an.
„Nu frag schon!“
„Sitzt mein Make up echt so schlecht?“
Ich brach in schallendes Gelächter aus.

XXXII.

Pünktlich um neun Uhr schmiss uns der Wecker aus den Federn. Verschlafen ging ich ins Bad und erschreckte mich fast vor meinem eigenen Spiegelbild. Nach einer schnellen Dusche und einer Lobeshymne an Manhattan Make up sah ich wieder einigermaßen menschlich aus. Herrn Ylönen ging es ebenfalls nicht besser, nicht gerade ideale Voraussetzungen für das gleich anstehende Fotoshooting. Lauri stand singend unter der Dusche, als es klopfte. Es war Chris, der nur nachsehen wollte, ob wir rechtzeitig fertig werden würden. Chris war blass, sah aus als hätte er die Nacht nicht geschlafen. „Alles in Ordnung?“ fragte ich ihn. „Nicht wirklich. Ich hab die halbe Nacht im Badezimmer verbracht. Ich schwör dir, das Essen im Flugzeug rühr ich nie wieder an!“ Plötzlich fing er wieder an zu würgen, drückte mir den Krempel, den er bei sich hatte, in die Hand und nuschelte irgendwas von „Pass mal drauf auf“ oder so. Schon rannte er in sein Zimmer am anderen Ende des Ganges. Schulterzuckend ging ich wieder zurück, legte die Sachen auf den Tisch und ging auf den Balkon, um mir die Warterei auf Lauri mit einer Zigarette zu vertreiben. Irgendwo klingelte ein Handy. Da war aber jemand hartnäckig. Hallo? Kann mal bitte jemand rangehen? „Tia, geh doch endlich mal ran!“ brüllte Lauri aus der Dusche. Chris’ Handy! Das hatte ich total vergessen! Schnell schnippte ich die Zigarette nach unten und lief nach drinnen. „Hallo?“ „Ähm hi, ist Chris da?“ „Sorry, der ist grad in nem Gespräch“ log ich. „Kann ich vielleicht helfen?“ „Wer bist du denn?“ Hallo? Duzt der mich einfach! „Ich bin seine Assistentin. Soll ich Chris was ausrichten?“ Seine Assistentin… Schnelle Karriere Tia, grinste ich. „Ja, wäre nett wenn du The Rasmus sagen könntest, dass das Fotoshooting im Hotel stattfindet, nicht bei uns in der Redaktion. Geht das? Ach so, ich bin der Fotograf, Chris weiß bescheid.“ „Ja klar, ich sag den Jungs bescheid. Und wo?“ „Auf dem Dach, den blauen Himmel nutzen wir aus.“ „Alles klar. Dann bis später!“ Ich legte auf. Lauri stand mit hochgezogenen Augenbrauen und nur mit seiner Jeans bekleidet in der Badezimmertür. Hey, mit so einem Anblick fängt der Tag doch gut an. Hoffentlich hatte ich das jetzt nicht laut gedacht, betete ich. „Wer war das? Und wieso hast du Chris’ Handy?“ „Dem geht’s nicht gut, hängt die ganze Zeit überm Klo. Er hatte grad noch Zeit, mir seine Sachen in die Hand zu drücken. Das war der Fotograf, das Shooting findet hier statt, wir haben also noch ein paar Minuten extra Zeit, gut was?“ Bis Lauri sich zu Ende fertig gemacht hatte, bestellte ich Frühstück aufs Zimmer und sagte schnell den anderen bescheid.

Nach einem ausgiebigen Frühstück erschienen wir pünktlich eine Stunde später auf dem Dach des Hotels. Chris ließ sich immer noch nicht blicken, deshalb schob ich schnell eine Notiz unter seiner Tür durch, damit er wusste, wo wir waren. Ich beschloss, später nach ihm zu sehen. Der Fotograf und sein Team hatten bereits alles vorbereitet, überall standen Scheinwerfer und Belichtungszeugs rum. Eine hübsche Spanierin klatschte den Jungs haufenweise Make up ins Gesicht, versuchte vergeblich Form in Lauris Haare zu bringen, dann ging es endlich los. Zuerst wurden ein paar Fotos von The Rasmus gemeinsam über den Dächern Barcelonas geschossen, im Anschluss war jeder einzeln dran. Gut gelaunt posierten die Jungs vor der Kamera, befolgten sogar gehorsam die Anweisungen des Fotografen. Nur Aki hatte seine Probleme, sich an den Rand des Daches zu stellen. „Höhenangst!“ meinte er panisch, als Miguel (der Fotograf) ihn immer weiter nach hinten drängte und Aki sich heftig wehrte. Interessiert beobachtete ich das Geschehen von einem schattigen Plätzchen aus. Chris Handy klingelte wieder Sturm. „Hallo?“ „MTV aqui. Chris?“ „Lo siento, Chris no esta aqui. Puedo ayudarte?” Himmel, Spanisch am frühen Morgen! “Quizas, quizas. Necesito una lista de canciones por esta noche, es muy importante!” Die Setlist für heute Abend? Woher sollte ich die denn wissen. Hilfe! „Espera por favor, voy a preguntar.“ Schnell lief ich zu Eero, der grad eine kurze Pause hatte. „Du Eero, da ist n Typ von MTV dran, der will die Setlist für heut Abend wissen. Was sag ich dem?“ „Das wissen wir doch jetzt noch nicht!“ „Super, das kann ich dem ja schlecht sagen.“ „Wie lang spielen wir denn überhaupt?“ Flott fragte ich nach. „Eine Stunde inklusive Werbung, mehr nicht.“ „Dann sag ihm, auf jeden Fall Shadows und first day, den Rest entscheiden wir, wenn wir da sind.“ Sonderlich zufrieden war der Typ nicht, aber da konnte ich ihm auch nicht weiterhelfen. Kurze Zeit später schaute Chris vorbei. „Danke Tia, dass du aufgepasst hast. War was wichtiges?“ „Nö, nur die Änderung wegen dem Shooting hier und MTV hat wegen der Setlist nachgefragt, aber das klären wir später vor Ort. Du siehst nicht gut aus Chris, geh doch endlich mal zum Arzt!“ „Kann ich nicht, schließlich hab ich hier nen Job zu machen.“ Lauri stieß zu uns und redete ebenfalls auf Chris ein, der sich heftig wehrte. Erst als Aki kurz davor war, einen Krankenwagen zu rufen, ließ er sich überzeugen. „Tia passt so lange auf uns auf, mach dir mal keinen Kopf. Sie hat hier alles im Griff! Wenn du nicht aufpasst, übernimmt sie eh deinen Job, gell Schatz?“ grinste Aki mich an. Die anderen nickten zustimmend. Chris gab mir noch einige Anweisungen, dann verschwand er endlich. Etwas skeptisch sah ich ihm nach. Das nennt man wohl Feuertaufe, dachte ich. Hoffentlich bekomme ich das hin und vermassel den Jungs nicht irgendeinen Termin. Ich hab doch überhaupt keine Ahnung von dem ganzen Business. „Mach dir mal keinen Kopf Süße“ unterbrach Lauri meine Gedanken. „Wenn dir irgendwas nicht klar ist, sind wir ja auch noch da. Du schaffst das schon!“ Dankbar drückte ich ihn. „Na ich will’s hoffen!“

XXXIII.

Im Anschluss an das Fotoshooting ging es direkt weiter zu MTV, wo wir bzw. The Rasmus schon ungeduldig erwartet wurden. Der Typ, der am Morgen am Telefon so genervt hatte, entpuppte sich als einer der Aufnahmeassistenten. Alessandro brachte uns in die Garderobe und drängte weiter auf die Setlist. Die Jungs berieten sich kurz und einigten sich schließlich auf In the shadows, First day, Funeral Song, Bullet, Back in the picture, Smash und In my life. „Ich will aber Time to burn hören!“ unterbrach ich die Diskussion. „Hey, dein neuer Nebenjob ist dir wohl zu Kopf gestiegen Tia!“ rief Eero. „Najaaaaa, ich dachte ich hätte mir ne kleine Belohnung verdient“, meinte ich schulterzuckend und zog eine Schnute. „Oh oh, wenn sie das macht, wird’s gefährlich!“ flüsterte Lauri seinen Kollegen zu und machte irgendwelche Gesten, die ich leider (oder besser?) nicht erkennen konnte. Eero, Aki und Pauli brachen in Gelächter aus, während Alessandro und ich uns nur fragend ansahen. „Ok überredet Tia! Time to burn statt In the picture.” lachte Eero, der den Tränen nahe war. “Worauf hab ich mich da nur mit euch eingelassen?“ fragte ich mehr mich selbst als The Rasmus. Zu gern hätte ich gewusst, was Lauri vorhin angedeutet hatte. Mit Alessandro war schnell alles geklärt, ausgehungert stürmten wir das Catering. Es gab natürlich alles, was das Herz begehrte, diverse Salate, Fleischberge, Nudeln in allen Variationen und Süßkram soweit das Auge reichte. Sogar eine Paella gab es, die Pauli sich sofort auf seinen Teller lud. Eero plünderte die Salatbar, wir anderen begnügten uns mit dem Rest. Gerade als wir die letzten Bissen verdrückt hatten, wurden The Rasmus schon für das Meet & Greet mit den Gewinnern der MTV FanArt Competition abgeholt. Die fünf glücklichen Gewinnerinnen warteten schon nervös und ungeduldig in einem der Aufenthaltsräume. Als The Rasmus den Raum betraten, verstummten sie augenblicklich. „Hi!“ sagte Lauri fröhlich in die Runde. Die schauen ja aus, als hätten sie nen Geist gesehen, lachte ich innerlich. Langsam trauten sich die Mädels von ihren Plätzen und begrüßten Lauri, Eero, Aki und Pauli schüchtern. Die Jungs plauderten munter drauf los, fragten die Mädels über ihre Bilder aus und so langsam schmolz das Eis. Ab und zu musste Alessandro dolmetschen, da die Mädels vor lauter Aufregung so ihre Probleme mit Englisch hatten. Ich hielt mich im Hintergrund, wurde nur manchmal gebeten, ein Foto zu schießen. Ich ertappte mich dabei, dass mein Blick immer wieder an Lauri haften blieb. Natürlich verhielt er sich sehr professionell, beantwortete geduldig alle Fragen, lächelte für jedes Foto und unterschrieb fleißig alle Poster und Fotos, die die Mädels ihm unter die Nase hielten. Mit seiner lockeren Art schaffte er es, den Mädchen schließlich fast völlig ihre Nervosität zu nehmen. Hatte Lauri mir nicht mal gesagt, er sei schüchtern? Das konnte ich nun absolut nicht bestätigen. Die Art, wie er mit den Fans umging, machte ihn verdammt sexy. Lauri zeigte mit jeder Bewegung, jedem Lächeln, jeder Geste, wie sehr er seinen Job genoss. Von Zeit zu Zeit warf er mir einen strahlenden Blick zu, um sich dann sofort wieder der Kamera zu widmen. Ab und zu nahm ich Anrufe für Chris entgegen, wobei es meistens um Interviewabsprachen und Terminänderungen ging. Zum Glück hatte ich Chris’ Unterlagen, so dass ich alle eventuellen Probleme schnell klären konnte. „Steht dir gut der Job!“ flüsterte Lauri mir plötzlich ins Ohr. Ich erschrak, hatte gar nicht mitbekommen, dass Lauri zu mir rübergekommen war. „Naja, noch hab ich alles im Griff“, lachte ich. Schön, dass er mich bei den ganzen hübschen Mädels nicht vergessen hatte. „Ich hoffe, du langweilst dich nicht zu sehr?“ fragte Lauri skeptisch. „Ganz im Gegenteil“ zwinkerte ich. „Kümmer dich mal wieder um deine Mädels, die warten schon! Ich vertreib mir schon die Zeit!“ befahl ich und drückte Lauri einen Kuss auf die Wange, was die fünf Fans, die jeden von Lauris Schritten genau verfolgten, sofort in heftige Schnatterei ausbrechen ließ. „Das übersetz ich jetzt mal besser nicht“ kommentierte ich verschwörerisch und schob Lauri wieder rüber. Nach 1 ½ Stunden Autogramme schreiben und einiger Mini-Interviews für die News wurde es langsam Zeit, sich für die Show fertig zu machen. Die Mädels bedankten sich artig dafür, dass The Rasmus sich so viel Zeit genommen hatten, dann verabschiedeten wir uns und gingen zurück in die Garderobe.

In Schale warfen sich The Rasmus nicht gerade, ein frisches T-Shirt zur Jeans schien ausreichend. Lediglich Lauri verschwand eine halbe Ewigkeit im Bad und kam schließlich frisch geschminkt wieder. Suchend sah er sich um. „Hat jemand mein Thunder Shirt gesehen“? Keine Antwort.
„Tia?“
„Was denn?“ fragte ich unschuldig.
„Mein T-Shirt bitte!“ sagte Lauri fordernd.
„Hab ich nicht!“
„Tiaaaaa!“
„Hey, frag doch mal deine lieben Kollegen!“
„Die würden es niemals wagen, mein Shirt auch nur anzurühren!“
„Also von mir aus könntest du auch so auf die Bühne gehen!“ neckte ich Lauri.
„Oben ohne?“
„Klar, wieso nicht?“
„Weil die Mädels dann nach fünf Minuten ohnmächtig auf dem Boden liegen würden!“ rief Aki dazwischen. Kritisch musterte ich Lauri. Verständlich, dass ihn die weiblichen Fans so anhimmelten, er war gut gebaut, durchtrainiert, konnte sich wirklich sehen lassen. Um nicht wieder rot anzulaufen, sagte ich schnell „Naja, wenn er noch ein bisschen trainieren würde vielleicht…“ „Na warte!“ lachte Lauri und warf sich auf mich, um mich mal wieder durchzukitzeln. Völlig außer Atem gab ich schließlich auf. „Okay okay, du hast gewonnen! Dein Shirt ist in meiner Tasche, hol’s dir bitte bevor ich ersticke!“ Obwohl, eigentlich hätte ich nichts dagegen, Lauri noch eine Weile so nahe zu sein. Langsam, ohne den Blick von mir zu wenden, erhob Lauri sich. Fast schon zu langsam. Erst ein leicht genervtes „Mach hinne Lauri!“ von Aki holte uns in die Wirklichkeit zurück. Alle meine Überredungskünste, Lauri von einem anderen T-Shirt zu überzeugen, scheiterten kläglich. Zehn Minuten später standen The Rasmus etwas nervös aber doch gespannt am Bühneneingang. Der Moderator hatte die 100 Gewinner bereits tüchtig aufgeheizt und kündigte nun die Band an. „Live and rocking, aplauso por THE RASMUS!“ Lauri, Aki, Eero und Pauli klatschten sich ab und gingen on stage.

XXXIV.

Sofort kreischten die Fans los, hielten ihre Plakate hoch und knipsten Fotos, was das Zeug hielt. Im Hintergrund bekam ich mit, wie Alessandro sich einen der Securities zur Brust nahm. Logischerweise waren Fotoapparate mit Blitz bei einer TV-Aufzeichnung verboten, doch wie immer hatten es einige Fans geschafft, ihre Digi-Cams reinzuschmuggeln. Amüsiert wandte ich meinen Blick wieder der Bühne zu. Einen Fotoapparat zu verstecken war ja wohl eine der leichtesten Übungen. The Rasmus hatten schon ihre Plätze eingenommen und sich ihre Instrumente geschnappt. „Hi, we’re The Rasmus! ARE YOU READY?“ schrie Lauri gerade ins Mikro. Einfallsreiche Begrüßung…, dachte ich. Den Fans war das jedoch egal, schon bei den ersten Takten von In the shadows kochte der Saal. Lauri sprang wie ein kleiner Wirbelwind über die Bühne, mal zu Eero, dann zu Pauli. Er flirtete mit der Kamera, schon im nächsten Augenblick rannte er wieder zum anderen Ende der Minibühne. Die Kameraleute hatten einige Mühe, ihm zu folgen. Nahtlos ging es mit First day weiter, völlig euphorisch sangen die Fans jedes einzelne Wort mit. Begeistert verfolgte ich das Geschehen. Bis jetzt kannte ich es nur, Teil des Getümmels vor der Bühne zu sein. Aber sich mal ein Konzert aus dieser Perspektive anzusehen war etwas ganz Besonderes. Die Jungs waren ein eingespieltes Team, verstanden sich blind. Bei Lauris unkontrollierbarer Hin- und Herwirblei hätte es auch sonst alle paar Sekunden zu Zusammenstößen kommen müssen.

Nach First day ließ Lauri sich atemlos auf einen Hocker plumpsen, den ihm einer der Securities schnell hoch reichte. „Okay, Zeit mal wieder etwas runterzukommen!“ japste er ins Mikro. Neugierig ließ er seinen Blick über die Fans schweifen, betrachtete einige Plakate. Klar, dass in diesem Moment jeder weibliche Fan geschworen hätte, dass Lauri genau ihr und nur ihr in die Augen sah. „Hier kommt unsere letzte Single, Funeral Song.“ Das Licht im Saal wurde gedämmt, lediglich ein Scheinwerfer war auf Lauri gerichtet. Während die Kameras sich auf ihn konzentrierten, stellten Assistenten am Bühnenrand einige große Kerzen auf, die die Bühne in mystisches Licht tauchten. „Wir haben uns überlegt, heute mal eine Akustik-Version zu spielen. Einverstanden?“ fragte Lauri das Publikum. Die Fans kreischten. „Ich seh das mal als ‚ja’ an!“ grinste Lauri und wechselte einen kurzen Blick mit Eero. Lauri wurde wieder ernst. Langsam setzte er an.

I dumped you again
Don’t understand
It’s happened before
Can’t take it no more
These foolish games
Always end up in confusion
I’ll take you back
Just to leave you once again

I died in my dreams
What’s that supposed to mean
Got lost in the fire
I died in my dreams
Reaching out for your hand
My fatal desire

Erst jetzt setzte die Gitarre ein. Wie elektrisiert betrachtete ich Lauri. Er sang mit geschlossenen Augen. Ich hatte schon einige Auftritte im Fernsehen gesehen, wo The Rasmus diesen Song live gesungen hatten. Doch heute legte Lauri so unendlich viel Gefühl in seine Stimme, dass ich Gänsehaut bekam.

I failed you again
Cause I let you stay
I used to pretend
That I felt okay
Just one big lie
Such a perfect illusion
I made you mine
Just to hurt you once again

Erst beim letzten Chorus stand Lauri auf und öffnete seine Augen. Er fixierte die Kamera, die genau auf seine tiefen, grünen Augen hielt. Unmerklich hielt ich den Atem an.

I died in my dreams
What’s that supposed to mean
Got lost in the fire
I died in my dreams
Reaching out for your hand
My fatal desire

Langsam befestigte Lauri wieder das Mikro, ging Richtung Schlagzeug und setzte sich auf die kleine Erhöhung. Melancholisch betrachtete er das Publikum, das frenetisch jubelte. Allmählich erwachte ich aus meiner Trance. Ich atmete tief aus und bemerkte, dass mir eine Träne die Wange heruntergelaufen war. Was war mit Lauri los, dass ihm der Song heute so nahe ging? Selten hatte ich mir mehr gewünscht, in die Gedanken anderer Menschen blicken zu können.
Sekunden später war Lauri wieder der Alte und wirbelte zu Bullet über die Bühne. Das Vibrieren von Chris’ Handy riss mich aus meinen Gedanken. Genervt ging ich ran. „Hallo?“ Bei dem Krach verstand ich natürlich kein Wort. Schnell verließ ich das Studio und lief Richtung Garderobe, wo es etwas leiser war. Am Telefon war ein schlecht gelaunter Chris. Er hatte sich eine Lebensmittelvergiftung zugezogen und war von den Ärzten sofort ans Bett gefesselt worden. „Ich hab mir den Mund fusselig geredet, aber die wollen mich unbedingt bis Ende der Woche hier behalten! Naja und ehrlich gesagt, ist mir das auch ganz recht so, ich fühl mich wie ausgekotzt.“ „Natürlich bleibst du im Krankenhaus!“ erwiderte ich energisch. „Deine Gesundheit geht natürlich vor! Mach dir mal keinen Kopf, wir haben hier alles im Griff.“ „Meinst du, du könntest bis Mittwoch noch alleine die Stellung halten? Eigentlich ist die Woche komplett durchgeplant, und falls doch noch etwas Unvorhergesehenes passiert, rufst du einfach im Krankenhaus an.“ „Kein Problem Chris, das bekomm ich schon hin. Die anderen sind ja auch noch da. Also willst du dann doch schon früher wiederkommen oder wie?“ „Nein, ich glaub das pack ich nicht. Aber Veli, ein sehr guter Freund von mir, der kommt Donnerstag nach Amsterdam und übernimmt. Er hat ein bisschen mehr Erfahrung als du. Aber nicht böse sein, ok Tia?“ „Ach Quatsch, ist mir ganz recht so!“ erklärte ich. Chris ließ mich noch eine Weile in seinen Unterlagen kramen, erklärte mir die weitere Planung und diktierte mir Infos zu diversen Interviewpartnern. Ungeduldig schrieb ich alles mit. Hätte Chris sich nicht eine Stunde später melden können? Er wusste doch, dass genau jetzt die Show lief. Wahrscheinlich sah er das Konzert nebenbei live im TV, während ich alles verpasste. So schnell wie möglich würgte ich Chris ab, wünschte ihm gute Besserung und versprach, mich sofort zu melden, wenn ich Hilfe bräuchte. Wütend schaltete ich das Handy aus und sprintete zurück zum Studio. Dort waren gerade die letzten Töne von Time to burn verklungen und The Rasmus verbeugten sich vor den jubelnden Fans.

XXXV.

Wütend trat ich gegen die nächstbeste Kiste, die mir vor die Füße kam. In Gedanken verfluchte ich Chris, denn das Wichtigste hatte ich nun verpasst. Da spielten The Rasmus mehr oder weniger für mich Time to burn und ich hatte in der Garderobe gehockt und die Krankenschwester für Chris gespielt. Ausgepowert und verschwitzt kamen Lauri, Aki, Eero und Pauli von der Bühne. Alessandro warf ihnen schnell ein paar Wasserflaschen und Handtücher zu. Glücklich umarmte Lauri mich. „Und? Wie waren wir?“ fragte er und zog mich hinter sich her. „Ähm…Genial!“ log ich. „Ihr habt echt das Haus gerockt!“ Zumindest bei den Songs, die ich gesehen habe, dachte im Stillen. Ich sagte besser erst mal nicht, dass ich die Hälfte verpasst hatte. In der Garderobe schmissen sich die Jungs auf die Couch und die Sessel und leerten ihre Wasserflaschen. „Oh man, ob du nun zehn Minuten spielst oder zwei Stunden, immer ist man hinterher fix und alle“ stöhnte Aki. „Jaja, in deinem Alter macht einem das schon zu schaffen, gell?“ neckte ich ihn. Schnell erzählte ich noch von Chris Anruf, ohne allerdings zu erwähnen, wie lange ich weg war. „Dann ruf ich ihn gleich mal an“ sagte Pauli und schnappte sich sein Handy. „Nee lass mal, der wollte schlafen!“ „Ok, dann halt morgen.“ Nacheinander verschwanden die Jungs in der Dusche, während ich schon mal grübelnd unseren Krempel zusammenpackte. „Alles ok mit dir Tia?“ fragte Eero. „Klar, wieso nicht?“ „Siehst so nachdenklich aus“. „Nee, mit mir ist alles ok. Aber sag mal, was war denn vorhin mit Lauri los?“ „Was soll mit dem sein?“ Nervös schielte ich Richtung Badezimmertür, Lauri musste ja nicht unbedingt mitbekommen, dass ich Eero ausfragte. „Na bei Funeral Song… Er war so melancholisch drauf…“ „Hm, keine Ahnung. Gesagt hat er jedenfalls nichts. Vielleicht ist heute wieder einer der Tage, an denen er Lina vermisst.“ Ich zog eine Augenbraue hoch. War heute irgendwas vorgefallen, was Lauri an Lina hätte erinnern können? „Aber kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, jetzt hat er ja dich!“ grinste Eero. Skeptisch sah ich ihn an. Was sollte das denn jetzt? „Eero, Lauri und ich sind nur Freunde, also lass bitte solche Bemerkungen.“ „Ja natürlich, ihr seid NUR Freunde Tia“. Kopfschüttelnd sah ich Eero hinterher. „Hast du dich mit Eero gezofft?“ ertönte eine Stimme hinter mir. Ich wirbelte herum, Lauri stand frisch geduscht und mit noch nassem Wuschelkopf hinter mir. Instinktiv ging ich auf Distanz. Hatte er etwas gehört? „Nö, ist alles okay,“ wich ich ihm aus und packte geschäftig meinen Rucksack, damit ich mich nicht doch noch verplapperte. Diesmal schüttelte Lauri verwirrt den Kopf.

Nachdem alle geduscht hatten fuhren wir zurück ins Hotel und machten es uns in meinem bzw. unserem Zimmer gemütlich. Die Minibar war zu verführerisch, um sie unberührt zu lassen. Ich schnappte mir eine Flasche Smirnoff Black und warf mich auf das große Bett. Eero und Aki nahmen die Couch in Beschlag. Ich schlug mit der Hand auf den Platz neben mir in der Hoffnung, dass Lauri sich neben mich legen würde. Doch der schüttelte den Kopf und ließ sich mit seinem Cuba Libre in einen der Sessel fallen. Etwas besorgt sah ich zu Eero, doch der zuckte nur ahnungslos mit den Schultern. Sollte ich zu Lauri gehen und ihn ansprechen? Ihn in den Arm nehmen? Er hing in seinem Sessel und war mit den Gedanken ganz weit weg.
„…sonst ruf halt die kleine Blonde von heute Nachmittag an, die würde dir sicher jeden Wunsch erfüllen!“ Akis laute Lache riss mich aus den Gedanken. Ärgerlich schob ich diese Weg, Lauri hatte mir schließlich gerade deutlich zu verstehen gegeben, dass er meine Nähe nicht wollte.
„Sag mal lästert ihr immer so über eure Fans?“ fragte ich Aki und setzte einen gespielt bösen Blick auf. „Najaaaaa….“ „Okay, alles klar!“ „Aber nicht verraten!“ „Meine Lippen sind versiegelt!“ grinste ich. „Zumindest solange bis die BILD mir ein vernünftiges Angebot für Insider Infos macht!“. „Boah wag es dich Tia!“ Pauli schnappte sich eins der Kissen, warf… und traf natürlich. Im gleichen Moment brach eine wilde Kissenschlacht aus, bei der ich tüchtig den Kürzeren zog. Nach ein paar Minuten hatten bereits zwei der Kissen ihren Geist aufgegeben und ihren Inhalt quer durch das Zimmer verteilt. „Da sieht man’s mal wieder, ob zwei oder fünf Sterne, ist auch keine bessere Qualität!“ lachte Eero. Langsam beruhigten wir uns wieder und schnappten nach Luft. „Aber du musst zugeben, dass die Blonde ganz süß war, oder Tia?“ „Ach Aki, dann ruf sie doch an!“ lachte ich zurück und schüttelte den Kopf. „Ich kann doch kein Spanisch!“ „Tja, dumm gelaufen, was?“ Wir lästerten noch ein paar Minuten weiter. Erst dann fiel mir auf, dass Lauri nicht mehr in seinem Sessel saß. Suchend sah ich mich um. „Auf dem Balkon,“ flüsterte Eero mir ins Ohr, ohne dass die anderen etwas mitbekamen. „Ist vor ein paar Minuten rausgegangen.“ „Meinst du, ich soll….“ Eero nickte. Ich holte tief Luft und ging zu Lauri raus auf den Balkon. Mir war mulmig, da ich absolut keine Ahnung hatte, was Lauri bedrückte. Hatte ich wieder irgendwas falsch gemacht? Oder war ihm der Stress auf den Magen geschlagen? Vielleicht war es ja auch irgendeine - für uns - unbedeutende Kleinigkeit, über die Lauri sich aber den Kopf zerbrach. Zeit es rauszufinden.

XXXVI.

„Hey“ sagte ich zögernd, als ich die Balkontür hinter mir schloss.
„Hey“ erwiderte Lauri abwesend und blickte weiter gedankenverloren in die Nacht. Langsam ging ich zu ihm, wollte ihn in den Arm nehmen, aber er zuckte zurück.
„Was ist los mit dir?“
„Nichts, ich bin okay.“ Genervt zog er an seiner Zigarette. So leicht wollte ich nicht aufgeben.
„Darf ich?“ fragte ich und deutete auf seine Zigarettenschachtel.
„Natürlich! Seit wann fragst du denn bitte?“ Hey, war das ein Hauch von Ironie in seiner Stimme? Ich zündete mir eine Marlboro an und pustete den Qualm genüsslich in den sternenklaren Nachthimmel. Ein paar Minuten standen wir so da, rauchend, schweigend, keiner sah den anderen an.
„Du hast nicht vor aufzugeben, oder?“ meinte Lauri schließlich.
„Hab ich nicht vor, nein. Aber ich kann dich auch nicht zwingen, mit mir zu reden. Ich bleib einfach hier, nur für den Fall, dass du doch willst.“ Er seufzte und zündete sich eine neue Zigarette an.
“Du rauchst zu viel.“
“Ich weiß.“
Wieder schwiegen wir. Wo war nur der Knopf den ich betätigen musste, um Lauri zum Reden zu bringen?
„Ich hol mal was neues zu trinken“ sagte ich irgendwann und ging wieder rein.

Pauli und Aki saßen vor der Playstation, Eero kam grade aus dem Bad. Fragend sah er mich an. „Er redet einfach nicht mit mir“, sagte ich leise und nahm zwei neue Flaschen Smirnoff. „Wir schweigen uns die ganze Zeit an.“ „Gib ihm noch was zu trinken, vielleicht taut er dann auf. Ehrlich Tia, ich hab keine Ahnung, was mit ihm los ist. Aber wenn er schon nicht mit dir reden will…“ Ich seufzte resignierend und ging wieder auf den Balkon.

„Hier, Nachschub.“ Ich hielt Lauri die Flasche hin.
Keine Reaktion. Na gut, dann halt nicht, dachte ich, knallte die Flasche auf den Tisch und nahm einen großen Schluck aus meiner.
Weitere Minuten des Schweigens vergingen, dann hatte ich keine Lust mehr, mich weiter anschweigen zu lassen. Vielleicht hatte Eero ja Recht gehabt. Ein Versuch war es jedenfalls wert.
„Lauri?“
„Ja?“
„Geht es um Lina?“
Lauri schrak zusammen.
„Wie kommst du da drauf?“
„Eero hat so was erwähnt…“ sagte ich zögerlich. „Außerdem bin ich ja nicht blöd.“
„Hä?“
„Na wenn es dir so schwer fällt, mit mir über etwas zu reden, dann muss es um eine Frau gehen.“ Nervös sah ich auf den Boden. Lass es bitte nicht um Lina gehen, bitte nicht, flehte ich, selbst verwundert darüber, warum ich diese Eifersucht spürte.
„Hm…“
Jetzt rede endlich, Lauri! schrie ich innerlich.
„Ach es ist nichts Bestimmtes, ich hab nur so n blödes Gefühl.“
„Ein blödes Gefühl? Versteh ich nicht.“
„Du musst auch nicht alles verstehen!“
„Sag mal hab ich dir irgendwas getan? Raunz mich bitte nicht so an!“
„Sorry Tia, hab’s nicht so gemeint.“
„Schon okay. Also, was für ein Gefühl?“
„Ich kann’s nicht erklären. Ich muss heute den ganzen Tag an Lina denken, hier erinnert mich alles an sie.“ Also doch!
„Hier?“ Ich zwang mich, so normal wie möglich zu klingen.
„Ja, wir waren letzten Herbst hier ein paar Tage in Urlaub. Aber das ist es gar nicht mal. Ich hab irgendwie das Gefühl, als würde sie jeden Moment hier auftauchen. Kann’s auch nicht erklären.“
„Lauri du weißt, dass das Quatsch ist. Lina ist nicht hier.“
„Ja ich weiß, sie ist in Helsinki und vergnügt sich mit Matti. Trotzdem… Ich sag ja, es ist nur so ein komisches Gefühl. Oh man, ich dachte, mir würde es besser gehen, seit wir beide über sie geredet haben. Es tat zwar wahnsinnig weh, aber ich hab mich unheimlich erleichtert gefühlt. Aber jetzt… ich werd diese beschissenen Gefühle einfach nicht los. Was mach ich denn, wenn sie wirklich mal vor mir steht?“ Wütend schnippte Lauri seinen Zigarettenstummel weg und griff nach der Schachtel. Doch ich war schneller und schubste die Schachtel zur Seite. Stattdessen nahm ich Lauris Hand und zog ihn zu mir. Verwirrt sah er mich an. Ich nahm seinen Kopf in meine Hände, versuchte seinen Blick auf mich zu konzentrieren.
„Lauri, hör auf dich selbst zu quälen! Lina hat dich verarscht, sie hat dich ausgenutzt und dir wehgetan. Ja, sie hat dein Herz gebrochen und du bist immer noch verletzt. Das ist auch dein gutes Recht, aber hör auf, die Fehler bei dir zu suchen! Diese Gefühle hören auf, glaub mir. Irgendwann hört es auf, weh zu tun!“
„Aber…“
„Nichts aber. Du musst versuchen, endlich loszulassen. Überleg mal, was sie dir angetan hat! Sie hat es überhaupt nicht verdient, dass du auch nur einen einzigen Gedanken an sie verschwendest!“
„Ich versuch ja loszulassen! Aber jedes Mal wenn ich denke, ich hätte es geschafft, kommt alles wieder hoch!“ Verzweifelt riss er die Arme in die Luft und versuchte, sich von mir zu lösen. Hartnäckig hielt ich ihn fest.
„Shht, ganz ruhig.“ versuchte ich ihn zu beruhigen und drückte ihn fest an mich. Sanft gab ich ihm einen Kuss auf die Schläfe, strich über sein Haar, küsste ihn auf die Wange. „Auch wenn sich das jetzt nicht so anfühlt, glaub mir, es geht dir bald besser.“
„Kann ich mir nicht vorstellen.“
„Doch, glaub mir. Diesen Rat hat mir vor nicht allzu langer Zeit ein sehr guter Freund gegeben.“ Hoffentlich verstand er, worauf ich anspielte.
„Ja, anderen Ratschläge erteilen kann ich gut. Nur bei mir selbst hilft’s nie was.“
„Setz dich doch nicht so unter Druck Lauri!“
„Das sagt die Richtige…“
„Ja, ich weiß, wir stehen uns da in nichts nach.“
„Warum machst du das Tia?“
„Was?“
„Na mit mir ausgerechnet über dieses Thema zu reden.“
„Weil ich genauso für dich da bin wie du für mich. Das weißt du doch!“
„Das hab ich doch gar nicht verdient…“ flüsterte Lauri. Endlich ließ er seinen Kopf auf meine Schultern sinken und ließ seinen Tränen freien Lauf.

XXXVII.

Als am nächsten Morgen um neun der Wecker klingelte, war das Bett neben mir leer. Verschlafen sah ich mich um. Die Tür zum Bad stand offen, dort war Lauri also nicht. Vom Balkon her hörte ich das vertraute Klicken des Feuerzeugs. Vorsichtig tappte ich durch das Chaos aus leeren Flaschen und Kissenfedern zum Bad. Den Blick in den Spiegel ersparte ich mir heute klugerweise und stieg direkt unter die Dusche. Danach schlüpfte ich schnell in Jeans und T-Shirt und ging auf den Balkon. Lauri saß mit angezogenen Knien auf einem der Stühle und sah nachdenklich vor sich hin. Als er mich wahrnahm, hellte sich sein Gesicht auf. „Guten Morgen Süße!“ sagte er und hielt die Arme auf. Etwas verwundert über seine plötzliche gute Laune ging ich zu ihm und setzte mich auf seinen Schoß. „Guten Morgen.“ Lauri küsste mich auf die Wange. „Hast du gut geschlafen?“ „Jaaa?“ sagte ich zögerlich. „Guck nicht so skeptisch, ich bin wieder der Alte!“ „So gefälltst du mir auch viel besser, mein Kleiner“ grinste ich und umarmte ihn. „Ich bin nicht klein!“ „Naja, im Vergleich zu mir Zwerg nicht“ lachte ich. „Tut mir leid, wegen gestern Abend mein ich.“ Ich schüttelte den Kopf. Es war nicht nötig, das Thema noch mal anzusprechen. Gestern war gestern, heute war ein neuer Tag. „Schon gut“, unterbrach ich ihn. „Lass uns die anderen abholen und frühstücken, wir müssen in einer Stunde los.“

Pünktlich um elf Uhr erreichten wir Hit Radio Barcelona. Vor dem Gebäude hatten sich schon etliche Fans versammelt. Leider blieb keine Zeit, alle Autogrammwünsche zu erfüllen. Enttäuscht sahen uns die Fans hinterher, als wir ins Studio geführt wurden. Dort erwartete uns schon Rafael, einer der Moderatoren. „Hi Guys, schön euch wieder zu sehen!“ rief er erfreut und schüttelte einem nach dem anderen die Hand. „Und du bist?“ wandte er sich an mich. „Hi, ich bin Tia. Ähm…“ „Unsere moralische Begleitung!“ erklärte Lauri schnell und befreite mich aus meiner Bredouille. Ich hätte ja schlecht sagen können, dass ich die neue Managerin bin, was ja eigentlich nicht wirklich stimmte und alles ändere hätte sich noch blöder angehört. „Na denn mal willkommen in der Radiowelt!“ „Danke“ lächelte ich erleichtert. „Okay Jungs, dann mal bitte mir nach! Wir nehmen grad n paar Jingles und Einspieler auf und um 12 gehen wir dann auf Sendung.“ Artig folgten wir Rafael im Gänseschritt in ein kleines Studio. Lauri wurde sofort vor das nächstbeste Mikro geschoben. „Man, immer muss ich als erstes“ grummelte er in seinen nicht vorhandenen Bart. „Startklar Lauri? Mach irgendwas wie „Hi ich bin…und ihr hört…oder so.“ „Alles klar.“ Rafael drückte irgendwelche Knöpfe und zählte von drei runter. „Hi, this Lauri from the Rasmus and you’re listening to Hit Radio 24.“ fragend sah er zu Rafael. “Ähm, Lauri? Wir sind aber Radio Barcelona!” “Ooops!” verschämt sah Lauri zu Boden. „Okay, noch mal! Drei, Zwo, Eins, Los!“ Nach dem dritten Take hatte Lauri endlich geschnallt, wie der Radiosender hieß. Im Anschluss wurde noch ein Jingle mit der kompletten Band aufgenommen, dann ging es in das nächste Studio.
„Also, wir haben noch ein bisschen Zeit. Ich spiel zwei Songs, dann machen wir ein kleines Interview, wieder Musik und dann lassen wir noch zwei, drei Anrufer reinschalten. Ich hab gedacht, zum Abschluss singt ihr uns noch was live, geht das?“ „Können wir machen.“ Die Jungs steckten die Köpfe zusammen und berieten sich kurz. „First day, okay?“ „Gut, abgemacht. Okay, dann setzt mal eure Kopfhörer auf!“ The Rasmus taten wie geheißen, noch fünf Minuten bis zur Sendung. „Ich verzieh mich dann mal nach draußen“ sagte ich, „da kann ich ja alles mithören.“ Mit einem flüchtigen Kuss auf Lauris Wange verließ ich das Studio und gesellte mich zu den anderen ‚Mithörern’. Nachdem Rafael erst Anastacia und Chayenne gespielt hatte, kündigte er The Rasmus endlich an. „…So und bei mir im Studio sind mal wieder The Rasmus, welcome back Guys!“ „Hi, schön wieder hier zu sein“ erwiderte die Rasmusse artig. (Anm. von mir: ich lass das übersetzen aus dem Spanischen mal weg, würde zu kompliziert werden  Rafael fuhr fort: „The Rasmus haben gestern Abend hier ein exklusives Konzert für MTV gespielt, wie ihr sicher alle gesehen habt. Jungs, für dieses Konzert konnte man keine Karten kaufen, sondern nur gewinnen. Was haltet ihr von solchen Aktionen?“ Eero war am schnellsten. „Also grundsätzlich ist das eine klasse Idee. Wir finden es immer toll, vor einem kleinen Publikum zu spielen, weil es einfach viel intensiver ist. Naja, und Aktionen wie diese geben auch Fans, die vielleicht nicht genug Geld haben, die Chance uns mal live zu sehen.“ „Würdet ihr auch ein Privatkonzert geben?“ „Für nur einen Fan meinst du? Sicher, wenn er oder sie sich was Gutes einfallen lässt um uns zu überzeugen!“ lachte Lauri schnell. „Oh oh, Vorsicht was ihr sagt Jungs“ erwiderte Rafael drohend. „Wie sehen denn jetzt eure Pläne aus? Dead Letters ist ja schon eine Weile auf dem Markt, ihr habt den Durchbruch in ganz Europa geschafft, jetzt wird es doch eigentlich Zeit für etwas Neues.“ Wieder übernahm Eero das Antworten, anscheinend hatte er heute Sabbelwasser getrunken. „Also wir sind diese Woche noch unterwegs für ein paar Auftritte und im Anschluss gehen wir wieder ins Studio und kümmern uns um das nächste Album.“ „Wo werdet ihr das aufnehmen?“ „Wir haben uns in Deutschland ein Studio gesucht und sind sehr zufrieden damit.“ Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, braver Eero. „Wie wär’s denn mit einem kleinen Vorgeschmack?“ fragte Rafael. Energisch schüttelten die vier Rasmusse mit dem Kopf. „Sorry, soweit sind wir noch nicht! Aber wenn wir das nächste Mal kommen, stellen wir euch bestimmt was vor, versprochen.“ „Okay Jungs, der Deal gilt! Jetzt geht’s erst mal weiter mit Musik und dann sind wir wieder da mit The Rasmus!“ Rafael schob einige Regler nach oben und setzte seine Kopfhörer ab. „Eero, schnapp dir doch schon mal die Gitarre, dann sind wir gleich startklar.“ Gehorsam ging Eero die Gitarre holen und drückte sie Pauli in die Hand. „Da, mach du heute.“ „Sach ma Rafael, wie sieht das eigentlich mit nem Wunsch aus? Letztes Mal durften wir doch auch…“ bittend sah Lauri Rafael an. „Klar, was darfs denn sein?“ Lauri überlegte kurz. Er drehte sich um und sah durch die Scheibe zu mir. „Nothing else matters“ Verwundert zog Rafael die Augenbrauen hoch. „Gibt’s’ nen Anlass?“ „Frag nicht, spiels einfach. Ist für ne sehr gute Freundin“. Lästert Lauri da etwa gerade über mich? fragte ich mich selber, da ich während der Sendepausen natürlich kein Wort von dem verstehen konnte, was im Studio gesprochen wurde. Naja, ich werd ihn nachher fragen. Im Studio wurden wieder die Kopfhörer aufgesetzt, es ging weiter. „Sooo, da sind wir wieder, immer noch live mit The Rasmus. Wie versprochen dürft ihr jetzt ein paar Fragen stellen. Wer ist denn da in der Leitung? Hallo?“ „Hallo!“ ertönte eine junge Mädchenstimme. „Hallo, wer bist du denn?“ „Ich ähm ich bin Mia. Darf ich jetzt eine Frage stellen?“ „Ja klar, leg los.“ „Ja ähm hallo Jungs! Ich ähm ich, ich wollte fragen ob ihr eure Fanpost selbst lest! Ich hab euch ähm also ich ich hab euch schon ganz viele Briefe geschrieben und wollte wissen, ähm, ob ihr die bekommen habt.“ Man war die nervös! Belustigt warfen Aki, Eero, Pauli und Lauri sich einige Blicke zu. „Hallo Mia. Ja also du kannst dir sicher vorstellen, wie viel Post wir im Moment bekommen. Wir versuchen alles zu lesen, aber das dauert halt etwas. Aber sicher war schon etwas von dir dabei!“ erklärte Aki. „Frage beantwortet Mia?“ schaltete sich Rafael wieder ein. „Ja super, Danke! Tschüssi“ Tuut tuut tuut, schon hatte Mia aufgelegt. „Na dann nehmen wir mal den nächsten. Hallo?“ „Ja hallo hier ist Ana, oh man ich bin totaaal aufgeregt!“ “Brauchst du nicht Ana, wir sind ganz lieb!” lachte Eero ins Mikro. „Ja gut okay, ähm ja ich wollte fragen ob Lauri eine Freundin hat.“ stammelte Ana vorsichtig. Na auf diese Frage hatten wir ja gewartet! „Hallo Ana. Nein, ich bin immer noch solo!“ „Oh da bin ich ja beruhigt“ quietschte Ana erfreut. Kam jetzt ein Heiratsantrag? „Beruhigt? Hey, das seh ich aber ganz anders!“ erwiderte Lauri lachend. So so!„Danke für deinen Anruf!“ quatschte Rafael dazwischen und schmiss Ana aus der Leitung, bevor sie Lauri eventuell noch um ein Date gefragt hätte. „Noch einen?“ Einstimmig nickten The Rasmus. „Hallo, wen haben wir denn noch in der Leitung?“ Schnell schaltete Rafael den nächsten Anrufer frei. „Hola, hier ist Chris!“ Verdutzt sahen die Jungs sich an. Auch mir fielen beinahe die Augen raus. Unser Chris?“ Aki fing sich als erster. „Hey Chris altes Haus, musst du uns sogar übers Radio kontrollieren?“ lachte er. „Ja also erst mal zur Erklärung, ich bin der Manager von diesen vier Chaoten und ich lieg gerade im Krankenhaus.“ „Dann mal gute Besserung!“ warf Rafael ein. „Ja Danke! Also eigentlich ruf ich an, weil ich mich bei Tia bedanken wollte dafür, dass sie sich so gut um meine Jungs kümmert.“ Ich lief hinter der Scheibe rot an. Wie süß von Chris. „Also Jungs, drückt sie gleich mal von mir und seid schön fleißig!“ Bevor einer der Jungs noch etwas erwidern konnte, legte Chris auch schon wieder auf. „Nun das nenn ich mal eine Überraschung! Für euch da draußen gibt’s jetzt erst mal Heroes del Silencio und danach geht es weiter mit The Rasmus unplugged.“ Zwei Songs später kündigte Rafael den versprochenen live Song an. Pauli schrammelte auf der -zugegeben seltsam klingenden - Gitarre und Lauri sang ‚First Day’ bis zum ersten Chorus. Rafael blendete Applaus vom Band ein und bedankte sich für die kleine Einlage, so als wäre sie gar nicht abgesprochen gewesen. „So, das war’s dann leider auch schon wieder. Schön dass ihr hier gewesen seid. Ich hoffe, ihr schaut bald mal wieder vorbei!“ Artig verabschiedeten sich The Rasmus von den Hörern. „The Rasmus haben sich natürlich auch wieder einen Song gewünscht. Hier ist Nothing else matters von Metallica, für eine gute Freundin der Band! Viel Spaß und schaltet morgen wieder ein, gleich geht’s weiter mit den News!“ Der Song startete und die fünf legten ihre Kopfhörer weg. „Ich nehme an, diese gute Freundin ist Tia?“ „Klar, wer sonst!“ grinste Lauri und winkte mir zu, dass ich reinkommen solle. Schnell betrat ich das Studio, wo Lauri mich sofort auf seinen Schoß zog. „Habt ihr gut gemacht“ lobte ich die vier und schlang meinen Arm um Lauris Hals. „Hey, willst du nicht danke sagen?“ grinste der schelmisch. „Ach war ich etwa gemeint?“ lachte ich. „Pöh, für dich wünsch ich mir noch mal ein Lied“ grummelte Lauri gespielt beleidigt. „Na komm her“ meinte ich und küsste Lauri. „Gilt das als Dankeschön?“ „So gerade“, lachte Lauri zurück. „Was steht jetzt an?“ fragte Aki und gähnte. „Ihr seid leider noch nicht fertig, Jungs… Nebenan wartet Carlos, ein Interview noch und dann ist Feierabend.“ Genervt gingen die vier nach nebenan. Eine Stunde und einige Tassen Kaffee später war endlich das sogenannte Exklusivinterview aufgezeichnet. „Dürfen wir jetzt Feierabend machen?“ flehte Eero mich nahezu an. „Hey, der Tag ist doch noch jung, nu mach mal nicht schlapp!“ „Pah, ich und jung, ich schlaf doch schon Nachts mit ner Rheumadecke!“ maulte Eero weiter. Auch die anderen sahen wenig motiviert aus. „Okay, ihr könnt euch glücklich schätzen, für heute war’s das. Wenn ihr mir versprecht, dass ihr draußen noch ein paar Autogramme gebt, dann fahren wir im Anschluss ins Hotel und ihr dürft wieder faulenzen!“ Erfreut schnappten sich Eero, Aki, Pauli und Lauri ihre Sachen. Lauri nahm meine Hand und ging Richtung Ausgang, wo die Fans immer noch hartnäckig warteten und schon wieder kreischten. Kurz vor der Tür ließ ich Lauris Hand los. „Du, das sollten wir wohl besser nicht in der Öffentlichkeit tun.“ Erstaunt sah Lauri mich an. „Ups, hab ich gar nicht mitbekommen.“ Er grinste und trat ins Blitzlichtgewitter.

XXXVIII.

„Oh man tat das gut“ seufzte ich und ließ mich rücklings auf das große weiche Bett fallen. So eine Dusche konnte wirklich Wunder bewirken. Ich sah Lauri nach, wie auch er Richtung Dusche verschwand und schloss müde die Augen. Wovon war ich eigentlich so müde? Viel getan hatten wir heute morgen nicht, relativ lange geschlafen, nur der Trip zum Radiosender. Wahrscheinlich hatte mich diese elendige Warterei so geschafft. Nach ein paar Minuten ließ sich Lauri ebenfalls auf dem Bett nieder. „Hey, schläfst du?“ „Nein, ich doch nicht!“ gähnte ich und öffnete die Augen. Lauri lag neben mir, seinen Kopf auf den Arm gestützt und grinste mich an. „Du wirst doch wohl nicht schlappmachen Süße! Also, was machen wir jetzt noch?“ „Man, woher nimmst du denn diesen Elan?“ „Och man gewöhnt sich an alles. Heute war’s ja eigentlich ziemlich ruhig. Rafael hat vorhin erzählt, dass hier irgend so ein Feiertag ist und am Platz sowieso ist ne Kirmes. Sollen wir nicht dahin? Shit mir fällt der Name nicht mehr ein!“ „Du meinst die Fallas? Hm… Das geht ne ganze Woche, da ticken die Spanier regelmäßig aus“ lachte ich. „Dann ist das ja genau das richtige für uns!“ „Okay, aber nur wenn wir Achterbahn fahren!“ ließ ich mich überzeugen. „Abgemacht.“ „Nehmen wir die anderen mit?“ „Wenn sie wollen…“ Begeistert klang Lauri nicht, aber er schnappte sich trotzdem sein Handy und fragte bei den anderen nach. Pauli schlief, wie uns Eero mitteilte. Aki hatte keine Lust auf Kirmes („der hat nur Angst vor der Achterbahn der Angsthase“ flüsterte Lauri mit zugehaltenem Hörer) und nur mit uns beiden wollte Eero auch nicht losziehen. Naja, wer nicht will, der hat schon! dachten wir und machten uns gespannt auf den Weg.

Es schien, als sei ganz Barcelona auf den Straßen. Wo man auch hinsah, verkleidete Menschen, die alle wild durcheinander redeten, durch die Straßen tanzten und feierten. Aus Angst, Lauri in dem Getümmel zu verlieren, griff ich seine Hand und ging eng neben ihm her. „Hey, wenigstens besteht bei den ganzen komischen Gestalten kaum Gefahr, dass du dauernd erkannt wirst!“ neckte ich ihn. Mühsam kämpften wir uns durch die Menge, bis wir schließlich bei den ersten Buden der Kirmes ankamen. Eine Fressbude reihte sich an die nächste, dazwischen Losbuden, Karussells, Schießbuden und und und. Aufgeregt zog mich Lauri zu einer der Schießbuden. „Du willst mir doch jetzt nicht ne Rose schießen, oder?“ fragte ich skeptisch und schielte Richtung Achterbahn. „Doooooooch! Ach komm Tia, ich war schon seit Jahren nicht mehr auf ner Kirmes, das Klischee muss jetzt einfach sein!“ bettelte er. „Na gut, schaffste ja eh nicht!“ Lauri zahlte und zwei Minuten später drückte er mir eine der kitschigen Plastikrosen in die Hand. „Mein Held!“ himmelte ich ihn an und fiel im lachend um den Hals. „Jetzt musst du den Held natürlich auch küssen!“ grinste Lauri breit. Aha, darauf wollte er also hinaus. Ich sah ihm theatralisch in die Augen und gab ihm dann einen flüchtigen Kuss auf den Mund. „Ich schieß noch eine!“ rief Lauri sofort, doch ich schob ihn schnell weiter. „Nu werd mal erwachsen, die Achterbahn ruft!“ Vor der Achterbahn stand bereits eine lange Schlange, doch glücklicherweise ging es schnell voran. Als wir endlich in einem der Wagen saßen, wurde mir doch ein bisschen mulmig. Meine erste Achterbahn mit Looping, bitte lass mich das heil überstehen, betete ich. Ich schielte rüber zu Lauri und musste überrascht feststellen, dass auch er ein bisschen käsig aussah. Automatisch musste ich grinsen, denn Lauri hätte niemals zugegeben, dass er Schiss hatte. Endlich ging es los. Langsam wurde die Bahn in die Höhe gezogen. „Genieß noch mal die Aussicht, gleich geht’s rund!“ meinte Lauri selbstbewusst, doch drückte gleichzeitig meine Hand. „Oh Gott Lauri, worauf hab ich mich da eingelassen?“ „Keine Aaaaaaaaaaaaahhhnuuuuuuuungggg!!!“ brüllte der, als die Bahn nach unten schoss. Im ersten Looping bereute ich bereits, die Zuckerwatte gegessen zu haben, beim zweiten befürchtete ich dann, dass die Cola ihren Weg nach draußen suchen würde. Der Wind pfiff uns um die Nasen, Barcelona rauschte in Windeseile an uns vorbei. Wir schrieen mit den anderen Fahrgästen um die Wette und machten drei Kreuze, als die Bahn endlich anhielt. Aneinandergeklammert wankten wir nach draußen und atmeten erst mal tief durch. „Einmal und nie wieder!“ japste Lauri. „Lauri, sollte ich noch einmal Achterbahn fahren wollen, dann halt mich bitte zurück!“ keuchte ich ebenfalls total fertig. „Versprochen! Sollen wir was essen?“ „Bääh Lauri, bist du bekloppt?“ „Kleiner Scherz, so schnell werd ich nichts mehr essen!“ Langsam beruhigten sich unsere Mägen wieder. Neugierig sahen wir uns weiter um. Nach einer wilden Runde Autoscooter ging es als nächstes ins Spiegelkabinett, wo wir uns völlig verliefen. Nach bestimmt einer halben Stunde ziellosen Umherrennens fanden wir endlich den Ausgang und stürmten ausgehungert zur nächstbesten Fressbude. „Und bist du immer noch müde?“ „Nee, war ne gute Idee von dir! So viel Spaß hab ich lange nicht mehr gehabt“ murmelte ich, den Mund voller Pommes. „Kann ich nur bestätigen. Das ist besser als drei Wochen Urlaub!“ Lauri schmiss sein leeres Papptellerchen weg und besorgte sich direkt noch eine Portion Pommes. „Wie kann ein einzelner Mensch nur so viel in sich reinstopfen?“ „Übung macht den Meister!“ „Aber du weißt schon, dass du davon nicht mehr groß und stark wirst?“ Das konnte ich mir nun wirklich nicht verkneifen. Schwupps hatte ich eine Portion Ketchup auf der Nase hängen. „Ieeeeeeeh!!“ quietschte ich. „Mach das noch mal und ich schick dich wieder auf die Achterbahn!“ Gut gestärkt setzten wir unsere Runde fort. Beim Losen hatte ich mal wieder Glück und gewann einen süßen Stoffeisbär, den Lauri mir sofort aus der Hand riss. „Oh wie süüüß!“ rief er. „Den tauf ich Tia und nehm ihn immer mit wenn wir unterwegs sind.“ „Hey, das ist meiner!“ rief ich entgeistert und eroberte den Bär wieder zurück, nahm mir aber vor, ihn später heimlich in Lauris Gepäck zu verstauen. Es dauerte einige Stunden, bis wir es über den ganzen Kirmesplatz geschafft hatten. Es dämmerte bereits. „Und wie kommen wir jetzt zurück?“ fragte Lauri etwas planlos. „Keine Ahnung, ich hab mir den Weg nicht gemerkt!“ „Tja, dann müssen wir wohl auf der Parkbank übernachten.“ „Nee nee, ich will zurück ins Hotel, meine Füße bringen mich um.“ Wieso hatte ich Blondchen auch die hohen Schuhe angezogen? Ganz einfach, weil diese Folterinstrumente längere Beine machten. „Soll ich dich tragen?“ „Quatsch, du hast heute schon genug gelitten!“ „Aber ich bin doch im Training!“ lachte Lauri gehässig. „Schatzilein, ich rate dir zu rennen, ansonsten gnade dir Gott!“ „Zu Hüüülf!!“ rief Lauri und rannte los. Seltsamerweise fanden wir auf diese Weise schneller als gedacht unser Hotel wieder. Lauri stoppte, ich prallte fast gegen ihn. „Frieden?“ „Ausnahmsweise!“ „Huh, Gott sei Dank“. Lachend schlang Lauri seinen Arm um meine Taille, engumschlungen stapften wir in unser Zimmer.

„Nie wieder High-Heels!“ schwor ich dort und pfefferte die Schuhe in die Ecke. „Wer schön sein will muss leiden,“ stichelte Lauri und hielt mir ein großes Glas Wasser hin, bevor ich etwas erwidern konnte. Schnell leerte ich das Glas, Lauri nahm direkt die Flasche. „Ich brauch ne Dusche!“ stöhnte Lauri. Wir sahen uns einen Moment an, dann rannten wir beide los. Rums, die Tür war zu. „Tiaaaaaaaa, ich habs zuerst gesagt!“ „Aber ich war schneller!! Ääätsch!“ „Aber du brauchst immer so lang mit deinen Haaren!“ „Gar nicht waahr!“ „Dooooooooch!“ „Gib auf Lauri, ICH dusch jetzt!“ Hah, gewonnen. Erleichtert stellte ich mich unter die kalte Dusche und massierte meine geschundenen Füße. Zehn Minuten später kam ich aus dem Bad und fand einen schmollenden Lauri vor. „Na endlich!“ „Hey, ich war doch flott. Beschwer dich nicht!“ „Ich wollte aber zuerst!“ Skeptisch sah ich ihn an. War Lauri echt sauer? In diesem Moment lachte er los. „Dein Gesicht solltest du mal sehen! Keine Sorge, war nur ein Scherz!“ „Idiot“ grummelte ich und boxte ihn leicht in den Bauch. „Jetzt ab mit dir!“

Hundemüde legte ich mich aufs Bett und schaltete den Fernseher an. Ich zappte von einem Programm zum anderen und blieb bei MTV hängen. Dort lief gerade Funeral Song, allerdings die Aufnahme von dem gestrigen Konzert. Sofort bekam ich wieder Gänsehaut, musste an unser Gespräch letzte Nacht denken. Lina… Ich hatte sie noch nie getroffen geschweige denn auch nur ein Bild von ihr gesehen, und trotzdem hasste ich sie. Selbst wenn nur die Hälfte davon stimmen würde, was Lauri erzählt hatte, war sie verabscheuungswürdig. Einen anderen Menschen so zu hintergehen, das war das Letzte. Ich hoffte inständig, dass Lauri es schaffen würde, sie aus seinem Herzen zu verbannen. Er musste… Lauri kam aus dem Bad, blitzschnell schaltete ich auf das nächste Programm. „Läuft was interessantes?“ „Bin noch am suchen“ erwiderte ich beiläufig. Schulterzuckend schmiss Lauri sich neben mich. „Hier, such du, ich find nix.“ Ich drückte Lauri die Fernbedienung in die Hand und kuschelte mich in seine Arme. Sofort fielen mir die Augen zu, zu viel Sauerstoff machte also doch müde und Lauris starke Arme luden geradezu dazu ein, sich einfach nur zu entspannen. „Danke, Tia.“ flüsterte Lauri. „Wofür?“ murmelte ich, fast schon eingeschlafen. „Für diesen wunderschönen Tag“. „Hmmm…“ „Tia?“ Ich hörte Lauri schon nicht mehr, schlummerte friedlich in seinen Armen. Zärtlich küsste er mich auf die Stirn, zog mich etwas näher an sich. „Ach Tia, wenn du nur wüsstest, was du mit meinen Gefühlen anstellst“ seufzte er. Kurze Zeit später war auch er eingeschlafen.

XXXIX.

„Lauri!! Tiaaa!! Aufstehen!! Hallooooo!!!“ Lautes Gehämmer riss uns aus unseren Träumen. Verschlafen sah ich mich um. Lauri zog sich die Decke über den Kopf, tat als würde er nichts hören. Ich sah auf die Uhr, halb zehn. Was? Halb zehn? Scheiße, wir hatten verschlafen. „Lauri, hey, Lauri aufstehen! Wir haben verpennt!“ Energisch rüttelte ich an Lauris Schulter. „Nur noch fünf Minuten“ grummelte er. Hektisch suchte ich meinen Bademantel und lief zur Tür. Dort stand Pauli, im Schlepptau seinen gepackten Koffer. „Sag bloß ihr habt echt noch geschlafen? Wir müssen in zehn Minuten zum Flughafen!“ „Sorry, wir haben den Wecker nicht gehört. Wir sind gleich da!“ Schon knallte ich Pauli die Tür vor der Nase zu und rannte wieder zu Lauri. Genervt stand er endlich auf und verschwand im Bad. „Beeil dich, wir haben nicht viel Zeit!“ Während Lauri sich - hoffentlich - schnell fertig machte, zog ich mich an und suchte unsere sieben Sachen zusammen, die ich wild durcheinander in die Koffer schmiss. Irgendwie schafften wir es, zwanzig Minuten später in die Lobby zu hechten, wo uns die anderen schon sauer erwarteten. „Habt ihr die Nacht durchgemacht oder was?“ „Ach man Aki, wir haben halt verpennt, kann doch mal passieren!“ wehrte sich Lauri. „Ja, mal, aber du bist dafür echt prädestiniert!“ Kleinlaut packten wir unsere Koffer in den Van und stiegen ein. „Nicht sauer sein Jungs, ich geb nächstes Mal mehr Acht,“ versprach ich. Kurz vor knapp erreichten wir den Flughafen. Hektisch checkten wir ein und gingen sofort zum Gate, wo das Boarding schon begonnen hatte. Lauri und ich plumpsten auf unsere Plätze und atmeten erst mal tief durch. „Na wenn der Tag nicht gut anfängt…“ „Na ist doch noch mal gut gegangen.“ Lachend schnallten wir uns an und warteten auf den Start.

Gegen halb drei checkten wir in Amsterdam im Hotel ein. In der Lobby begrüßten The Rasmus erfreut einen großen gutaussehenden Typ. „Hey, Tia, dass ist Veli!“ stellte Aki ihn mir vor. „Hallo, da ist ja meine Ablösung!“ begrüßte ich Veli erfreut und musterte ihn. Groß, gut gebaut, blonde etwas längere Haare und strahlend blaue Augen oder kurz: sehr nett anzuschauen. „Los komm, wir müssen die Koffer hochbringen!“ rief Lauri und zog mich energisch hinter sich her. „Hey, vielleicht wollte ich mich noch kurz mit Veli unterhalten?“ beschwerte ich mich. „Flirten kannst du nachher, jetzt komm!“ Oh oh, war Lauri etwa eifersüchtig? dachte ich amüsiert. Viel Zeit zum Auspacken hatten wir nicht, schon um drei wurden wir von einem Kamerateam abgeholt. Geplant war ein Interview auf einem Boot in den Grachten von Amsterdam. „Na bravo, “ maulte Aki, als wir in das Boot, was vielmehr ein Bötchen war, kletterten. „Wehe ich werde seekrank!“ „Schisshase!“ schallte es ihm von allen Seiten entgegen. Veli und ich verzogen uns in den hinteren Teil des Bootes, wo ich ihn rasch aufklärte, was die letzten Tage passiert war. „Naja, sieht ja aus, als hättest du alles im Griff!“ lobte er mich. „Ist ja nicht wirklich viel passiert, ein paar Anrufe und Änderungen, damit komm ich schon klar.“ „Glaub ja nicht, dass es immer so ruhig ist.“ „Jepp, das ist mir schon klar, aber das übernimmst du ja jetzt!“ lachte ich und schielte zu Lauri, der uns mit zusammengekniffenen Augen beobachtete. Einige Minuten später trudelte auch endlich die Tante von dem Fernsehsender samt einem zweiten Kameramann ein. Wild gestikulierend kletterte sie zu uns ins Boot und murmelte einige Entschuldigungen. Genervt musterte ich sie. Ein paar Kilo zu wenig auf den Rippen, also superschlank, dicke lange schwarze Haare, eine halbe Tonne Make up im Gesicht, lange Fingernägel, Minirock und Corsagentop. Na super, die steckte mich ja wohl locker in die Tasche. Natürlich quetschte sie sich zwischen Lauri und Eero, denen das nicht gerade unangenehm war. Lauri warf mir einen Blick a la „was du kannst kann ich auch“ zu und schwupps, Küsschen links, Küsschen rechts. Musste diese Tusse dabei auch noch seine Hand halten? „Tia, hey Tia, träumst du?“ „Was?“ Hatte Veli was gesagt? Sauer löste ich meinen Blick von Lauri und wandte ihn wieder Veli zu. „Nicht eifersüchtig sein, die ist nicht Lauris Typ! Viel zu aufgetakelt.“ „Quatsch, bin doch nicht eifersüchtig!“ versuchte ich mich rauszureden. Überhaupt, ich kannte Veli seit ein paar Minuten, was mischte der sich da ein? „Hab mich nur grad gefragt, wie die an den Job gekommen ist…“ „Manchmal ist es besser, das nicht zu wissen. Themawechsel. Was steht an, wenn wir hier fertig sind?“ „Danach geht’s zu TMF, Aufzeichnung für so ne Show ähnlich wie Top of the Pops, mehr steht heute nicht auf dem Programm.“ „Okay, alles klar. Dann organisier ich schon mal unsere Rückfahrt heute Abend. Was ist morgen dran?“ „Hey, Chris hat dich aber überhaupt nicht informiert, was?“ „Naja, mehr oder weniger. Wir konnten nicht lang miteinander reden, weil’s ihm so elend zu Mute war.“ „Okay, also morgen früh ist noch ein Interview mit so ner Rock Zeitschrift und ein Fotoshooting, eventuell noch so eine Aktion wo sich ein Fan wie Lauri stylen lassen will und dann ab zum Flughafen. Das letzte steht aber noch nicht ganz fest, kommt drauf an wie viel Zeit uns bleibt.“ „Also volles Programm.“ „Jepp“. Gut dass ich mich während unseres Gesprächs mit dem Rücken zu Lauri gedreht hatte, so entgingen mir die peinlichen Anmachen von der Fernsehtusse. Das Interview zog und zog sich, also legten Veli und ich die Beine hoch und genossen die Sonne. Schließlich sah ich auf die Uhr, schon halb fünf. Um fünf sollten wir bei den TMF Studios sein. „Veli? Die Zeit wird langsam knapp. Ich glaub wir sollten dem Mädel mal Feuer unterm Hintern machen und gucken, dass wir hier weg kommen.“ „Stimmt, ok ich frag wo wir hier sind und bestell uns ein Taxi. Du sagst den anderen bescheid.“ Mist, eigentlich hatte ich mir das genau andersrum vorgestellt. Zögernd ging ich rüber. „Sorry, Jungs, aber wir müssen jetzt Schluss machen, wir haben um Fünf den nächsten Termin. Wär also nett, wenn ihr eure kleine Make up Beratungsstunde zu Ende bringt, wir gehen da vorne von Bord.“ Wenn Blicke töten könnten, dann wäre ich tot umgefallen. Sauer machte die - wie ich aus der Nähe feststellen konnte - gefärbte Blondine ihre Abmoderation und packte ihr Mikro weg. Zwei Minuten später legten wir an, im gleichen Moment kam auch das Taxi angefahren. Übertrieben freundlich knutschte Lauri Madame Mir-fallen-die-Titten-gleich-aus-der-Corsage ab und stieg zu uns ins Taxi.
„Musste das gerade sein?“ maulte ich ihn an.
„Was?“
„Na deine Anbändelei mit dieser…“
„Netten Moderatorin?“ grinste Lauri.
„So ungefähr!“
„Ach, ist meine Managerin eifersüchtig?“
„Quatsch, ich kann solche künstlichen Tussen nur nicht ausstehen.“
„Natürlich…“
Die restliche Fahrt verbrachten wir mal wieder schweigend.

XL.

Mit kurzer Verspätung kamen wir endlich bei den TMF Studios an und wurden sofort in unsere Garderobe geführt. Veli verschwand mit einem der Aufnahmeleiter, um sich die Bühne anzusehen. The Rasmus mussten in die Maske, um für ihren Auftritt geschminkt zu werden. Genervt ließ ich mich auf der Couch nieder. Was war eigentlich in mich gefahren, Lauri so anzumotzen? Schön blöd, sich zu streiten, wenn man noch eine halbe Woche miteinander zu verbringen hatte. Außerdem, warum brachte mich so eine aufgemotzte Ziege eigentlich so auf die Palme? Gut, sie war nett anzusehen, aber schon auf den ersten Blick unsympathisch. Ich konnte mir eigentlich nicht wirklich vorstellen, dass Lauri auf solche Frauen stand. Aber so, wie die sich an ihn rangeschmissen hatte… Andererseits, Lauri hatte sich ja gewissermaßen genauso wie ich verhalten, als ich Veli heute morgen begegnet war. Ich nahm mir vor, in einer ruhigen Minute mit Lauri zu reden. Es hatte keinen Sinn, sich so darüber den Kopf zu zerbrechen.

„Was’n mit dir und Lauri los?“ riss Pauli, der als erster aus der Maske kam, mich aus meinen Gedanken. „Wieso?“ „Na ihr zieht beide so ne Flappe“ „Hm… kleines Missverständnis, nichts schlimmes“ wich ich ihm aus. „Na denn seht mal zu, dass ihr das geklärt bekommt. Lauri ist nämlich unausstehlich, wenn er in dieser Stimmung ist!“ maulte Pauli weiter. „Ja ja, versprochen.“ Nacheinander trudelten auch Aki, Eero und schließlich auch Lauri ein. „In zwanzig Minuten geht’s los,“ teilte uns Veli mit, als auch er zurück kam. Pauli warf mir einen dringenden Blick zu, also hatte ich keine Wahl. Langsam ging ich rüber zu Lauri, der vorgab angestrengt in einer Teenie Zeitung zu lesen.
„Können wir reden?“
„Klar, was ist?“
„Allein?“
„Na gut, komm mit“
Wir gingen in die Maske, den einzigen leeren Raum, in dem wir kurz ungestört sein konnten.
„Also?“ sah Lauri mich fragend an.
„Ich ähm…ich wollt mich entschuldigen dafür, dass ich dich vorhin so angepflaumt hab.“ gab ich zögerlich zu.
„Ach? Gibst du also zu, dass du eifersüchtig warst?“
„Jaaaaa, hast ja recht.“
„Ach Tia, du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich die auch nur ansatzweise attraktiv fand?“
„Eigentlich nicht. Hab ja erst gedacht, das wär ne Racheaktion für heute morgen, aber als du deine Augen gar nicht mehr von ihr abwenden konntest, war ich mir nicht mehr so sicher.“
„Hm…“
„Es war doch ne Racheaktion, oder?“ Wieso zweifelte ich eigentlich?
„Ja natürlich. Sorry, das war kindisch. Und ich hätte heute morgen auch nicht so reagieren sollen. Aber wie du Veli gemustert hast…“
„Naja ich guck mir halt schon gern an, mit wem ich es zu tun habe.“
„Also Schwamm drüber?“
„Okay, vergessen wir’s.“
Erleichtert, dass die Sache vom Tisch war, umarmten wir uns.
„Außerdem sind wir ja Freunde, gell?“
Da war er wieder, der Satz, der mir automatisch Bauchschmerzen bereitete.

„Ach hier seid ihr!“ Erschrocken fuhren wir herum, Veli stand in der Tür. „Los jetzt Lauri, euer Auftritt!“ Lauri hechtete los, Veli und ich gingen gemächlich hinterher und suchten uns eine gute Position, von der aus wir über das Publikum hinweg die Bühne sehen konnten. Als The Rasmus die Bühne betraten, wurden sie von den jubelnden Fans empfangen. Das Playback zu Funeral Song startete und die Jungs spulten routinemäßig ihren Auftritt ab. Die Performance wurde noch zwei Mal wiederholt, denn dem Regisseur gefielen entweder die Kameraeinstellungen nicht oder er hatte etwas an der Publikumsreaktion zu mäkeln. Im Anschluss gaben The Rasmus noch ein paar Autogramme an die Fans in der ersten Reihe, dann fanden wir uns wieder in der Garderobe ein. Schnell wechselten die Jungs ihre Klamotten und packten zusammen. Gerade als wir uns auf den Weg machen wollten, stürmte Jacki, die Sängerin von Krezip in den Raum. „Lauriiiiii!!“ quietschte sie und fiel dem verdutzen Lauri um den Hals. “Hey, was machst du denn hier?” “Wir treten auch gleich auf. Man, wir haben uns ja schon ewig nicht mehr gesehen! Alles klar bei dir?“ Hallo? Lauri? Wir wollen ins Hotel! Wieder spürte ich diese Eifersucht, zwang mich aber dazu, ruhig zu bleiben. Man kannte sich halt, na und? „Jupp, alles bestens. Wir machen grad ne Minitour, und dann ab ins Studio.“ „Cool, wurd ja auch Zeit! Wir müssen unbedingt mal wieder was zusammen trinken gehen. Hast du heute Zeit?“ fragte Jacki enthusiastisch. „Ähm ihr alle natürlich!“ fügte sie nach einem kurzen Blick in die Runde hinzu. Lauri zögerte einen Moment, sagte dann doch entschlossen ab. „Du sorry, aber heute Abend hab ich ähm wir noch was vor. Aber ich ruf dich an, wenn’s wieder etwas ruhiger ist, ok?“ „Ach schade, aber kann man nichts machen. Okay Jungs, dann macht’s mal gut!“ sagte Jacki enttäuscht und verabschiedete sich. Aki, Eero, Pauli, Veli und ich wechselten einen überraschten Blick. Was hatten wir denn heute Abend noch vor? Nachdem Jacki weg war, meinte Lauri „Guckt nicht so, ihr habt heute Abend frei. Nur du nicht, Tia!“ „Ach und was hab ich bitte noch vor?“ „Lass dich überraschen“ lachte Lauri und tänzelte aus der Garderobe. Kopfschüttelnd folgten wir ihm.

Während der Autofahrt versuchte ich Lauri auszuquetschen, doch dem kam kein Wort über die Lippen. Im Hotelzimmer setzte ich mich aufs Bett und tat, als wäre ich beleidigt. „Wenn du mir jetzt nicht sofort sagst, was du geplant hast, kannst du dir für heute Nacht ein neues Zimmer suchen!“ „Wie? Du willst mich verbannen?“ „Wenn’s nötig ist…“ Lachend setzte Lauri sich neben mich. „Was meinst du wohl, warum ich auf dein kleines Schwarzes bestanden habe?“ „Weiß ich doch nicht?“ „Na streng mal dein süßes kleines Köpfchen an!“ „Lauriii!“ „Hehehe, mehr wird nicht verraten. Los, umziehen! Mach dich schick!“ „Du sagst mir jetzt sofort….“ Weiter kam ich nicht, denn Lauri drückte mir mein Kleid in die Hand und schob mich ins Badezimmer. Schnell zog ich mich um und frischte mein Make up auf. Meine Haare dachten wahrscheinlich schon, sie hätten Feierabend, denn sie wehrten sich erfolgreich gegen jegliches Styling. Naja, so wird’s schon gehen, dachte ich nach einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel. Doch als ich aus dem Bad kam, war Lauri nirgendwo zu sehen, weder im Zimmer noch auf dem Balkon. Wo war der denn jetzt wieder hin? Da ich ja keine Ahnung hatte, was Lauri geplant hatte, musste ich wohl warten. Ich vertrieb mir die Zeit mit einer Zigarette auf dem Balkon. Erfreut pfiff Lauri, als er endlich zurück kam. „Wow! Hast dir ja richtig Mühe gegeben!“ stichelte er und brachte mich damit beinah auf die Palme. „Sieht super aus!“ „Und wofür hab ich diesen Aufwand jetzt betrieben? Und wo bitte warst du gerad?“ „Nicht so neugierig Süße! So ich geh mich dann auch mal fertig machen. „Beeil dich!“ rief ich ihm hinterher und griff nervös nach einer zweiten Zigarette. „Können wir?“ rief Lauri nach ein paar Minuten. Hey, Mister Ylönen war schon fertig? Wunder geschehen immer wieder. Ich brach meinen Schwur und schlüpfte schnell in meine High Heels, schnappte meine Handtasche und schon waren wir auf dem Weg in die Lobby. Vor dem Eingang wartete bereits ein Taxi. Galant öffnete Lauri mir die Tür. „Oh, welch Ehre“ grinste ich und stieg ein. Lauri flüsterte dem Fahrer die Adresse zu, dann ging es endlich los.

XLI.

Nach zehn Minuten Fahrt waren wir anscheinend am Ziel. Gespannt stieg ich aus und sah mich um. Wir waren wieder bei den Grachten. „Und jetzt?“ „Warts ab!“ grinste Lauri, nahm meine Hand und führte mich in eine dunkle Gasse. Was wollten wir denn hier? Bis auf eine Straßenlaterne war es völlig dunkel, die Häuser sahen aus, als würden sie gleich zusammenbrechen. Nach circa 200 Metern ging es eine schmale Treppe herunter. Dort öffnete uns ein Türsteher, den Lauri fröhlich begrüßte. Anscheinend war er hier schon öfter gewesen. Im Inneren verbarg sich ein gemütlich eingerichtetes Restaurant. Die Wände waren dunkel gestrichen, aufgelockert mit einer Bordüre mit verschnörkeltem Muster. Die Tische wurden von großen Pflanzen getrennt, so dass sie nicht von den anderen Tischen eingesehen werden konnten. Vor den vergitterten Fenstern hingen schwere Vorhänge, eingerahmt von großen Kerzenleuchtern. „Du hast doch Hunger, oder?“ grinste Lauri mich an. „Und ob! Man wo sind wir hier? Die Überraschung ist dir echt gelungen!“ „Das ist Pflichtprogramm, wenn man hier in Amsterdam ist. Eigentlich n edler Schuppen, da steh ich ja nicht so drauf. Aber die haben die beste Pizza, die ich jemals gegessen habe!“ Ein schnieker Kellner führte uns zu unserem Tisch in einer abgeschiedenen Ecke und reichte uns die Karte. „Was möchtest du trinken?“ „Hm… Wenn schon denn schon, wie wär’s mit Schampus?“ „Gern! Und Pizza wie immer?“ „Jepp“ Lauri bestellte zwei Gläser Champagner sowie eine Prosciutto und eine Pizza Diabolo. Als der Champagner kam, stießen wir an.
„Auf dich“ sagte Lauri.
„Nee, auf die letzten zwei Wochen, die aufregendsten meines Lebens“
„Gut, okay. Prost!“
„Prost!“
„Tia?“
„Hm?“
„Danke dass du mitgekommen bist. Es macht einfach unendlich viel Spaß, mit dir unterwegs zu sein.“
“Jederzeit wieder! Ihr stellt mein Leben zwar gerade ziemlich auf den Kopf, aber das nehm ich gerne in Kauf. Um ehrlich zu sein, das war das Beste, was mir passieren konnte.“
„Glaubst du an Schicksal?“
„Bis vor zwei Wochen nicht.“
„Geht mir genauso. Seit du da bist, hab ich das Gefühl, dass es mit mir wieder bergauf geht.“
Bevor ich antworten konnte, brachte der Kellner die Pizzen, auf die wir uns hungrig stürzten.
„Schmeckt’s?“ nuschelte Lauri, den Mund voller Pizza.
„Göttlich! Ab jetzt esse ich nur noch hier Pizza!“ schwor ich lachend.
„Na na, halt dich mal zurück mit dem Schwören!“
„Wieso?“
„Ich sag nur hohe Schuhe!“
„Ach das war was anderes!“ Frauen und Schuhe, das ist ein Thema für sich, aber das konnte Lauri ja nicht wissen. Ein paar Minuten später legte ich mein Besteck weg und schob meinen Teller zur Seite.
„Noch ein Stück Pizza, und ich sterbe!“
„Wie? Schon satt?“ fragte Lauri und schielte auf den kleinen Rest meiner Prosciutto.
„Pappsatt, ich kann nicht mehr. Da, nimm’s dir ruhig!“ Erfreut vernichtete Lauri auch noch den Rest meiner Pizza und lehnte sich zufrieden zurück.
„So lässt es sich doch leben, gell?“
„Definitiv“, schwärmte ich und nippte an meinem Rotwein. „Ich darf nur nicht an die Rechnung denken.“
„Die wirst du auch gar nicht zu Gesicht bekommen, hehehe. Nachtisch?“
„Für Nachtisch hab ich immer noch Platz!“
Wir warfen noch einen kurzen Blick in die Dessert-Karte und entschieden uns gemeinschaftlich für Tiramisu.
„Ah, ich sterbe!“ seufzte ich nach dem ersten Bissen. „Was Besseres hab ich noch nie gegessen.“
„Leg sofort den Löffel weg, noch darfst du mir hier nicht wegsterben!“ befahl Lauri lachend.
„Zu spät“, erwiderte ich grinsend und verdrückte das letzte bisschen Tiramisu. Sofort schlich der Kellner herbei und räumte den Tisch ab. Kurz darauf kam der Inhaber (das nahm ich zumindest an) und brachte uns noch eine kleine Aufmerksamkeit. „Bitte sehr, zwei Espressi auf Kosten des Hauses. Ich hoffe, es hat ihnen geschmeckt?“ Einstimmig nickten wir.

„Ich hab da noch was für dich, Tia.“ Erstaunt blickte ich von meinem Espresso auf.
„Ein Geschenk?“ Zögernd nickte Lauri. „Hey, der Abend wird ja immer besser!“ Ein Geschenk? Wofür hatte ich das denn verdient? Lauri rückte mit seinem Stuhl etwas näher heran und stellte eine kleine Schachtel auf den Tisch. Als er meinen verwirrten Blick sah, lachte er und sagte schnell „Keine Sorge, ich weiß wie das aussieht, aber ich mach dir keinen Heiratsantrag!“ Erleichtert atmete ich aus. Hätte ich mir aber auch nicht vorstellen können. Gespannt öffnete ich das Kästchen. Darin war eine silberne Kette mit einem chinesischen Anhänger. Ich starrte die Kette an. „Das ist chinesisch und heißt…“
„Yàoshi, Schlüssel, ich weiß“ unterbrach ich Lauri verträumt. Was hatte das zu bedeuten? Ausgerechnet dieses Symbol. Mein Verstand ratterte. „Lauri, die ist wunderschön. Aber…“
„Komm, ich leg sie dir erst mal an.“ Vorsichtig nahm Lauri die Kette, legte sie mir um und betrachtete mich kritisch. „Sieht super aus, hab ich gut ausgesucht.“ sagte er stolz. Aber ich wartete immer noch auf eine Antwort, sah ihn fragend an. „Tia, das soll nur eine kleine Wiedergutmachung dafür sein, dass ich mich in den letzten Tagen so oft bei dir ausgeheult hab. Naja, und symbolisch für unsere Freundschaft halt. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie hast du es geschafft, mein Herz wieder ein kleines Stück zu öffnen. Es ist noch nicht viel, aber ein Anfang. Und dafür möchte ich mich bei dir bedanken.“
„Lauri…“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, so gerührt war ich. „Danke“ war das einzige, was mir über die Lippen kam. Ich merkte, wir sich ein Kloß in meinem Hals bildete, also umarmte ich Lauri schnell. „Lauri, du musst mir aber nichts schenken.“ „Ich weiß, aber als ich die Kette in dem Laden gesehen hab, musste ich sie einfach kaufen.“
„Jetzt steh ich aber ganz schön dumm da, schließlich hab ich ja auch nicht gerade wenig rumgeheult!“. Lauri lachte. „Quatsch. Das du mitgekommen bist ist schon Geschenk genug.“ Sanft strich er mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Eine Weile sahen wir uns einfach nur in die Augen, unfähig etwas zu sagen. Jedes weitere Wort hätte diese schöne Stimmung zerstört oder sie in die falsche Richtung gelenkt. Dies war einer der Momente, den man am liebsten für die Ewigkeit festgehalten hätte.

Schließlich lösten wir uns voneinander und fragten nach der Rechnung. Lauri zahlte, wir verabschiedeten uns und verließen das Lokal. „Willst du schon zurück zum
Hotel?“ fragte Lauri. „Muss nicht sein. Was hältst du von einem kleinen Spaziergang?“ „Gern, ich bin so voll, da tut Bewegung bestimmt gut.“ Ich nahm Lauris Hand, langsam schlenderten wir zum Wasser und gingen die Grachten entlang. Es war eine schöne Nacht, immer noch sehr warm, die Sterne funkelten am Himmel. Die Straßen waren wie ausgestorben, kaum ein Mensch zu sehen. Schweigend liefen wir nebeneinander her, bis wir auf einer kleinen Brücke halt machten. Gedankenverloren starrte ich auf das ruhige Wasser. Der Moment vorhin im Restaurant ließ mich einfach nicht los. Mir war, als sähe ich dort unten im dunklen Wasser Lauris grüne Augen, die meinen Blick erwiderten. „Woran denkst du?“ flüsterte Lauri und schlang seine Arme von hinten um mich. Nachdenklich lehnte ich mich zurück und ließ meinen Kopf in seine Halsbeuge sinken. „Weiß nicht“, sagte ich nach einer Weile. „Mir geht gerade so viel durch den Kopf.“ „Hm…“ Ich kann nicht sagen, wie lange wir dort so standen, aber es kam mir wie eine Ewigkeit vor. „Ach Tia, ich würd am liebsten ewig mit dir hier stehen bleiben und einfach alles vergessen“ sagte Lauri schließlich. „Du weißt das das nicht geht, leider“ „Ja, aber dieser Moment ist so perfekt. Der ganze Stress, alle Probleme, das alles ist so weit weg, wenn wir beide alleine sind. Ich hab das Gefühl, dass die Welt jetzt in diesem Moment untergehen könnte, aber uns beiden würde nichts passieren. Wie so ein unsichtbarer Schutz um uns beide.“ Ich lächelte. Eine schöne Vorstellung, doch leider würde sie nur ein Traum bleiben. Als ich meinen Kopf drehte, um Lauri zu antworten, waren wir uns auf einmal sehr nah, zu nah. Mein Magen krampfte sich zusammen, kribbelte. Ich vergaß, wo ich war, wer ich war. Spürte nur noch Lauris Nähe, sein warmer Atem auf meiner Haut. Seine Hand umfasste meine, er zog mich noch enger zu sich. Wir schlossen die Augen, nur noch wenige Millimeter trennten uns voneinander. ‚Freunde, ihr seid Freunde Tia!’ ertönte auf einmal eine Stimme in meinem Kopf. Wie große Neonleuchten schwebte dieses Wort vor meinem geistigen Auge. Freunde! Instinktiv wich ich zurück, löste mich von Lauri. „Das sollten wir jetzt glaub ich nicht tun“ stammelte ich und versuchte verzweifelt, vernünftig auszusehen und Herrin meiner Gefühle zu werden. Lauri warf mir einen unendlich enttäuschten, aber zugleich auch dankbaren Blick zu. „Du hast recht, komm wir fahren zurück.“

XLII.

Verlegen stiegen wir in das nächstbeste Taxi und fuhren schweigend zum Hotel. Als ich die Zimmertür aufschloss, kam uns Aki entgegen. „Hey, und? Schönen Abend gehabt?“ „Klar, wir waren bei Carlo!“ erwiderte Lauri beiläufig und ging ins Zimmer. „Du Tia, Veli war vorhin da und hat dich gesucht. Er hat nen Zettel unter der Tür durchgeschoben.“ Stimmt, da lag etwas auf dem Boden, hatte ich noch gar nicht gesehen. Rasch hob ich den Zettel auf. ‚Hallo Tia, Fanaktion morgen gecancelt, dafür noch ein TV Interview. Starten morgen um 10. Schlaf gut, Veli’. Ich stopfte den Zettel in meine Tasche. Aki war mittlerweile an unserem Zimmer angekommen. „Ist alles in Ordnung?“ „Ja klar, wieso nicht?“ „Du siehst nicht gerade aus, als hättest du einen schönen Abend gehabt.“ Schnell sah ich mich nach Lauri um, doch der hatte nichts gehört. Er schnappte sich gerade seine Zigaretten und verzog sich auf den Balkon. „Ach Aki, ich bin einfach so durcheinander, was Lauri betrifft mein ich.“ „Das haben wir schon mitbekommen, ist ja kaum zu übersehen. Willst du reden?“ Ich schüttelte den Kopf. „Komm schon, vielleicht hilft es dir, mit jemand neutralem zu reden.“ „Na gut, wenn du meinst“ „Komm, wir gehen bei mir was trinken, dann erzählst du mir alles.“ sagte Aki und schloss die Zimmertür. Bereitwillig folgte ich ihm.

In Akis Zimmer herrschte Chaos pur. Seine Klamotten waren über das ganze Zimmer verteilt, sein Laptop lag auf dem Bett, drumherum ungeordnete Zettel. „Ist hier ne Bombe eingeschlagen?“ fragte ich entgeistert. „Ach das ist doch für meine Verhältnisse noch relativ ordentlich!“ kommentierte Aki das Chaos. „Na gut, dann such ich mir mal n Plätzchen zum sitzen. „Quatsch, komm raus auf den Balkon, da sind die Stühle noch frei.“ Also gut, ich bahnte mir meinen Weg durch das Zimmer und ließ mich auf dem Balkon nieder. „Hast du ne Zigarette für mich?“ „So schlimm?“ fragte Aki. Ich nickte und zündete mir den Glimmstängel an. Nach ein paar nervösen Zügen erzählte ich Aki von dem heutigen Abend. „Ihr habt euch geküsst?“ fragte dieser, als ich fertig war. „Nein, diesmal nicht.“ „Diesmal?“ „Ach, letztes Wochenende, weißt du noch? Als Chris da war und Lauri und ich unterwegs. Wir waren am See, Lauri hatte ne Idee zu nem Song und hat mir vorgesungen. Naja, der Text… es war halt genau das, was ich auch empfunden habe. Und da ist es halt passiert. Genau in dem Moment, als du angerufen hast.“ „Oops“ „Naja, in dem Moment hätte ich dich erwürgen können, aber so im Nachhinein betrachtet, war es gut so.“ „Ich versteh das nicht, Tia. Also ich mein, selbst ein Blinder mit Krückstock würde merken, dass ihr beiden mehr als Freundschaft füreinander empfindet. Ihr klebt dauernd aneinander, versteht euch jetzt schon blind. Die Art, wie ihr euch anseht, ständig berührt… Warum redet ihr nicht einfach darüber?“ Ja wenn das mal so einfach wäre… „Weil wir uns auf Freundschaft geeinigt haben.“ „Wieso?“ Ich schwieg. „Okay, ich kann verstehen, warum Lauri vielleicht noch nichts Neues will. Obwohl das Blödsinn ist, schließlich ist er bis über beide Ohren in dich verknallt. Das würde er zwar jetzt noch nicht zugeben, aber irgendwann wird es selbst ihm klar. Aber wovor hast du Angst?“ Nervös nahm ich mir noch eine Zigarette. „Aki, es gibt Sachen, über die ich einfach noch nicht reden will oder kann. Nicht mit Lauri, nicht mit dir, mit keinem. Dinge, die ich all die Jahre verdrängt habe, die ich nie wieder anrühren wollte. Ich weiß, dass ich Lauri alles erzählen kann, aber ich hab Angst. Angst davor, dass er dann nichts mehr mit mir zu tun haben will wenn er mich richtig kennt. Ich bin so verwirrt, ich will ihn! Ich will mit Lauri zusammen sein, will ihn küssen, will ständig an seiner Seite sein. Aber andererseits…“ „Andererseits was?“ „Hab ich genau davor Angst, mit ihm zusammen zu sein.“ „Tia, so kann ich dir nicht helfen, wenn ich nicht weiß, worum es geht.“ „Ich weiß, aber ich muss das mit mir selber ausmachen. Ich weiß nur noch nicht wie.“ „Du stehst dir selber im Weg, weißt du das?“ „Ja, wie immer.“ „Komm mal her Süße“ seufzte Aki und nahm mich in den Arm. „Moment mal“ rief er plötzlich. „Ich hab da noch was für dich, dass dir vielleicht helfen wird.“ Verwundert sah ich Aki nach, der wieder ins Zimmer ging und in seiner Zettelwirtschaft etwas suchte.

„Ha, gefunden!“ Lachend kam er wieder nach draußen. „Siehst du? Wer Ordnung hält ist nur zu faul zum suchen“ Verständnislos starrte ich auf das zerknüllte Stück Papier in seiner Hand. „Das hier, “ sagte Aki und hielt das Blatt hoch, „ist ein Song, den Lauri über dich geschrieben hat, als wir in Helsinki waren. Er hat ihn weggeschmissen, aber ich hab ihn vorsichtshalber aufgehoben. Jetzt weiß ich ja, wozu es gut war.“ „Weggeschmissen? Wieso?“ „Weil er meinte, dass es noch nicht an der Zeit wäre, dass du ihn siehst.“ „Versteh ich nicht…“ „Hier, lies erst mal, dann wirst du verstehen.“ Aki drückte mir das Papier in die Hand. Langsam faltete ich es auf und las:

Somewhere somehow

There she goes again
Poor little anxious girl
She’s been walking around all day
Trying to hide in the shadows of herself

She’s locked away her feelings
Threw away the key and swore
No one’s gonna hurt me again
No one’s gonna melt the ice inside

She cries

I know you’re out there
Somewhere
Watching me, knowing me, loving me
Somehow
Find me, help me, break me

There she goes again
Poor little anxious girl
Searching for someone who’s
Gonna break these chaines
That are bounding her soul

She cries

I know you’re out there
Somewhere
Watching me, knowing me, loving me
Somehow
Find me, help me, break me

Take a look at me, here I am
I got the key to your heart
Come into my arms
Poor little anxious girl
Let me take away your fear

“So sieht er mich?” fragte ich zögernd, nachdem ich den Song ein paar Mal gelesen hatte. „Verstehst du mich jetzt? Verstehst du jetzt, warum ich unbedingt will, dass ihr miteinander redet? Tia, Lauri weiß längst, dass da irgendwas ist, worüber du nicht reden willst. Überleg mal, er hat das geschrieben, als ihr euch erst ein paar Tage kanntet! Er will dir helfen, du musst ihn nur lassen!“ Ich schüttelte den Kopf. Las den Song noch mal und noch mal. Versuchte das gerade Gelesene zu verarbeiten. Es war mir im Moment einfach zu viel. Was im Moment mit mir passierte, überforderte mich. “Du gehst jetzt rüber in dein Zimmer und guckst wie Lauri drauf ist. Versuch doch einfach, mit ihm zu reden. Glaub mir, dann wird’s leichter.“ „Nein, ich warte, bis wir wieder zu Hause sind. Wo soll ich denn hin, wenn Lauri so reagiert, wie ich befürchte?“ „Das wird er nicht. Denk an den Song!“ Ich glaubte Aki, mir war selber klar, dass ich mir nur Ausreden suchte. „Wenn wir zu Hause sind, dann suchst du dir eine andere Ausrede, oder nicht? Irgendwann kommt dann der große Knall und es wird genau das passieren, wovor du Angst hast. Du musst mit ihm reden, Tia! Schafft doch endlich klare Verhältnisse!“ Verstohlen wischte ich mir eine Träne von der Wange. „Es geht nicht, Aki. Noch nicht…“ Schließlich sah Aki ein, dass er mich nicht überzeugen konnte. Einige Zigaretten später machte ich mich auf den Weg zurück.

XLIII.

Unschlüssig blieb ich vor unserer Zimmertür stehen. Was sollte ich tun? Mit Lauri reden kam nicht in Frage. So tun, als wäre alles in Ordnung? No way. Langsam steckte ich die Chipkarte ins Schloss. Es klackte, das Lämpchen wurde grün. Doch ich stand einfach nur da, mein Herz raste. Ich konnte doch jetzt nicht einfach reingehen und mit Lauri Fernsehen oder rumblödeln! Ach was, ich machte mir einfach zu viele Sorgen, tief durchatmen, Tia. Doch meine Zweifel blieben, auch als ich meine Hand auf die Türklinke legte. Von drinnen hörte ich das Knarren der Balkontür. Lauri war also noch wach. Ich kann da jetzt nicht rein! dachte ich panisch und lief zum Aufzug und hieb auf die Tasten. Was tu ich hier bloß? Ich kann schließlich nicht ewig vor mir davonrennen. Der Aufzug kam, schnell stieg ich ein und fuhr in die fünfte Etage. In der Hotelbar sackte ich auf einen der Barhocker und bestellte eine Vodka-Cola. ‚Auf mich’ seufzte ich, als die Cuba Libre kam und stürzte sie auf Ex runter. „Noch eine!“ rief ich dem Barkeeper zu. ‚Auf meine Scheiß Vergangenheit’, ich exte das nächste Glas und bestellte Nachschub. Der Barkeeper musterte mich seltsam, behielt seinen Kommentar aber Gott sei Dank für sich. Er stellte das nächste Glas vor mir ab, ich starrte es an. Soweit war ich also schon. In meinem Zimmer saß der verständnisvollste Typ, den man sich vorstellen konnte, der Mann, dem ich völlig vertraute, und was tat ich? Ich ersäufte meine Gedanken in Vodka. Verzweifelt schüttelte ich den Kopf. Wieso konnte ich nicht über meinen Schatten springen? Weil es zu weh tat… „Noch eine bitte!“ Ich knallte das Glas laut auf die Theke. Kommentarlos stellte der Barkeeper die Flasche Vodka neben mein Glas. „So ist’s einfacher“ murmelte er. „Danke“, lallte ich und schenkte mir ein. ‚Was fällt Lauri eigentlich ein, einfach einen Song über mich zu schreiben?’ Ich leerte das nächste Glas. ‚Hätte ich mich doch bloß nicht auf die ganze Sache eingelassen, dann könnte ich schön weiter mein Leben führen. Es war doch eigentlich alles in Ordnung gewesen, und jetzt?’ Als ich den restlichen Vodka runterstürzen wollte, riss mir jemand das Glas aus der Hand. „Du hast genug Tia!“ Sauer wirbelte ich herum. Mühsam klammerte ich mich an der Theke fest, denn sonst wäre ich wahrscheinlich vom Hocker geplumpst. „Heyyyy, das isss meinsss“ lallte ich. Vor mir stand Lauri, der mich zugleich sauer und besorgt ansah. „Ich hab dich schon überall gesucht. Was zum Teufel machst du hier?“ „Hadde Duarst“ stammelte ich. „Ich geb dir oben was zu trinken, Wasser, viel Wasser! Jetzt komm!“ Ich protestierte lautstark, doch Lauri hievte mich von dem Hocker und schleppte mich zum Aufzug. Im Zimmer angekommen platzierte mich Lauri in einem der Sessel. „Rühr dich nicht vom Fleck, ich hol dir ein Wasser.“ „Eye Eye Sir“ grinste ich und lehnte mich zurück. „Weißt du eigentlich, was für Sorgen ich mir gemacht hab, als Aki mir sagte, dass du schon längst zurückgegangen bist?“ rief Lauri von der Minibar aus. „Tia?“ Als er zurückkam, schlief ich bereits den Schlaf der Gerechten.

„Oh Gott mein Kopf!“ stöhnte ich, als ich am nächsten Morgen aufwachte. Mein Kopf pochte, als würde er gleich platzen wollen. Vorsichtig öffnete ich die Augen. Die Sonnenstrahlen, die durch die leicht offenen Vorhänge fielen, trieben mir Tränen in die Augen. Langsam setzte ich mich auf und sah mich um. Das Bett neben mir war leer, Lauri war also schon weg. Die Uhr zeigte halb elf an, ich hatte also tüchtig verschlafen. Im Schneckentempo schälte ich mich aus der Bettdecke, setzte vorsichtig ein Bein nach dem anderen auf den Boden. Mein Blick fiel auf meinen Nachtisch. Dort stand eine Flasche Wasser, daran gelehnt ein Zettel. Was ist das denn? dachte ich.

Guten Morgen Honey,

hab’s heute morgen nicht übers Herz gebracht, dich zu wecken. Schlaf dich aus, Veli ist mit uns gefahren. Ruf mich bitte an, wenn du wach bist.

HDL
Lauri

PS: Ich dachte, die Aspirin könntest du vielleicht gebrauchen! 

Erst da fielen mir die Tabletten auf, die neben der Flasche lagen. Danke Lauri seufzte ich lächelnd und schluckte zwei Aspirin auf einmal. Man hatte ich einen Nachdurst. So einen Kater hatte ich wirklich schon lange nicht mehr. Nie wieder Alkohol! schwor ich. Naja, den Schwur würde ich eh nicht halten können, aber für den Moment hörte es sich gut an. Langsam schleppte ich mich ins Badezimmer und stieg unter die Dusche. Allmählich kehrte wieder Leben in meinen Körper, endlich ließen auch die Kopfschmerzen ein wenig nach. Ich schloss die Augen und genoss das Wasser, das beruhigend auf mich herabplätscherte. Frisch geduscht machte ich mir einen starken Kaffee und ging auf den Balkon. Die Sonne strahlte bereits und tat ihr übriges, um mich endgültig wach zu bekommen. Zeit, mich bei Lauri zu melden.

„Ylönen?“
„Hey Kleiner, ich bin’s! Wollt nur sagen, dass ich wieder unter den Lebenden weile!“
„Hehehe und was macht dein Kopf?“ Fiesling, dachte ich.
„Der erholt sich gerade.“
„Naja, Strafe muss sein!“
„Ja ja, ich weiß… Tut mir leid wegen gestern Abend.“
„Schon gut, lass uns später drüber reden.“ Nein, bloß nicht!
„Okay. Was macht ihr denn gerade?“
„Wir sind beim Fotoshooting, aber schon fast fertig.“
„Soll ich noch vorbeikommen?“
„Nee lass mal, wir haben noch zwei Interviews und dann kommen wir eh ins Hotel. Ruh dich mal aus“
„Gut okay, dann pack ich schon mal unsere Sachen zusammen. Ist Veli in der Nähe?“
„Jepp, ich geb ihn dir, Sekunde.“
„Veeeeeeliiiiiiiiiiiiiiii!“ brüllte Lauri, leider ohne das Handy zuzuhalten, sehr zur Freude meiner Kopfschmerzen.
„Er kommt. Okay Süße, ich muss auch wieder rüber. Bis nachher, ja?“
“Jupp, viel Spaß noch. Ach und Lauri?“
„Ja?“
„Danke für die Aspirin!“
„Hehehe, siehst du mal wie gut ich mitdenke! Tschöööö!“ rief Lauri noch, schon hatte ich Veli an der Strippe. Ich quatschte noch kurz mit ihm und erklärte halbwegs, was los war. Danach goss ich mir eine neue Tasse Kaffee ein, fischte eine Zigarette aus der Schachtel und genoss noch eine Weile die Sonne, bevor ich mich ans Packen gab.

Pünktlich um zwei Uhr stürmte Lauri ins Zimmer. „Huhu!“ rief er erfreut und drückte mir einen dicken Schmatzer auf die Wange. „Hey, nicht so stürmisch, denk an meinen Kopf!“ „Ach, in deinem Alter muss man das noch abkönnen!“ grinste er. „Wow, du hast ja schon alles gepackt!“ „Natürlich, hab ich doch gesagt!“ „Brave Tia,“ neckte er mich. „Und ich dachte schon, ich müsste mich jetzt total abhetzen.“ „Quatsch, alles erledigt.“ „Ok, ich zieh mich mal kurz um.“ Schnell verschwand Lauri im Badezimmer. Währenddessen suchte ich unsere Pässe und Tickets raus, dann setzte ich mich wieder auf den Balkon und wartete. Kurze Zeit später kam auch Lauri raus. „Ist alles glatt gelaufen?“ fragte ich. „Klar, nichts aufregendes passiert. Jetzt lenk nicht ab Süße, was war gestern mit dir los? So kenn ich dich überhaupt nicht.“ Mist, der war aber auch hartnäckig. „Jetzt zieh nicht so ne Miene, das gibt Falten!“ „Lauri….“ „Spuck’s aus!“ „Ach man, musst du denn auch alles wissen?“ Vielleicht konnte ich ihn ja irgendwie ablenken. „Also wenn sich die Frau, die mir am meisten am Herzen liegt, in ne Bar verzieht, anstatt mit mir zu reden, dann will ich schon wissen, warum!“ Ich seufzte. Was sag ich denn nun bloß? „Na gut, okay. Ähm… Aki hat mich n bisschen ausgequetscht über gestern Abend, also eigentlich hab ich mich eher bei ihm ausgeheult. Mir war das alles zu viel gestern, du weißt was ich meine, oder? Man Lauri, wir reden dauernd über Freundschaft und trotzdem hätten wir uns beinah geküsst! Ich war einfach verwirrt und musste mal ein bisschen allein sein. Verstehst du das?“ „Ja, das versteh ich. Ging mir ja genauso Tia. Aber ich nehm dir nicht ab, dass das alles war!“ Skeptisch sah ich Lauri in die Augen. Sein Verstand ratterte, er war sich unsicher, wie weit er gehen konnte. Sag’s ihm! befahl mir mein Herz, doch mein Verstand wehrte sich. Jetzt wäre der Moment, Lauri alles zu sagen. Doch ich schwieg. „Lauri, jetzt nicht, okay?“ Frustriert seufzte Lauri. „Tia, du weißt dass du mir alles sagen kannst?“ „Ja ich weiß Lauri. Aber…“ Es ging einfach nicht. „Okay, ich kann dich zu nichts zwingen. Aber ich bin für dich da, jederzeit.“ Traurig und zugleich wütend auf meine Feigheit lehnte ich meinen Kopf an seine Schulter. So verbrachten wir einige Minuten schweigend, bis Veli klopfte. Es war Zeit, auszuchecken und zum Flughafen zu fahren.

LXIV.

Am Flughafen Köln/Bonn angekommen, musste alles sehr schnell gehen. Um 21 Uhr sollte das Radiokonzert stattfinden, vorher musste aber natürlich noch Soundcheck gemacht werden und ein kurzer Besuch im Live Studio war auch geplant. Ungeduldig sammelten wir uns am Gepäckband und warteten auf unsere Koffer. Das heißt…Pauli wartete auf seinen Koffer, wie immer. Er war natürlich der letzte, der auf das Band gelegt wurde. Pauli schnappte sich seinen Koffer und schon hetzten wir zum Ausgang. Natürlich nicht, ohne vorher von den fleißigen Zollbeamten aufgehalten zu werden. Gegen 18 Uhr trafen wir endlich bei Eins Live ein. Dort war wegen unseres späten Eintreffens schon Panik ausgebrochen. Thomas Bug rannte uns aufgeregt entgegen. „Da seid ihr ja endlich!“ rief er. „Ja uns geht’s auch gut“, murmelte Lauri mir leise zu und begrüßte dann doch freundlich den Bug. „Okay Jungs, folgendermaßen. Eero, Lauri, ihr kommt mit mir ins Studio. Ihr anderen geht schon mal rüber zur Kantine und seht auch den Aufbau an. Der Briesch macht ein Interview, dann schick ich Lauri und Eero rüber zu euch. Sorry für die Hektik!“ Schon schob er Eero und Lauri vor sich her. Aki, Pauli, Veli und ich folgten einer netten jungen Dame zur Kantine. Dort waren bereits auf einer kleinen Bühne die Instrumente aufgebaut, davor standen einige Dutzend Stühle. „Hm, da wird Lauri sich aber zusammennehmen müssen“ grinste Aki. „Hier ist ja kaum Platz für sein Rumgehopse!“ „Na deswegen ist das ja auch ein Radiokonzert Akilein, da sieht eh keiner, was Lauri auf der Bühne für nen Zirkus veranstaltet!“ lachte Veli. Aki und Pauli nahmen alles genau unter die Lupe, währen Veli und ich mit einem der Radiofritzen den Ablauf besprachen. Es würden circa 50 Zuhörer da sein, dazu noch ein paar Presseleute. Fünf Songs sollten gespielt werden, wobei Eins Live natürlich auf In the shadows und Funeral Song bestand. Nachdem Lauri und Eero endlich zu uns stießen, einigten sich The Rasmus außerdem noch auf Bullet, Not like the other girls und In my life. Es folgte ein kurzer Soundcheck, danach hieß es warten. Noch zwei Stunden bis zum Konzert.

In unserer Garderobe schlugen wir uns erst einmal die Bäuche voll. Eins Live hatte ausreichend vorgesorgt. „Hey Tia, mach mal langsam! Das is schon dein dritter Teller, willst du mir Konkurrenz machen?“ rief Pauli, als ich mir Nachschub holte. „Ey, isch hab noch nüx gegeschen“ nuschelte ich, den Mund voller Tortellini. „Lass sie mal, Tia hat Nachholbedarf“ nahm Lauri mich lachend in Schutz. Es klopfte. „Jaaa?“ rief Aki. Die Tür öffnete sich und ein grinsender Chris steckte den Kopf herein. „Darf man reinkommen?“ fragte er grinsend. „Chris?? Heeeeeeeyyy!! Was machst du denn hier??“ riefen die Rasmusse gleichzeitig. „Na ich kann euch doch nicht so lange alleinlassen!“ antwortete Chris. Nacheinander umarmten wir ihn. „Geht’s dir besser?“ „Ich denk du kommst erst am Wochenende?“ „Wieso hast du nicht angerufen?“ „Hey, nun mal langsam, lasst mich doch erst mal ankommen!“ Seufzend ließ Chris sich auf die Couch fallen. „Im Krankenhaus war’s mir zu langweilig. Ich bin noch nicht hundert prozentig auf der Höhe, aber wenn ihr mich ein bisschen pflegt, dann passt’s schon!“ Wir wechselten einen Blick untereinander, dann ging Aki los und holte ein Glas Wasser für Chris, Pauli lud eine Portion Tortellini auf einen Teller, Eero schnappte sich Besteck und ich gab Chris würdevoll sein Handy wieder. „Hach so gefallt ihr mir!“ grinste der. „Gewöhn dich besser nicht dran, alter Knabe!“ mischte sich Veli ein. „Jungs, fertig machen, Tia, hierhin!“ befahl er. Gehorsam zogen sich die vier um, ich gesellte mich zu Veli und Chris. Schnell klärten wir Chris über alles auf, bis mich Lauri ins Badezimmer rief. „Was gibt’s denn?“ fragte ich neugierig. „Guck mal, was ich anhab!“ Stolz präsentierte mir Lauri eins seiner neuen T-Shirts. „Knalltüte!“ lachte ich. Da hatte ich was angerichtet… „Aber glaub ja nicht, dass du mich von meiner Thunder-Phobie kuriert hast!“ Lachend machte ich mich daran, Lauris Shirt zurecht zu zubbeln. „Okay, ich geb auf! Aber siehst gut aus, so kann ich dich auf die Bühne lassen.“ „Sieht doch eh keiner!“ „Ach deshalb ziehst du das an? Hätt ich mir ja denken können, dass da ein Haken ist!“ Kritisch musterte Lauri mich. „Du bist jetzt nicht sauer, oder?“ „Quark, war doch nur ein Scherz. Jetzt mach dich fertig, ihr habt nur noch zehn Minuten.“ Brav drehte Lauri sich wieder zum Spiegel und suchte nach seinem Kajalstift. „Nimm den hier“ flüsterte ich ihm grinsend ins Ohr, drückte Lauri den Kajal in die Hand und gab ihm einen Klaps auf den Po. Hatte ich das wirklich getan? Bevor Lauri sich rächen konnte, machte ich mich schnell aus dem Staub.

Zehn Minuten später wurden The Rasmus zur Bühne gerufen. Thomas Bug stand bereits dort und machte die Radio Anmoderation. Schließlich holte er die Jungs zu sich auf die Bühne. Es folgte – wie abgesprochen – einleitend ein kleines Interview, dann schnappten sich alle ihre Instrumente und legten mit In the Shadows los. Veli, Chris und ich suchten uns ein Plätzchen schräg neben der Bühne, von wo aus wir alles gut im Blick hatten. Die Gewinner und die Presseleute saßen brav auf ihren Stühlen und harrten gespannt der Dinge, die noch kommen würden. Na hoffentlich kommt da noch was Stimmung in die Bude, hoffte ich. Nach den ersten Takten stubste Veli mich von der Seite an. „Was ist das denn da?“ „Was?“ „Na das Vieh da!“ „Wo?“ Ich versuchte Veli’s Finger zu folgen. Neben der Box vor Lauris Mikro stand der kleine Eisbär, den ich in Barcelona auf der Kirmes gewonnen und später in Lauris Tasche versteckt hatte. Ich lachte. „Das ähm… ist ein Glücksbringer.“ „So so… Okay, wenn ich eins gelernt hab, dann dass ich bei allem, was dich und Lauri betrifft, besser nicht noch mal nachfrage!“ „Kluges Köpfchen!“ Kopfschüttelnd widmeten wir uns wieder The Rasmus. Das Publikum hatte sich mittlerweile von den Stühlen erhoben und bewegte sich sogar im Takt. Lauri seinerseits fiel es schwer, nicht wie gewohnt wie ein Flummi über seine Bühne zu toben. Zwischen den Songs zerstörte Herr Bug immer wieder mit seinen Kommentaren und kleinen Intervieweinlagen die aufkommende Stimmung. Ich merkte Lauri an, dass er lieber das Konzert durchgezogen hätte, anstatt ihm genervt Rede und Antwort zu stehen. Schließlich waren wir beim letzten Song des Abends angelangt. Nachdem der Bug sich endlich verdünnisiert hatte, ergriff Lauri noch einmal das Wort. „Okay, einen Song haben wir noch, allerdings muss ich davor noch etwas sagen. Als ich diesen Song geschrieben habe, vor einigen Jahren, war ich gerade unglücklich verliebt in ein Mädel, das mich überhaupt nicht beachtet hat. Sicher hat jeder von euch so was schon mal erlebt. Aber jetzt weiß ich, dass jede Münze zwei Seiten hat, denn vor einiger Zeit habe ich eine ganz besondere Frau kennengelernt, und seit dem hat dieser Song eine ganz andere Bedeutung angenommen.“ Während Lauri redete, suchte er den Raum ab. Unsere Blicke trafen sich, verharrten einige Sekunden aufeinander. Mir wurde heiß und kalt, automatisch hielt ich den Atem an. Lauri fuhr fort, ohne mich aus den Augen zu lassen. „Hier ist Not like the other girls, nur für dich.“ Chris und Veli starrten mich mit aufgerissenen Augen an, doch das nahm ich in diesem Moment überhaupt nicht wahr. Lauri gab mir mit diesem Song gerade allzu deutlich zu verstehen, wie sehr ihn mein Verhalten gestern Nacht beschäftigte und wie sehr es ihm am Herzen lag, den Grund dafür zu erfahren. Während er sang, suchte er immer wieder meinen Blick, hoffte auf ein Zeichen meinerseits. Verzweifelt versuchte ich, meine Gedanken zu ordnen, mir war zum Heulen zu Mute, gleichzeitig war ich aber auch kurz davor, auf die Bühne zu rennen und Lauri zu küssen. Schließlich rang ich mich zu einem kurzen Lächeln durch, welches Lauri erleichtert erwiderte. Ich nahm mir fest vor, am Wochenende mit Lauri zu reden und hoffte, dass ich dazu auch den Mut aufbringen würde. Die letzten Töne verklungen, The Rasmus verabschiedeten sich von dem – anscheinend doch – begeisterten Publikum und verließen geschafft die Bühne.

XLV.

In der Garderobe stellte sich mir Chris in den Weg. „Tia? Sollte ich da was wissen?“ „Was meinst du?“ fragte ich ausweichend. „Tia, lass das. Läuft da was zwischen dir und Lauri?“ Chris’ Tonfall gefiel mir überhaupt nicht. „Und wenn schon, wäre das so schlimm?“ antwortete ich patzig. „Nein, ich wüsste nur gerne vorher bescheid. Was meinst du, was für ein Presserummel auf uns zukommt!“ „Pass mal auf Chris, ob zwischen mir und Lauri was läuft, geht dich überhaupt nichts an und wir würden dich auch sicher nicht um Erlaubnis bitten. Aber du kannst dich abregen, nein, was Lauri da auf der Bühne gesagt hat, war ganz anders gemeint.“ Wütend funkelte ich Chris an, die Message sollte wohl angekommen sein. Sauer wandte sich Chris ab. „Okay schon gut, ich wollte dir nicht zu nahe treten!“ murmelte er. In diesem Moment kamen auch The Rasmus in die Garderobe. Lauri erkannte sofort, dass etwas nicht stimmte und kam rüber zu mir. „Was ist los?“ „Nichts, Chris hatte nur gerade einen kleinen Aussetzer. Mach dir keinen Kopf!“ erwiderte ich gereizt. „Na denn…“ Kopfschüttelnd verschwand er Richtung Dusche.

„Na das ist doch super gelaufen!“ Freudig strahlend steckte der Bug seinen Kopf zur Tür rein. „Ich hoffe ihr kommt gleich noch runter? Wir haben noch eine kleine Aftershow Party geplant!“ Auch das noch. Genervt musterte ich ihn. Er konnte ja nichts dafür, aber schon seit diesem ganzen DSDS Mist war er mir unsympathisch und viel hatte er heute mit seinen blöden Witzen nicht ändern können. „Ja natürlich, bis gleich.“ antwortete Veli gleich. Aki, Eero, Pauli und ich wechselten einen Blick. Eigentlich hatten wir uns auf unsere eigene Party im Hotel gefreut, aber was wollten wir machen. Das war halt Show Business. Veli, dem die angespannte Stimmung auf die Nerven ging, schob Chris zur Tür raus. „Wir gehen schon mal runter. Ach so, eure Zimmerschlüssel hab ich da auf den Tisch gelegt!“ Etwas leiser fügte er hinzu: „Tia, er hat’s nicht böse gemeint, sei nicht sauer“ „Schon gut, ich weiß“ Geh mir nicht auch noch auf die Nerven, schoss es mir durch den Kopf. „Ähm, wir gehen dann auch schon mal“ murmelten Aki, Eero und Pauli und nutzten die Chance, vor meiner schlechten Laune zu flüchten. Meine Stimmung hob sich erst, als Lauri endlich wieder auf der Bildfläche erschien. „Wo sind denn alle?“ „Schon auf der Party unten.“ „Ahso…“ Geschafft ließ er sich auf die Couch fallen und streckte mir seine Hand entgegen. Schmunzelnd ergriff ich sie und setzte mich neben ihn. Die Art, wie er mich ansah, verschaffte mir sofort wieder Gänsehaut. Verlegen sah ich auf unsere Hände, die immer noch eng umschlungen waren. „Danke“, wisperte ich schließlich und hob meinen Blick. Erwartungsvoll sah Lauri mich an. „Ich wünschte, ich könnte meine Gefühle so ausdrücken, wie du es in deinen Songs kannst Lauri, dann hätte ich es vielleicht schon geschafft, dir auf diese Weise alles zu sagen.“ Lauri schwieg beharrlich, wartete ab. Doch damit trieb er mich nur noch mehr in die Enge. Schließlich gab er auf. „Tia, wie gesagt, ich kann dich zu nichts zwingen. Aber du brauchst keine Songs, um mit mir zu reden. Was immer es ist, wenn du soweit bist, bin ich für dich da. Jetzt komm mal her.“ Sanft zog er mich enger an sich und strich mir über die Haare. Sein Blick fesselte mich, wie immer. Da war es wieder, dieses unbeschreibliche Gefühl der Geborgenheit, des Vertrauens. Diese unglaubliche Anziehungskraft, die Lauri auf mich ausübte. Meine Hand fuhr über seine Wange, das Kinn entlang, suchte dann wieder Lauris Hand. Ich war unfähig, etwas zu sagen, nicht dazu in der Lage, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. „Tia, vielleicht mache ich jetzt einen großen Fehler, aber ich kann es nicht länger zurück halten.“ Lauris Stimme riss mich plötzlich wieder in die Wirklichkeit zurück, sie klang seltsam nachdenklich, unsicher, aber doch entschlossen. Ich wollte gerade ‚Was?’ fragen, da küsste Lauri mich auch schon stürmisch auf den Mund. Für den Bruchteil einer Sekunde blieb mein Herz stehen. Verdutzt starrte ich ihn an, Lauri erwiderte ängstlich meinen Blick. „Sag was“, flüsterte er. Langsam schüttelte ich den Kopf. Anstatt etwas zu sagen, ließ ich meine Hand erneut zärtlich über Lauris Wange zu seinem Nacken gleiten. Im nächsten Moment fanden meine Lippen Lauris. Er schrak leicht zusammen, wohl überrascht von meiner Reaktion. Doch dann entspannte er sich und erwiderte meinen Kuss. Sanft fuhr er mit seiner Zungenspitze über meine Lippen, forderte mich dazu auf, den Weg freizugeben. Langsam öffnete nun auch ich meinen Mund und kam ihm mit meiner Zunge entgegen. Als sie sich trafen, durchzuckte es mich wie einen Stromschlag, ein wohliges Gefühl breitete sich in meinem gesamten Körper aus. Alle Angst fiel von mir ab und ich gab mich völlig diesem lange überfälligen Kuss hin. Scheinbar eine Ewigkeit später, lösten wir uns voneinander. „Wow“, entfuhr es mir. Auch Lauri sah (ich untertreibe) ziemlich glücklich aus. Ich atmete tief durch und sah Lauri entschlossen an. Dies war der Zeitpunkt, die Freundschaftsnummer endgültig zu begraben. Doch bevor ich auch nur ein Wort sagen konnte, legte Lauri mir seinen Finger auf den Mund. „Shht, sag jetzt nichts. Lass uns diesen wunderbaren Moment nicht zerstören.“ Ich seufzte. Lauri hatte ja Recht, musste ich einsehen. Er stand auf und zog mich hinter sich her. „Komm, die Party wartet!“ Nachdenklich folgte ich ihm.

XLVI.

Im Erdgeschoss war die Party schon in vollem Gange. Ich entdeckte den Bug, der Chris zutextete. Aki und Pauli standen an der Bar und unterhielten sich mit einem ziemlich schäbig aussehenden Typen. Ach du je, das war ja Rea von Reamon! Um ein Haar hätte ich ihn nicht erkannt. Eero konnte ich nirgendwo entdecken. Mühsam kämpften wir uns zur Bar durch. Lauri bestellte zwei Bier, die die Kellnerin uns sofort brachte. „Ich bin mal grad zu Chris“ teilte ich Lauri mit und ging rüber. „’Tschuldigung, ich muss Chris mal grade entführen!“ sagte ich zum Bug und zog Chris ein Stück weg. Schulterzuckend trottete der Bug von dannen. „Puh, danke Tia! Der Typ kann einem echt ein Ohr abkauen!“ „Ich weiß“, grinste ich. „Nimm’s als kleine Entschuldigung dafür, dass ich oben so patzig war!“ „Ach, schon vergessen. Ich glaub dir ist selber klar, was für ein Theater das gäbe, gell?“ „Natürlich. Aber mach dir keine Sorgen, soweit ist es noch nicht!“ „Okay, dann vergessen wir’s einfach.“ Schon im nächsten Moment kam ein Typ im Anzug auf Chris zu und begrüßte ihn euphorisch. „Hey, Chris altes Haus. Lang nicht mehr gesehen!“ Ich hielt es für besser, mich zu verdrücken und wanderte wieder zurück zu ‚meinen’ Jungs. Aki stellte mich sofort vor. Aus der Nähe wirkte Rea dann doch um einiges sympathischer. Vor allem sein süßer Akzent imponierte mir. Lauri warf mir einen überraschten Blick zu, verwundert darüber, dass ich mich zu Aki gestellt hatte, anstatt zu ihm. Doch mir schien es besser, ein wenig Abstand zu halten. Zum Glück verwickelte mich Rea sofort in ein Gespräch, so dass ich wenig Gelegenheit hatte, über das eben Geschehene nachzudenken. Kurz nach Mitternacht befanden The Rasmus, dass es an der Zeit war, zurück zum Hotel zu fahren, um noch ein wenig ohne Presse und Co zu quatschen. Schnell verabschiedete ich mich von Rea. „Hey, sähn wia uns ma wieda?“ „Klar, wieso nicht! War schön dich kennengelernt zu haben.“ Bevor er nach meiner Handy Nummer fragen konnte, verdrückte ich mich schnell. Veli war vorausgelaufen, um den Van zu holen, also warteten wir ungeduldig in der Eingangshalle von Eins Live. Schließlich rollte Veli vor. Pauli und Eero stiegen schnell ein, doch ein besonders ausdauerndes Mädel, das immer noch tapfer vor dem Gebäude gewartet hatte, passte Aki ab und bat um ein Autogramm. „Kommt Lauri auch noch?“ fragte sie nervös. Lauri? Der war doch die ganze Zeit hinter mir gewesen. Überrascht sah ich mich um. Kein Lauri zu sehen. Schließlich entdeckte ich ihn, er stand noch in der Eingangshalle. „Lauriii, kommst du??“ rief ich. Doch Lauri reagierte nicht. Er stand da, rührte sich nicht, sah aus, als hätte er ein Gespenst gesehen. Was war denn los? Ich stubste Aki an. „Hab ich was verpasst?“ Drinnen stand Lauri immer noch regungslos. Doch nun konnten wir erkennen, dass eine Frau in einem verdammt engen roten Kleid auf ihn zukam. Aki kniff die Augen zusammen, versuchte die Frau zu erkennen. Erst als sie bei Lauri ankam, stieß Aki ein leises „Oh oh“ aus. „Oh oh? Aki wer ist das?“ drängelte ich. „Das kann doch nicht…“ stammelte Aki. „Wer zum Teufel ist das?“ Verwirrt sah Aki mich an. „Lina!“ Mir blieb das Herz stehen.

„Kommt ihr jetzt mal bald?“ nörgelte Pauli in diesem Moment und stieg wieder aus dem Van aus. „Hallo? Jemand zu Hause?“ Verwirrt folgte er unserem Blick. „Scheiße“, fluchte er, zog Eero ebenfalls aus dem Auto und zeigte mit dem Finger auf Lina. „Was will die denn hier?“ stammelte der, als er Lina erkannte. Allmählich erholte ich mich von dem ersten Schock. „Ich hab das Gefühl, als ob sie jeden Moment hier auftauchen würde“ ertönte Lauris Stimme in meinem Kopf. Als ob er es vorausgesehen hätte… „Ich geh rüber“, murmelte ich und wollte losgehen. Doch Aki packte mich am Arm und schüttelte den Kopf. „Bleib hier Tia, lass die beiden.“ „Wie bitte?“ „Glaub mir, es wär keine gute Idee, wenn du da jetzt hingehst. Die beiden haben einiges zu klären. Komm, wir fahren ins Hotel.“ „Du glaubst doch wohl nicht, dass ich mich jetzt hier wegbewege!“ fuhr ich ihn an. Schnell mischte sich auch Eero ein. „Komm Tia, glaub uns einfach. Steig ein!“ „Nein verdammt! Ich geh da jetzt rüber und dreh dieser…“ „Schluss jetzt, einsteigen!“ unterbrach Aki meine Verwünschungen, schubste mich ins Auto und schloss schnell die Tür. „Was soll das? Ihr könnt mich nicht zwingen!“ „Doch können wir“, rief Aki in einem Tonfall, der keinen Widerspruch erlaubte. „Fahr los Veli, wir müssen hier weg!“ Schmollend setzte ich mich ans Fenster. „Ich glaub’s nicht…“ „Tia, was meinst du, was die beiden jetzt machen? Ins nächste Hotelzimmer gehen? Jetzt mach dir nicht so einen Kopf, Lauri ist in ner halben Stunde im Hotel und das Thema Lina ist Geschichte. Vertrau uns doch mal!“ Ich sah weiter stur aus dem Fenster, versuchte mich etwas zu beruhigen. „Tia, wenn’s um Lina geht, kennen wir Lauri noch etwas besser als du. Gib ihm ne halbe, höchstens eine Stunde.“
Am Hotel angekommen stürmte ich sofort auf mein Zimmer und knallte die Tür hinter mir zu. Sekunden später hämmerte Aki auf die Tür ein. „Tia, los mach auf!“ „Lass mich in Ruhe!“ „Verdammt noch mal, Tia, mach endlich auf.“ Wütend riss ich die Tür auf. „Lass mich einfach in Ruhe, verstanden?“ Schnell schob Aki seinen Fuß in den Türrahmen, damit ich die Tür nicht wieder zuknallen konnte. „Pass auf, du kommst jetzt mit rüber zu mir und den anderen, dann warten wir zusammen auf Lauri. Beruhig dich mal!“ „Aki, zum letzten Mal! Ich will jetzt alleine sein!“ „Okay, wenn du nicht anders willst..:“ Sauer griff Aki meine Hand und schleppte mich hinter sich her. In seinem Zimmer warf ich mich in einen großen Sessel und schlang meine Arme um die Beine. Wütend starrte ich ihn an. „Zufrieden?“ „Einigermaßen. Warum regst du dich eigentlich dermaßen auf?“ „Hallo? Geht’s dir gut? Da taucht die Frau auf, die Lauri von vorne bis hinten verarscht hat, und ihr lasst die beiden einfach allein!“ „Ach Tia“, seufzte Eero. „Streng doch mal dein süßes Köpfchen an. Denk mal an das, was Aki dir in Amsterdam gesagt hat.“ Mein Kopf ratterte. Ja, er hatte mir gesagt, dass Lauri in mich verliebt wäre, dass er Zeit bräuchte. Aber was hatte das bitte mit Lina zu tun? „Und? Klickts?“ Langsam schüttelte ich den Kopf, verstand nur Bahnhof. „Was meinst du, wofür es gut ist, wenn er die Sache mit Lina abschließt?“ „Wie abschließt?“ „Tiaaa, denk mal nach! Nachdem Lauri die erste Zeit überstanden hatte, ging es ihm wieder einigermaßen. Trotzdem ist Lina immer wieder in seinen Gedanken rumgespukt. Das hast du doch selbst in Barcelona mitbekommen. Er ist noch nicht über sie hinweg. Aber jetzt hat er die Chance, endgültig mit dem Thema abzuschließen.“ Langsam dämmerte mir, worauf Eero hinaus wollte und ich entspannte mich ein wenig. „Na endlich ist der Groschen gefallen.“ Nervös kaute ich an meinen Fingernägeln. „Und was, wenn sie ihn wieder einwickelt?“ „Jetzt fang nicht schon wieder an Tia. Warte einfach ab.“ „Ihr habt gut reden…“ maulte ich und zündete mir eine Zigarette an.

Eine halbe Stunde später hatten wir immer noch nichts von Lauri gehört. „Kannst du mal aufhören, immer im Kreis zu laufen?“ pflaumte Pauli mich an. Sauer schmiss ich mich auf die Couch und schielte zu Aki, der fleißig auf sein Laptop einhackte. „Was machst du?“ fragte ich. „Immer noch das gleiche wie vor zehn Minuten!“ raunzte er zurück. Genervt, nervös und sauer zugleich stiefelte ich raus auf den Balkon und zündete mir eine weitere Zigarette an. Hektisch atmete ich den Rauch ein und aus. Mein Kopf war wie leergefegt, doch gleichzeitig kamen mir tausende Gedanken in den Sinn. Einerseits schnürte mir die Angst, dass Lauri erneut auf Lina reinfallen könnte, die Kehle zu. Andererseits vertraute ich auf Lauris Vernunft. Es ging mir dabei nicht um mich beziehungsweise um das, was gerade zwischen Lauri und mir passiert. Wichtig war jetzt nur, dass Lauri den Sprung schaffte. Ich griff nach der nächsten Zigarette, doch die Schachtel war leer. Mist verdammter!
„Ich halt das nicht mehr aus“ sagte ich entschlossen, nachdem ich wieder ins Zimmer gegangen war. „Ich geh jetzt rüber, entweder ist Lauri da oder nicht.“ Bevor die Jungs protestieren konnten, schnappte ich meine Tasche und verließ den Raum.

XLVII.

Zögernd schloss ich unser Zimmer auf und steckte vorsichtig den Kopf zur Tür herein. Mittlerweile war ich gedanklich auf alle möglichen Situationen vorbereitet. Auf einen am Boden zerstörten oder auch auf einen wütenden Lauri. Auf Lauri und Lina, die sich streitend gegenüber standen, aber auch schlimmstenfalls auf Lauri und Lina, die sich miteinander im Bett vergnügten. Doch keine dieser Szenarien traf ein, das Zimmer war leer und stockdunkel. Teils erleichtert, aber auch immer noch besorgt schaltete ich das Licht ein und schloss die Tür hinter mir. Und jetzt? Kurzentschlossen fummelte ich mein Handy aus der Tasche und tippte Lauris Nummer ein. Ratlos starrte ich auf das leuchtende Display. Sollte ich? Nein, besser nicht, beschloss ich und legte das Handy zur Seite. Aki und Eero hatten Recht, ich sollte mich nicht einmischen. Frustriert lümmelte ich mich in den Sessel und knipste den Fernseher an. Freitag Nacht, halb drei Uhr morgens… dementsprechend gut war das Programm. Auf Viva lief ‚Strong’ von Reamon. Amüsiert sah ich mir das Video an, dankbar für die kurze Ablenkung. Zwischen dem Rea, den ich vorhin kennengelernt hatte und dem, der über den Bildschirm flimmerte, war ein himmelweiter Unterschied. Aber nett war er ja gewesen, musste ich mir eingestehen. Nach ‚Strong’ kam der neue Hit von ATB oder irgendeinem dieser anderen Techno-Fritzen, so genau sah ich nicht hin. Wäre ja auch ein Wunder, wenn mal zwei gute Songs hintereinander gespielt würden, dachte ich. Lustlos schaltete ich den Fernseher aus und ging ins Bad, um mich bettfertig zu machen. Sollte Lauri jetzt zurückkommen, musste es ja nicht unbedingt so aussehen, als hätte ich die ganze Zeit auf ihn gewartet. Ich ließ mir viel Zeit, putzte mir zur Freude meines Zahnarztes fast zehn Minuten die Zähne und gab mir beim Make up entfernen besondere Mühe. Meine langen Haare kamen zum ersten Mal in den Genuss, mindestens 100 Mal pro Strähne gebürstet zu werden. Mein Frisör würde stolz auf mich sein! Ein Blick auf die Uhr verriet, dass erst dreißig Minuten vergangen waren. Immer noch kein Zeichen von Lauri. Ich beendete meine Pflegesession und kuschelte mich deprimiert unter die weiche Bettdecke. Einige Minuten starrte ich aufgewühlt Löcher in die Wand, doch irgendwann siegte die Müdigkeit und ich fiel in einen unruhigen Schlaf.

Bilder tauchten vor meinem geistigen Auge auf, Bilder die ich in den letzten Jahren erfolgreich aus meinem Gedächtnis verbannt hatte. Meine Mutter mit wutverzerrtem Gesicht, wie sie die Poster von meinen Wänden riss und wegwarf, weil ich nach einer Party zu spät nach Hause gekommen war. Mein Vater, der mich anschrie und gegen die Terrassentür schubste, weil er herausgefunden hatte, dass ich rauchte. Thomas, der Junge, in den ich mit 12 total verknallt war und der mir einen Liebesbrief geschrieben und dann vor meinen Augen zerrissen hatte, nur um mich zu verletzen und so bei den ‚hippen’ Mädchen Punkte zu sammeln. Natascha, meine erste richtig gute Freundin, die mich gehässig auslachte, als ich ihr in einem Anflug von Verzweiflung hatte klarmachen wollen, was bei mir zu Hause passierte. Dazwischen immer wieder Lauri, der mir aus einer großen Entfernung mit einem seltsamen Gesichtsausdruck zuwinkte und dann verschwand. Ich sah Bilder von Nataschas 16. Geburtstag, wo fast die ganze Klasse eingeladen war. Alle hatten Spaß und vergnügten sich mit Flaschendrehen, während ich traurig in einer Ecke hockte und Hänseleien über meine Feigheit über mich ergehen lassen musste. Aber wie hätte ich mitspielen sollen? Wenn ich mich hätte ausziehen müssen, hätten alle meine blauen Flecken gesehen, die meinen gesamten Oberkörper zierten. Unruhig wälzte ich mich von einer Seite auf die andere. Das nächste Bild. Ich auf dem Fahrrad, auf dem Weg nach Hause. Der Sturz, der keiner war. Starke Hände, die meine Arme auf den Boden pressten. Dieser Geruch, von dem mir übel wurde. „Tia! Hey Tia, wach auf!“ Leise und undeutlich drang eine Stimme zu mir. „Tia!“ Jemand rüttelte unsanft an meiner Schulter. Erschrocken riss ich die Augen auf und schnappte nach Luft. Ich blickte geradewegs in Lauris strahlend grüne Augen, die mich besorgt musterten. „Ganz ruhig Süße, du hast nur schlecht geträumt“ flüsterte er beruhigend und wischte mir sanft die Schweißperlen von der Stirn. Langsam kehrte ich in die Wirklichkeit zurück. Ich setzte mich auf und stützte meinen Kopf in die Hände, schüttelte die letzten Spuren meines Traumes von mir ab. „Lauri… endlich!“ stammelte ich. Fragend sah ich ihn an, versuchte an seinem Gesicht abzulesen, was mit Lina passiert war.

Gemächlich erhob Lauri sich. „Gleich“ sagte er und verschwand im Bad. Ungeduldig holte ich mir ein Glas Wasser und wartete. Endlich kam Lauri aus dem Bad, ging zum Schreibtisch und faltete einen Zettel zusammen. „Was ist das?“ fragte ich. „Hab vorhin nen Song geschrieben“ antwortete er ausweichend. Wie lange war er denn schon zurück? Und wie lange hatte ich geschlafen? Ich sah auf die Uhr. Fünf Uhr morgens. „Darf ich ihn lesen?“ „Nein, noch nicht. Bin noch nicht fertig.“ Na gut, das Spiel kannte ich ja schon. Lauri steckte den Zettel in seine Jackentasche, suchte seine Zigaretten und sah mich erwartungsvoll an. „Kommst du mit auf den Balkon? Ich brauch frische Luft.“ Sprachs und ging raus, ohne meine Antwort abzuwarten. Ich sprang aus dem Bett und folgte ihm. Lauri hatte bereits zwei Zigaretten angezündet und hielt mir eine hin. „Guck mal, die Sonne geht schon auf!“ Er zeigte auf den roten Punkt am Himmel, die Sonne tauchte die Welt um uns herum in sanftes Licht. Lauri, mach endlich den Mund auf! wollte ich sagen, doch ich wusste, dass das falsch gewesen wäre. Lauri musste den Anfang machen. Ein paar Minuten standen wir so auf dem Balkon und beobachteten den Sonnenaufgang. Schließlich seufzte Lauri und setzte sich. „Ich hoffe, du hast dir nicht zu große Sorgen gemacht?“ fragte er und nahm sich noch eine Marlboro. Was sollte ich darauf antworten? Was hatte Lauri sich denn gedacht? Dass ich Freudentänzchen aufführen würde? Er lächelte, schüttelte den Kopf. „Sorry, blöde Frage, ich weiß.“ Er nahm einen langen Zug, stieß gemächlich den Rauch aus. „Ich dachte, ich seh nicht richtig, als Lina auf einmal auf mich zukam. Erinnerst du dich noch an unser Gespräch letztens?“ Ich nickte. „Merkwürdig, vielleicht kann ich ja hellsehen. Naja, danke, dass du nicht dazwischengegangen bist.“ „Hm… ich fürchte, da musst du dich bei Aki bedanken. Ich war kurz davor…“ Lauri lachte. „So ungefähr hab ich’s mir schon gedacht. Hm, was soll ich groß erzählen. Lina und ich haben uns ausgesprochen, die Sache ist jetzt abgehakt. Es war gut, dass wir uns noch einmal begegnet sind.“ Erwartungsvoll sah ich ihn an. „Lauri? Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich mich mit diesen zwei Sätzen zufrieden gebe?“ Ich starrte ihn erwartungsvoll an. Wieder schüttelte Lauri den Kopf. „Nein, ich weiß. Ach Tia, tut mir leid. Ich hätte dir gar nicht erst von Lina erzählen sollen, ich seh ja, wie sehr dich das mitnimmt.“ „Nein Lauri, es war schon richtig so. Sie war vier Jahre lang ein verdammt wichtiger Teil deines Lebens, den du nicht verleugnen kannst. Du hast mir soviel erzählt, jetzt lass mich nicht ausgerechnet jetzt außen vor.“ „Ja ja, du hast ja recht.“ „Also, was macht sie überhaupt hier in Deutschland?“ „Sie studiert jetzt in Köln und macht gerade ein Praktikum bei Eins Live. Als sie gehört hat, dass wir dort vorbeischauen, wollte sie sich eigentlich frei nehmen, hat sich dann aber doch umentschieden. Weißt du, als wir uns getrennt haben, hab ich meine ganzen Telefonnummern geändert, meine Emailadressen gelöscht und jedem in meinem Umkreis klargemacht, dass das Thema Lina tabu ist. Sie hatte keine Chance, mit mir in Kontakt zu treten. Bis gestern.“ „Ja und? Was wollte sie jetzt wirklich?“ drängelte ich. „Hey, langsam. Ich such noch nach den richtigen Worten.“ Nachdenklich blickte Lauri wieder zur aufgehenden Sonne. „Als ich sie sah, wollte ich eigentlich nur weg, aber ich war unfähig, mich zu bewegen. Ich sah nur Lina, hab nichts mehr um mich herum wahrgenommen.“ Das hatten wir gemerkt. „Sie hat mich ziemlich zurückhaltend begrüßt, war fast ängstlich. Das hat mir irgendwie den Mut gegeben, mich auf sie einzulassen. Ich weiß nicht, wie ich das anders ausdrücken soll. Naja, jedenfalls sind wir zu ihr gefahren, da wir da unsere Ruhe hatten. Sie hat eine kleine Wohnung, nicht weit weg vom Eins Live Gebäude. Hm… die Situation war irgendwie unwirklich, wir schwiegen uns die ganze Zeit an.“ Nachdenklich zog Lauri an seiner Marlboro, dann fuhr er fort. „Sie fing an, sich bei mir zu entschuldigen. Alles Phrasen, die ich schon auswendig kannte. Aber schließlich hat sie mir erklärt, wie das damals mit Matti passiert ist. Sie hat sich von mir vernachlässigt gefühlt, war eifersüchtig auf die ganzen Frauen, die mir hinterhergelaufen sind. Sie wusste zwar, dass ich niemals etwas mit einer anderen anfangen würde, aber die Unsicherheit hat sie aufgefressen. Lina hat sich nicht getraut, mit mir darüber zu reden und hat sich oft bei Matti ausgeheult. Irgendwann entwickelten sich bei ihr Gefühle für ihn und dann ist es halt passiert. Man sucht sich halt nicht aus, in wen man sich verliebt.“ „Aber dann hätte sie zumindest dann endlich mit dir reden müssen, oder nicht?“ „Naja, eigentlich schon. Aber sie hat an meine Karriere gedacht. Stell dir die Schlagzeilen vor, „The Rasmus Sänger von Verlobter betrogen“ und was weiß ich nicht noch alles. Sie wollte mir das ersparen und hat sich deshalb heimlich mit Matti getroffen. Eine total bescheuerte Ausrede, ich weiß. Im Nachhinein weiß Lina das auch, aber damals erschien es ihr richtig.“ Ungläubig schüttelte ich den Kopf. „Tia, ich weiß dass sich das jetzt so anhört, als würde ich sie verstehen. In gewisser Weise kann ich das auch, aber das bedeutet nicht, dass ich es akzeptiere. Aber es tut gut, endlich mal die Hintergründe zu wissen. Wir haben stundenlang über diese Zeit geredet, über ihre Gefühle, darüber wie dreckig es mir ging, als ich es herausgefunden habe und wie es mir jetzt geht. Bis gestern habe ich sie für das, was sie mir angetan hat, gehasst. Aber jetzt…“ „Was, Lauri?“ „Hm…ich glaube, jetzt ist es mir egal. Hm, egal ist das falsche Wort. Dieser Hass ist weg, verstehst du? Die Fronten sind geklärt und ich kann mit dem Kapitel Lina abschließen. Ich bin erleichtert, es ist, als wäre eine Zentnerschwere Last von mir abgefallen. Lina und ich werden uns nicht wiedersehen, falls du das jetzt fragen wolltest. Aber sollten wir uns zufällig noch mal begegnen, werden wir in der Lage sein, normal miteinander umzugehen.“ Erleichtert sah er mich an, froh, noch einmal laut ausgesprochen zu haben, was ihm durch den Kopf ging. Auch mir fiel ein Stein vom Herzen. Lauri war also stark geblieben und Lina? Sie hatte völlig anders reagiert, als ich es mir ausgemalt hatte. Gott sei Dank! „Ist sie denn noch mit Matti zusammen?“ Lauri schüttelte den Kopf. „Nein, sie hat ihn verlassen, als sie nach Köln gezogen ist. Um einen neuen Anfang zu machen quasi.“ „Und was machst du jetzt? Matti war immerhin mal dein bester Freund außerhalb der Band.“ „Ich glaub nicht, dass wir beide jemals noch mal Freunde werden können. Das ist und bleibt vorbei. Außerdem hab ich drei andere beste Freunde, die reichen völlig!“ lachte er. Verwundert sah ich ihn an. “Hey und was ist mit mir?“ „Du? Was soll mit dir sein?“ zwinkerte er. „Du hast ne Sonderstellung, weißt du doch!“ Schmunzelnd stand ich auf und setzte mich auf seinen Schoß. „Stimmt“, grinste ich. „Ich bin die einzige, die dich ungefragt abknutschen darf!“ fuhr ich fort und gab dem verdutzten Lauri einen dicken Schmatzer auf die Wange. Etwas ernster fügte ich hinzu: „Lauri, ich bin froh, dass du das jetzt überstanden hast. Auch wenn ich wegen dieser Nacht jetzt zwei graue Haare mehr hab!“ „Tut mir leid, ich hätte zwischendurch anrufen sollen.“ „Nein, das ist schon okay so. Ich glaub, ich hätte genauso gehandelt. Was hältst du von einer Mütze Schlaf?“ Lauri sah auf die Uhr. „Himmel, es ist ja schon 6 Uhr! Kein Wunder, dass ich dauernd gähnen muss.“ Schon schlang er seine Arme um meine Beine und trug mich nach drinnen. Müde kuschelten wir uns aneinander und versuchten zu schlafen.
„Tia?“ flüsterte Lauri nach einer Weile.
„Hm…“
„Du bist das Beste, was mir seit langem passiert ist, weißt du das?“ Erfreut blickte ich auf.
„Natürlich!“ grinste ich und rückte ein Stückchen näher an ihn ran.
„Hey, aber eingebildet bist du nicht, was?“
„Kein Stück. Okay, mal ernsthaft… da kann ich nur ‚dito’ sagen. Jetzt versuch zu schlafen, okay?“
„Geht nicht, irgendwas fehlt noch.“
„Wie es fehlt noch was?“ fragte ich verwirrt.
„Na das hier!“ sagte Lauri, lächelte und küsste mich sanft auf den Mund. Ich ließ es zu, genoss diese wunderbar angenehme Wärme, die von Lauris Lippen auf meine überging. Viel zu schnell löste Lauri sich wieder von mir und legte seinen Zeigefinger auf meine Lippen. „Schlaf gut“ flüsterte er und ließ seinen Kopf in die Kissen sinken. Aufgewühlt legte ich meinen Kopf auf seinen Brustkorb und schloss die Augen.

XLVIII.

Das Klingeln meines Handys riss mich aus dem Schlaf. Fluchend klaubte ich das Teil vom Boden auf und hob ab. „Ja?“ „Tia?“ „Wer sonst!“ „Ähm ja, sorry. Ist Lauri aufgetaucht?“ „Ja.“ „Habt ihr alles geklärt?“ „Ja.“ „Kann es sein, dass du grad nicht reden kannst?“ „Genau, du hast es erfasst.“ „Alles klar. Ich wollt auch nur bescheid sagen, dass wir 3 schon mal nach Hause fahren. Veli und Chris setzen wir unterwegs noch ab. Kommt ihr dann nachher nach?“ „Machen wir, kann aber noch ne Weile dauern.“ „Okay, dann bis später!“ „Ciao“. Genervt legte ich auf und sah auf die Uhr. Erst zehn, na ja, knapp vier Stunden Schlaf, besser als gar nichts. „Wer war das?“ nuschelte Lauri neben mir und gähnte herzhaft. „Aki. Die andern fahren schon nach Hause.“ „Gut, dann haben wir ja noch ein bisschen Zeit für uns“ grinste er und zog mich an sich. „Guten Morgen erst mal“ seufzte er und küsste mich auf die Wange. „Gut geschlafen?“ Ich dachte eine Sekunde nach, konnte mich an keine guten, aber auch an keine schlechten Träume erinnern. „Ja, ich glaub schon“ Lauris Magen knurrte laut. „Frühstück?“ „Gute Idee“ murmelte Lauri, griff nach dem Telefon auf dem Nachtisch und wählte die Nummer des Zimmerservices. „Ylönen, Zimmer 351 hier. Ich hätte gern zwei mal das große französische Frühstück“ bestellte er. Am anderen Ende der Leitung wurde irgendwas gemurmelt. „Danke“, sagte Lauri und legte auf. „Kommt gleich.“ „Okay, dann hüpf ich mal schnell unter die Dusche, zum wach werden“ sagte ich, während ich mich verschlafen aus der Bettdecke wurschtelte. „Gute Idee, ich komm mit!“ rief Lauri. „Wag es dich!“ antwortete ich drohend. „Naja, war ein Versuch wert!“ grinste er versaut. An der Badezimmertür drehte ich mich noch mal um. „Schön, dass du wieder so gut drauf bist!“
Als ich eine Viertelstunde später aus dem Bad kam, brachte der Zimmerservice gerade das Frühstück. „Bringen Sie es bitte auf den Balkon“, bat Lauri. Dieser tat wie geheißen. Lauri drückte ihm einen Schein in die Hand, dankbar verabschiedete der Kellner sich. Hungrig setzten wir uns auf den Balkon und griffen beide gleichzeitig nach einem Croissant. „Hey, das ist meins!“ riefen wir aus einem Munde. Ich wollte nachgeben, und Lauri das Croissant überlassen. Doch der hatte das gleiche vor. Wir mussten beide herzhaft lachen. „Okay, pass auf, ich verteil den Kaffee und du die Croissants, einverstanden?“ Grinsend nickte Lauri. Ich nahm gierig einen großen Schluck Kaffee. „Himmel tut das gut!“ seufzte ich. „Was bist du eigentlich so müde? Vier Stunden Schlaf reichen doch in deinem Alter noch! Ich hab da schon eher Probleme!“ neckte mich Lauri. „Schatzilein, du bist nur ein Jahr älter als ich!“ „Das macht viel aus, lernst du auch noch“ lachte Lauri zurück. Ich beobachtete ihn, wie er sich einen großen Klacks Marmelade auf sein Croissant lud und es genüsslich verspeiste. Er wirkte so gelöst, glücklich, rundum zufrieden. Vielleicht sollte ich Lina dankbar sein, dass sie es sich doch noch anders überlegt hatte. „Ist was?“ fragte Lauri, dem aufgefallen war, dass ich ihn anstarrte. Schnell schüttelte ich den Kopf. „Hab mich nur gefragt, wann du dich endlich vollkleckerst“ redete ich mich raus. „Na dann….“ Okay, das hatte Lauri mir wohl nicht abgekauft. Pappsatt lehnte ich mich ein paar Minuten später zurück. Auch Lauri sah satt aus. Kein Wunder, er hatte 4 Brötchen, Croissants und 2 Eier verdrückt. „Nachtisch?“ „Klar“ lächelte ich zurück und zündete uns zwei Marlboros an. „Mensch, so lässt es sich echt leben“ seufzte ich und reckte das Gesicht in die Sonne, die mittlerweile hoch am Himmel stand. „Was hältst du davon, wenn wir uns noch ein wenig in die Sonne knallen, bevor wir zurückfahren?“ fragte ich Lauri. „Gern, ich geb’ nur grad unten bescheid, dass wir später auschecken, okay?“ „Mach das.“ Ich räumte schnell das Geschirr zusammen und rückte die Sonnenliegen in die richtige Position. „Lauriii? Bring bitte die Auflagen mit!“ rief ich nach drinnen. „Eye eye Mam’“ schallte es von drinnen zurück. Zwei Sekunden später erschien Lauri wieder auf dem Balkon, bepackt mit zwei grässlich bunten Auflagen und einem kleinen Radio. „Ich mach was Mucke an, okay?“ „Klar. Such mal Eins Live, vielleicht sagen sie ja noch was über gestern.“ Müde platzierte ich die Auflagen auf den Liegen, zog mein T-Shirt aus und legte mich in Jeans und BH auf den Bauch. Lauri hatte endlich Eins Live gefunden und stellte stolz das Radio zwischen uns ab. „Hey, du liegst verkehrt rum!“ rief er und zwinkerte mir zu. „Blödmann!“ lachte ich zurück und versuchte, ihm einen leichten Schlag zu versetzen. Geschickt wich er mir aus und legte sich ebenfalls hin. Wir nahmen uns an den Händen und ließen sie zwischen den Liegen baumeln. Schläfrig sah ich in Lauris Augen. Auch er beobachtete mich. Aus dem Radio dudelte Shania Twain, sonst war es völlig still. „Wie fühlst du dich?“ fragte ich Lauri schließlich. Lauri seufzte nachdenklich, lächelte dann. „Eigentlich pudelwohl. Erleichtert, glücklich, zufrieden.“ zählte er auf. „Und gespannt auf die Zukunft.“: Mein Herz machte einen Hüpfer, ich verstand, worauf er anspielte. Zufrieden schloss ich die Augen und duselte langsam ein.

„Ihr hört immer noch Eins Live, ich bin der Briesch und bei mir ist Katja Atz mit den Pop News. Katja, was gibt’s Neues?“
„Ja, es ist mal wieder viel passiert in der Welt der Stars, wir haben Neuigkeiten von Brad und Jen, Britney hat nen Neuen und The Rasmus haben gestern erfolgreich die Eins Live Bühne gerockt.“ erzählte Katja. Bei den Worten ‚The Rasmus’ schreckte ich aus dem Schlaf. Auch Lauri hob schläfrig den Kopf.
„Dann leg mal los!“ forderte Olli Briesch Katja auf.
„Also zwischen Jennifer Aniston und Brad Pitt ist wieder alles im Lot. Die Stripperin hat in einem Interview zugegeben, dass die angebliche Affäre nur erfunden war und somit ist Hollywoods Vorzeige-Traumpaar wieder glücklich vereint.“ Wen interessiert das? dachten Lauri und ich wohl gleichzeitig.
„Glücklich vereint ist auch wieder Britney Spears. Sie wurde gestern mit einem gut aussehenden Typen am Strand von Miami gesichtet. Pikant an der Sache ist aber, dass dieser verlobt ist und seine Freundin bereits das zweite Kind von ihm erwartet. Jaja, Britney und ihre Männer, ihr dürft gespannt sein, was uns da noch erwartet. So, und nun zu The Rasmus. Die waren ja gestern bei uns zu Gast und haben tüchtig die Kantine gerockt. Wer mag, der surft einfach mal zu www.einslive.de, dort haben wir exklusive Bilder und Ausschnitte von gestern für euch parat. Viel interessanter sind allerdings die Gerüchte um Sänger Lauri.“
Gerüchte? Gespannt sah ich zu Lauri, doch der zuckte ahnungslos mit den Schultern.
„Gestern teilte uns der charismatischer Sänger noch im Interview mit, dass er Single sei. Auf der After Show Party allerdings wurde er mit einer hübschen Blondine entdeckt, die sich schließlich als seine Ex Freundin Lina, von der Lauri sich vor einigen Monaten aus immer noch unbekannten Gründen urplötzlich getrennt hat, entpuppte. Wir fragen nun, geht da was? Zurück zur Ex oder Vergangenheitsbewältigung a la Sex and the city? Wir bleiben auf jeden Fall an der Sache dran! So, das war’s für den Moment, zurück zu Olli!“
Sauer schaltete Lauri das Radio aus. „Vergangenheitsbewältigung a la Sex and the city“ äffte er Katja nach. „Bullshit! Kann man denn eigentlich nie was machen, ohne dass diese Geier einem hinterher rennen?“ „Hey komm, reg dich nicht auf Lauri,“ versuchte ich ihn zu beruhigen. „Lass die reden, morgen kräht da kein Hahn mehr nach.“ „Ach mir geht’s ums Prinzip!“ nörgelte Lauri weiter. „Schon klar,“ murmelte ich zurück, stand auf und setzte mich neben ihn. Sanft legte ich meine Hände auf seine Schultern und begann ihn zu massieren. Sofort entspannte Lauri sich ein wenig. „Immer das gleiche“ grummelte er. Meine Hände wanderten ein Stück weiter seine Wirbelsäule entlang. Lauri war total verspannt, etwas stärker knetete ich ihn durch, was er mit einem zufriedenen Grunzen kommentierte. „Stell dir mal vor, die hätten uns beide auf der Kirmes in Barcelona beobachtet!“ lachte ich. „Oh Gott, hör bloß auf! Die hätten da direkt ne riesen Affäre draus gemacht! The Rasmus Sänger verführt neue Flamme in Spiegelkabinett oder so.“ Schließlich musste er selbst lachen. „Gar nicht so abwegig die Vorstellung, gell?“ Mühsam drehte er sich um und griff nach meinen Händen. „Danke“. Ich konnte ihm nicht ganz folgen. “Hä? Wofür?“ „Na für die Massage Blondie!“ grinste Lauri und kitzelte mich. „Nicht, lass das!“ quietschte ich, stachelte ihn aber so nur noch mehr an. „Aufhören, bitte bitte!“ bettelte ich, völlig außer Atem. Lauri erbarmte sich zum Glück. Erleichtert legte ich mich neben ihn, stützte den Kopf auf meine rechte Hand und sah Lauri böse an.
„Tyrann!“
„Weichei!“
„Pah, irgendwann räch’ ich mich!“
„Uuuh, jetzt hab ich aber Angst…“ Lässig schob Lauri seine Hand unter den Verschluss von meinem BH und ließ ihn flitschen.
„Auuuaa!“ rief ich und knuffte ihn in die Seite. Lachend rieb Lauri die Stelle.
„Okay, Frieden?“
„Einverstanden.“
„Aber eins sag ich dir,“ schwor Lauri. „Wenn uns beide hier ein Paparazzi gefilmt hat, den bring ich um!“

XLIX.

„Tia schläft noch, ich will sie nicht wecken.“ Lauris leise Stimme ließ mich aufhorchen. Langsam hob ich den Kopf und sah mich um. Ich musste wohl wieder eingeschlafen sein. Lauri stand am anderen Ende des Balkons und war leise am telefonieren. Langsam drehte ich mich auf die Seite und beobachtete ihn. Er hatte mir den Rücken zugedreht, war immer noch nur mit seiner Jeans bekleidet. Während er redete und dabei wild mit den Händen umherfuchtelte, spannten und entspannten sich die Muskeln auf seinem Rücken und in seinen starken Oberarmen. Mir fiel wieder auf, wie gut er gebaut war, durchtrainiert, aber nicht zu sehr mit Muskeln bepackt. Genau richtig. Sein Rücken hatte bereits Farbe angenommen, denn am Bund seiner Jeans zeichnete sich ein weißer Streifen ab. In mir wurde wieder das Verlangen wach, ihn zu berühren, seine weiche Haut zu spüren. Leise stand ich auf und schlich mich zu Lauri, der mich nicht bemerkte. Ich schlang meine Arme von hinten um seinen Bauch, was Lauri dermaßen erschreckte, dass ihm beinahe das Handy aus der Hand fiel. „Heyy, bist du verrückt?“ Lachend drehte er sich um. „Ich wollte dir nur bescheid sagen, dass ich wach bin!“ grinste ich. „Wer ist denn dran?“ „Chris. Äh sorry Chris, bin wieder da, Tia hat mich nur grad erschreckt“, sagte er schnell in den Hörer. Ich rührte mich nicht vom Fleck, ließ meine Hände auf Lauris Hüften liegen und sah ihm weiter in die Augen. Lauri seinerseits strich mit der Hand über meinen Rücken, grinste, weil ich sofort Gänsehaut bekam. „Was hast du grad gesagt?“ Anscheinend lenke ich Lauri ab, dachte ich amüsiert. Chris schimpfte wie ein Rohrspatz in den Hörer, doch Lauri hörte wieder nicht hin. „So hat das keinen Sinn,“ murmelte ich und nahm Lauri das Handy aus der Hand. „Chris? Ich bin’s, Tia. Lauri ruft dich gleich zurück“ sagte ich, legte auf und verstaute das Handy in Lauris Hosentasche. „Ähm… was hast du vor?“ fragte Lauri verwundert und beobachtete meine Hand, die sanft über seine Brust strich. „Tia?“ Langsam hob ich meinen Blick. Sah Lauri wieder tief in die Augen. Ich war aufgeregt, nervös, aber sicher, dass das, was ich jetzt tun würde, richtig war. Es war längst überfällig. Unmerklich rückte ich noch ein Stückchen näher an Lauri heran, umfasste mit der anderen Hand seinen Nacken. „Küss mich“, flüsterte ich und berührte im nächsten Moment seine Lippen. Ich spürte, wie ein Schauer der Unsicherheit über Lauris Rücken lief, doch dann packte ihn die gleiche Leidenschaft. Er schloss seine Arme fest um mich, öffnete seinen Mund und ließ sich auf einen langen leidenschaftlichen Kuss ein. Ich genoss jede Sekunde, das Kribbeln, das durch meinen Körper rauschte, Lauris warmer Atem auf meiner Haut. Prägte mir seinen Geschmack ein, Lauris Geschmack. Die Zeit blieb in diesem Moment für uns stehen, gab uns die Chance, völlig ineinander zu versinken. Dann jedoch wurde mir klar, was ich da gerade tat, was ich dabei fühlte, dass es mir gefiel. Das es mir sogar sehr gefiel, entgegen meiner Erwartungen. Alle Zweifel waren wie weggeblasen. Überrascht von dieser Einsicht löste ich mich – wenn auch etwas widerwillig – von Lauri, dessen verwirrter Blick auf mir haften blieb. „Was war das denn?“ fragte er und atmete erst mal tief durch. „Ich weiß nicht?“ Verwirrung stellte sich nun auch bei mir ein. „Ein Anfang,“ dachte ich schließlich laut und zwang mich, Lauri weiter in die Augen zu sehen, versuchte vergeblich, seine Gedanken zu lesen. Stirnrunzelnd erwiderte er meinen Blick, wartete, was ich nun sagen würde. „Lauri…“ begann ich, suchte dann aber doch nach anderen Worten. „Lass mir noch etwas Zeit, ja?“ Verzweifelt schüttelte ich den Kopf. Was ein Blödsinn. Schließlich war ich gerade über ihn hergefallen, nicht umgekehrt. „Ich…“ „Schon gut Honey, ich weiß, was du eigentlich sagen willst.“ unterbrach Lauri mich und lächelte sanft. „Es ist okay.“ Dankbar umarmte ich ihn, was er zu meiner Erleichterung erwiderte. „Was hältst du davon, wenn wir uns auf den Rückweg machen?“ Ich nickte, vielleicht war es das Beste, jetzt etwas Zeit mit den anderen zu verbringen, um sich abzulenken. „Ruf du Chris zurück, ich geh packen!“ Lauri kramte sein Handy hervor und wählte. Ich schlich zurück ins Zimmer, beobachtet von Lauris immer noch erstauntem Blick. Im Zimmer blieb ich stehen, sah mich um. Ich hatte längst vergessen, was ich tun wollte, war weiterhin mit dem Kuss beschäftigt. Die alte Tia hätte sich so etwas nie gewagt, geschweige denn auch nur daran gedacht, die Initiative zu ergreifen. Nachdenklich lehnte ich mich an die Badezimmertür und starrte vor mich hin. Mir war klar, dass ich mich seit der ersten Begegnung mit The Rasmus verändert hatte, dass ich offener geworden war, dass ich jetzt einigermaßen in der Lage war, mit jemandem über meine Gefühle zu reden. Ich lachte mehr, fand Spaß an Dingen, die ich früher nicht mal ansatzweise interessant gefunden hätte. Das Leben war positiver, lebenswerter geworden. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Ja, ich war auf dem Weg dazu, mich selbst neu zu entdecken. Und was ich vorhin getan hatte, war ein großer Schritt. „Hey, wolltest du nicht packen?“ Lauri baute sich mit verschränkten Armen vor mir auf und grinste. „Hm?“ Zerstreut sah ich ihn an. „Tia Honey, pass auf, du bewegst jetzt deinen süßen kleinen Hintern auf die Couch und setzt dich hin. Ich packe und dann sag ich dir noch mal, was wir als nächstes machen, verstanden?“ „Ach mannnnnooo, ärger mich doch nicht immer du… du…“antwortete ich und zog eine Schnute. „Du lieber lieber Lauri?“ „Hmpf, Blödmann!“ „Hehehe, an deiner Schlagfertigkeit üben wir noch, Kleene!“ Lachend machten wir uns nun gemeinschaftlich daran, unsere Klamotten zusammenzusuchen und in die Koffer zu stopfen. „Lauri?“ „Jepp, stets zu Diensten?“ „Hast du mein Handy gesehen?“ Suchend sah ich mich um, keine Spur von meinem Handy. Schließlich fanden wir es unterm Bett, wo ich es heute morgen nach Akis Anruf hingepfeffert hatte. Eine Weile später hatten wir endlich alles zusammen und verließen das Zimmer einigermaßen ordentlich. An der Rezeption checkte Lauri aus und erkundigte sich nach unserem Mietwagen, während ich dem Pagen unser Gepäck übergab. Schließlich war alles erledigt und auch der gemietete Peugeot stand mit offenem Verdeck bereit. Hand in Hand verließen wir die Lobby, draußen drückte uns der Türsteher den Schlüssel in die Hand. „Du oder ich?“ fragte Lauri und hielt den Schlüssel hoch. „Naja, kommt drauf an.“ „Hä? Worauf?“ „Na ob du heute noch ankommen möchtest oder ob morgen ausreicht!“ lachte ich und dachte an Lauris nicht vorhandenen Orientierungssinn. „Hmpf, okay, du fährst, hast gewonnen.“ grummelte Lauri, übergab mir den Schlüssel und ließ sich auf den Beifahrersitz gleiten. Immer noch grinsend stieg ich ein und drückte Lauri einen kleinen Schmatzer auf die Wange. „Braver Lauri, dafür bekommst du zu Hause ne Belohnung. Anschnallen!“ Ich warf noch einen kurzen Blick in den Rückspiegel, dann startete ich den Wagen und fuhr los in die Richtung, in der ich die Autobahn vermutete. In dieser Gegend Kölns kannte selbst ich mich nicht besonders gut aus. Die beiden Fotografen, die gegenüber des Hoteleingangs lässig an einen Baum gelehnt standen, bemerkten wir nicht.

L.

„Was wollte Chris vorhin eigentlich?“ fragte ich nach ein paar Kilometern. Mein Orientierungssinn hatte mich nicht getäuscht und mich geradewegs auf die Richtige Straße geführt.
„Ach, nicht so wichtig.“
„Na wenn’s nicht so wichtig war, dann hättest du ja ruhig leiser telefonieren können!“ stichelte ich und sah stirnrunzelnd rüber zu Lauri, der lässig in seinem Sitz hing. „Also? Raus mit der Sprache!“ forderte ich ihn erneut auf. Genervt blickte Lauri zurück. „Er hat heute Mittag auch Eins Live gehört, reicht dir das als Antwort?“ Ich zog eine Augenbraue hoch, konnte mir lebhaft vorstellen, wie Chris am Telefon wütend auf und ab gesprungen war. Aber war das ein Grund für Lauri, mir gegenüber auch direkt an die Decke zu gehen? „Lauri, mal ernsthaft. Wieso macht er jedes Mal so einen Terz?“
„Wieso jedes Mal?“ Rasch erzählte ich von Chris Zickerei in der Garderobe, als er vermutet hatte, Lauri und ich wären ein Paar. „Wieso hast du mir das nicht erzählt?“ „Ach, ich hab ihm kurz meine Meinung gesagt und damit war das Thema für mich vom Tisch. Habs für nicht so wichtig gehalten.“
„Hm…“ Lauri überlegte. „Ich glaub, Chris meint es eigentlich nur gut. Weißt du, er ist erst seit 2 Jahren unser Manager, hat allerdings die ganze Sache mit Lina mitbekommen. Zum einen hat es ihn auch mitgenommen, was passiert ist, vor allem weil es irgendwie seine Aufgabe war, mich wieder einigermaßen aufzubauen. Das war ein ganzes Stück Arbeit für ihn.“ „Kann ich mir vorstellen.“ „Naja, die ganze Sache ist von der Presse total ausgeschlachtet worden, ich war dauernd auf den Titelseiten, es gab Gerüchte, ich würde deswegen The Rasmus verlassen, am nächsten Tag wurde geschrieben, ich dächte an Selbstmord. Dann waren Lina und ich wieder zusammen, in ner anderen Zeitung stand, ich hätte Lina geschlagen. Der übliche Schwachsinn halt, hauptsache die machen Auflage. Naja, du kannst dir vorstellen, was los war, gell? Die Jungs und Chris haben das damals so gut wie möglich von mir ferngehalten und Chris hatte alle Hände voll damit zu tun, diese ganzen bescheuerten Gerüchte zu dementieren und klarzustellen. Er hat keinen Bock, dass so was jetzt schon wieder passiert.“ Nachdenklich betrachtete Lauri die an uns vorbeiziehende Landschaft. „Okay, das rechtfertigt seine Reaktion auf dich und Lina gestern. Und was hat er bitte für Probleme mit uns beiden?“ Ich merkte, dass ich den falschen Ton anschlug, doch das Chris sich in Dinge, die ihn nichts angingen und zudem noch überhaupt nicht feststanden, einmischte, regte mich auf. „Kannst du dir das nicht denken? Chris befürchtet, dass ich mich zu schnell in etwas reinstürze, und wenn das mit uns nicht funktioniert, weiß er, dass er wieder die Drecksarbeit übernehmen kann.“ Ich schüttelte den Kopf. „Lauri, Chris hat doch hautnah mitbekommen, was die letzten drei Wochen passiert ist. Er sollte doch gemerkt haben, dass wir uns Zeit lassen, oder? Es ist nichts passiert, was für Schlagzeilen hätte sorgen können, ich bin niemand, der mit Bandinterna zur Presse rennt und ich glaube eigentlich auch, dass Chris mir vertraut. Er kennt dich und er sollte auch dein Verhalten einschätzen können, hab ich recht?“ Lauri nickte. „Dann versteh ich nicht, warum er sich so verhält. Okay, aus professioneller Sicht ja. Aber ich bin die letzte, die dir oder der Band oder eurer Karriere etwas Böses will, warum gibt er mir auf einmal das Gefühl, ich sollte mich zurückziehen oder noch besser, mich aus deinem Leben raushalten?“ „Ach Tia, so hat er das sicher nicht gemeint, ganz sicher nicht. Ich hab ihm heute Mittag auch ziemlich deutlich gesagt, dass das meine beziehungsweise unsere Sache ist und dass er sich keine Sorgen machen soll. Ich hab ihm bestätigt, dass wir sehr viel füreinander empfinden und im Moment herausfinden, wohin uns unsere Gefühle führen. Ich denke, die Sache ist vom Tisch.“ Von rechts kam ein tiefer Seufzer, dann nahm Lauri meine Hand. „Aber wenn du willst, dann ruf ich ihn nachher noch mal an.“ Ich löste meinen Blick kurz von der Fahrbahn und sah zu Lauri. „Nein, brauchst du nicht. Mir war nur wichtig, zu verstehen, was er denkt.“ Lauris Daumen strich mir gedankenverloren über den Handrücken. „Was du denkst,“ fügte ich leise hinzu. „Ich vertraue dir, du vertraust mir, oder? Das ist alles was zählt Tia, ich werd nicht zulassen, dass sich jemand einmischt. Weder ein Chris, noch ein Aki noch sonst wer. Nur wir beide, okay?“ sagte Lauri bestimmt. Ich nickte, zwang mich, wieder auf die Straße zu sehen. So offen mit jemandem zu reden, war immer noch neu für mich, doch so langsam gewöhnte ich mich daran. Lauri war einer der wenigen Menschen, die einem sofort das Gefühl der Vertrautheit schenkten und zum Glück bestätigte sich das Gefühl. Nun war es mehr oder weniger offiziell, dass unsere Gefühle über eine normale Freundschaft hinausgingen. Dass Lauri darüber zuerst mit Chris, anstatt direkt mit mir gesprochen hatte, war ein kleiner Wehrmutstropfen. Doch die Tatsache, dass ein einzelner Blick in seine Augen mehr verriet als tausend Worte, machte die Sache wieder wett. Meine Gedanken schweiften zurück nach Amsterdam, dieser wunderschöne Moment auf der Brücke beim Restaurant, der flüchtige Kuss nach dem Gespräch über Lina, die Sekunden vor unserem ersten richtigen Kuss heute Mittag. Es war schwer, die Situation beziehungsweise die Eindrücke, die in diesen Momenten auf uns einstürzten, in Worte zu fassen. Nein, es war gar nicht nötig, nach Worten dafür zu suchen. Ein Händedruck, eine leichte Berührung, ein Blick und wir wussten, was der andere fühlte, als hätten wir uns unsere eigene kleine Welt aufgebaut. Und da hatte niemand anders etwas zu suchen!
„Ein Hunni für deine Gedanken!“ riss mich Lauri, dessen Blick die ganze Zeit auf mir haften geblieben war, aus meiner Trance. Ich griemelte vor mich hin. „Erwischt,“ lachte ich. „Und? Woran hast du gedacht?“ „Daran, wie schön es ist, jemandem so zu vertrauen wie dir“ gestand ich wahrheitsgemäß. Statt einer Antwort beugte sich Lauri zu mir rüber und küsste mich auf die Wange. „Dito,“ grinste er und sparte sich, weiter zu bohren. Er wusste, dass ich ihm längst nicht alles verraten hatte.
„Sind wir bald da?“



LI.

Zu Hause wurden wir schon sehnlichst erwartet. Aki, Eero und Pauli kamen angestürmt, während Pauli mir den Koffer abnahm, schleppten Aki und Eero mich geradewegs in die Küche. „So, leg los?“ Fragend sah ich die beiden an. „Na mit koooochen!“ befahl Aki. „Ähm, Jungs? Hab ich was verpasst?“ Aki und Eero warfen sich amüsierte Blicke zu. „Sie hat’s vergessen, sag ich doch!“ maulte Eero. Ich hatte keinen Plan, worüber die beiden da redeten. „Was hab ich vergessen?“ „Na du hast versprochen, heute für uns zu kochen!“ „So, hab ich das?“ Daran konnte ich mich nun wirklich nicht erinnern. „Jaaa, hast du!“ bekräftigte Aki Eeros Aussage. „Hier guck,“ sagte er und öffnete den Kühlschrank. „Wir waren einkaufen, alles da, was das Herz begehrt.“ Neugierig warf ich einen Blick in den Kühlschrank, der wieder prall gefüllt war mit Gemüse, frischer Milch, Hackfleisch, Käse und und und. „Wann hab ich euch das denn bitte versprochen? War ich da betrunken? Ihr kennt doch meine Nicht-Kochkünste!“ Verlegen drucksten Aki und Eero herum, taten, als würden sie sich nicht mehr genau erinnern. Allmählich dämmerte es mir. „Gebt’s zu, ich hab euch gar nichts versprochen, oder? Ich seid nur zu faul, euch selbst an den Herd zu stellen!“ lachte ich. Warum hatten sie nicht den Pizzaservice gerufen? „Mist, erwischt!“ gab Aki schließlich zu. „War n Versuch wert, gell?“ Lachend knufft er Eero in die Seite. „Kommt, macht dass ihr weg kommt, Kinders. Ich schau mal, was ich koche.“ Fröhlich trollten die beiden sich, um Pauli die gute Kunde mitzuteilen. Kopfschüttelnd machte ich mich daran, eine Auflaufform aus dem Schrank zu suchen. „Nee nee, und so was wollen erwachsene Menschen sein“ grinste ich breit.

„Hab gehört, du kochst?“ ertönte eine Stimme hinter mir. Lauri stand ebenfalls grinsend in der Küchentür. Ich nickte und schnappte mir ein Kochbuch aus dem Regal. „Leg das weg Honey, jetzt zeigt der Meister dir mal, wie man Penne arrabiata macht!“ erklärte Lauri und drückte mir eine Paprika in die Hand. „Da, ein mal kleinschnibbeln bitte!“ Skeptisch blickte ich erst auf die Paprika, dann zu Lauri. „Willst du mir etwa sagen, dass ich überhaupt nicht kochen kann?“ „Najaaa, so direkt wollte ich es dann doch nicht sagen“ lachte der. „Pöh, alter Angeber! Na dann zeig mal, was du drauf hast!“ stichelte ich. Lachend zog ich ein kleines Schneidebrett aus der Schublade, wählte eins der wenigen noch scharfen Messer und fing an, die Paprika zu bearbeiten, während Lauri Wasser aufsetzte. „Hm, wir brauchen aber noch irgendwas fleischiges dazu, sonst bekommen wir unser Dickerchen niemals satt“ grübelte Lauri und ließ seinen Kopf im Kühlschrank verschwinden. „DAS HAB ICH GEHÖRT!“ schallte Paulis Stimme aus dem Wohnzimmer herüber. „Wehe ihr macht da wieder nur Blödsinn, ich hab HUNGER!“ „Oh oh, sieh mal zu, dass du was vernünftiges findest Meister!“ flüsterte ich Lauri leise zu, „sonst geht’s uns gleich an den Kragen.“ „Ach was, gib Pauli n kleines Steak, dann ist der zufrieden“ grinste er zurück. Irgendwo aus den Tiefen des Kühlschranks zauberte er ein paar Putenmedaillons hervor und klatschte sie in die Pfanne. „Meinst du, das reicht?“ „Na ich hoffe doch! Hier, mach damit weiter, auch klein schneiden,“ befahl Lauri weiter. Na super, wieder mal Zwiebeln und Knoblauch schälen. „Eye Eye Sir, wird erledigt. Aber wehe du beschwerst dich heute Nacht, dass meine Finger nach Knoblauch stinken!“ Ich salutierte und fing an, die Zwiebel zu schälen. Lauri baute sich neben mir auf und sah mich herrisch an. „Is was?“ fragte ich ihn aus den Augenwinkeln. „Nein,“ antwortete Lauri und drehte meinen Kopf sanft in seine Richtung. „Außer, dass mir das überhaupt nichts ausmachen würde, solang ich bei dir schlafen kann.“ Ein wohliger Schauer lief mir bei diesen Worten über den Rücken. „Als ob ich dir diesen Wunsch jemals abschlagen könnte, wenn du mich so süß versuchst zu bezirzen“ lächelte ich zurück. „Ach, da brauch ich dich gar nicht zu bezirzen, du willst es doch selber, ääätsch!“ neckte Lauri und ging einen Schritt auf Sicherheitsabstand, obwohl er eigentlich wissen sollte, dass ich ihn nicht treffen würde, falls ich ihn mit Paprika bewerfen wollte. Ich zwinkerte ihm zu und signalisierte so, dass keine Gefahr bestand. Gekonnt würzte Lauri als nächstes das Fleisch, schmiss einige Prisen Salz in das kochende Wasser und schüttete eine riesige Portion Nudeln dazu. „Bist du bald mal fertig mit Schneiden?“ hetzte er mich. „Langsam, langsam, ich lerne ja noch!“ neckte ich ihn und reduzierte die Geschwindigkeit meines Messers. Mit den Fingern auf dem Tisch klopfend stand Lauri neben mir, beobachtete mich ungeduldig. „Fein machst du das, aber wenn das nicht bald schneller geht, drehen uns die drei Hungerleider nebenan den Hals rum“ lachte er. Stolz präsentierte ich einige Sekunden später mein Werk und verdrückte mich schnell ins Wohnzimmer, um den Tisch zu decken und vor allem Lauri keine weitere Gelegenheit zu geben, mir kluge Ratschläge zu erteilen. Währenddessen schmiss Lauri die restlichen Zutaten für die Sauce in einen Topf, fügte reichlich Tomaten dazu und machte sich geschäftig daran, alles abzuschmecken. Eine Duftmischung aus Knoblauch, scharfem Chili und diverser Kräuter wehte mir entgehen. Sofort meldete sich mein Magen, der bedrohlich knurrte. Ich ging wieder in die Küche und sah Lauri über die Schulter, schlang meine Arme um seine Hüfte. „Hmmmmm, gut machst du das, Kleiner. Wie lang dauerts noch?“ „Fünf Minuten, schätz ich mal. Hier, probier mal!“ antwortete Lauri und schob mir sachte einen Löffel mit Sauce in den Mund. Das „Vorsicht, heiß“ kam allerdings ein paar Sekunden zu spät. Ich schnappte nach Luft, zum einen wegen der Hitze, zum anderen hatte Lauri tüchtig Chili hinzugefügt. Aber es schmeckte göttlich, wie erwartet. Genüsslich fuhr ich mir mit der Zunge über die Lippen. „Meeehr!“ bettelte ich und hielt den Mund auf. „Tia, weg da!“ rief auf einmal Aki, der neugierig und ungeduldig in die Küche gekommen war. Schnell lief er rüber zu mir, schubste mich zur Seite und stellte sich vor Lauri, riss ebenfalls den Mund auf. Lauri blickte ihn verdutzt an, hielt sich dann den Bauch vor Lachen. „Sach mal sind wir hier im Kindergarten? Nix da, sag den anderen bescheid, ihr bekommt erst was, wenn alles fertig ist!“ Aki zog eine Schnute, doch unser Chefkoch blieb standhaft. „Mannoo, nächstes Mal zieh ich mir n nettes Kleidchen an und nenn mich Tia!“ grinste er breit und trollte sich schnellstens, als er sah, dass ihm Lauris Kochlöffel bedrohlich nahe kam. Zu süß, wie kindisch kleine Rockstars doch manchmal sein konnten. Keine zwei Sekunden später saßen die Rasmus Kinder hungrig am Tisch und rissen mir beinahe die Schüsseln aus den Händen. Ich war mir auf einmal nicht mehr sicher, ob Lauri und ich genug gekocht hatten, in Gedanken durchwühlte ich meine Kühltruhe nach einem geeigneten Nachtisch, den wir zur Not noch schnell Zaubern könnten. Schließlich setzte sich auch Lauri dazu, lud vorsichtig ein paar Nudeln auf seinen Teller und probierte. Skeptisch ließ er seinen Blick über die Runde gleiten, doch das allgemeine Schmatzen unsererseits schien ihm seine Kochkünste ausreichend zu bestätigen. „Jaja, gib den Kindern ein paar Nudeln und schon sind sie ruhig“ murmelte er vor sich hin. Ich zwinkerte ihm über den Tellerrand zu, was ihn wieder zu einem breiten Grinsen veranlasste. Ratzfatz waren das Fleisch und die Nudeln weggeputzt, zufrieden lehnten sich die Rasmusse in ihren Stühlen zurück. „Ach ja, so lässt es sich leben“ seufzte Aki und rieb sich den Bauch. „Wie gut, dass wir wenigstens einen in der Band haben, der kochen kann!“ Eero stimmte zu und wischte mit einer letzten Nudel die letzten Saucenreste von seinem Teller. „So, ich häng mich dann jetzt mal ans Telefon, hab noch ein paar Sachen zu erledigen.“ Auch Pauli stand auf und wollte sich von dannen machen. „Pauli? Eero?“ hielt ich sie auf. „Was denn?“ „Habt ihr nicht was vergessen?“ „Ähm… wir haben doch gesagt, dass es gut schmeckt! Was denn noch?“ Ich deutete auf das dreckige Geschirr auf dem Tisch und versetzte Lauri einen leichten Tritt gegen sein Schienbein. Er zuckte überrascht zusammen, sah rüber und verstand. „Tja Jungs, Tia und ich haben gekocht, den Rest übernehmt ihr! Wir beide verdrücken uns jetzt“ lachte Lauri und nahm mich bei der Hand. „Viel Spaß und wehe ihr macht was kaputt“ rief ich noch schnell und folgte Lauri ins Wohnzimmer, wo wir es uns auf der Couch gemütlich machten.

LII.

Es war bereits fast halb neun, draußen dämmerte es langsam. Im Fernsehen lief natürlich nur Müll, ein paar uralte Schinken, Kochsendungen, die üblichen Komödien auf Sat1 und Pro 7. Schließlich blieben wir bei RTL und Günther Jauch hängen. Gelangweilt rückte ich ein Stückchen näher zu Lauri und kuschelte mich eng an ihn. „Ist dir kalt?“ fragte Lauri, dem meine Gänsehaut aufgefallen war. „Nee, das ist der Lauri Faktor“ zwinkerte ich ihm zu. Lachend schlang er seine Arme enger um mich, strich mir wärmend über den Arm und küsste mich kurz. Unsere Blicke trafen sich, verharrten eine Weile. Diese kurzen, spontanen Küsse wurden allmählich zur Gewohnheit und ich wollte nicht mehr darauf verzichten. Glücklich ließ ich meinen Kopf wieder an Lauris Schulter sinken und wendete meine Aufmerksamkeit Günther Jauch zu, der gerade einen Kandidaten zu einem überflüssigen Joker überredete. Im Hintergrund hörte ich lautes Klappern aus der Küche, wahrscheinlich kämpften Aki oder Eero gerade mit der Spülmaschine. Lauri zündete sich eine Zigarette an und fingerte nach dem Aschenbecher. Ohne ihn ansehen zu müssen, wusste ich, dass er nicht bei der Sache war, dass etwas seine Gedanken beschäftigte. Allein die Tatsache, dass er nur sich und nicht uns beiden eine angezündet hatte, sprach dafür. Ich hatte gelernt, dass Lauris Stimmung manchmal von der einen auf die andere Sekunde kippen konnte, vom fröhlichen Lauri zum nachdenklichen, von guter Laune schnell zum Gegenteil. So beschloss ich, ihn vorerst nicht darauf anzusprechen, sondern abzuwarten.

In dieser Sekunde steckte auch schon ein ziemlich kleinlauter Aki den Kopf zur Tür herein und bat verzweifelt um meine Hilfe. Seufzend stand ich auf und folgte ihm in die Küche. „Braucht ihr etwa Hilfe, Kinder?“ fragte ich dort grinsend. Die Jungs hatten es tatsächlich geschafft, das gesamte Geschirr in der Spülmaschine zu verstauen und scheiterten jetzt kläglich daran, das Pulver in den dafür vorgesehenen Behälter zu füllen. Lachend zeigte ich ihnen, wie die Maschine funktionierte und machte mich dann lieber selbst daran, das restliche Chaos zu beseitigen. Erleichtert wanderten Aki, Eero und Pauli mit ein paar Flaschen Bier nach nebenan. Kurze Zeit später befand ich den Zustand der Küche wieder für akzeptabel und wollte den Jungs folgen, da kam mir Lauri schon entgegen. Er schloss mich kurz in die Arme und küsste mich zärtlich auf die Stirn. „Du, ich muss noch was fertig machen. Bist du sauer, wenn ich mich mal kurz verdrücke?“ fragte er skeptisch. Lauri sah nicht danach aus, als wolle er mir verraten, was ihm durch den Kopf ging, also musste ich notgedrungen zustimmen. „Geh du ruhig, ich kümmer’ mich so lange um unsere Kinder!“ Ich bemühte mich um einen lässigen Tonfall, was mir aber nicht so wirklich gelingen wollte. „OK,“ murmelte Lauri nur und verschwand nach oben.

Nachdenklich ging ich zurück ins Wohnzimmer, vertrieb Aki von meinem Platz und pflanzte mich wieder auf die Couch. „Was isn mit Lauri?“ fragte Eero. Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, er will nen Moment alleine sein, muss noch was machen.“ Hm“, Eero grübelte, „der war vorhin nachm Essen schon so komisch. Naja, wer weiß, was dem wieder durch den Kopf schwirrt.“ Pauli gab mir auch eine Flasche Bier und meinte, ich solle mir nicht den Kopf zerbrechen. „Hey, piano Pauli!“ antwortete ich. „Ausnahmsweise zerbrech ich mir mal den Kopf!“ Pauli schien mir das nicht zu glauben, zog skeptisch eine Augenbraue hoch. „Doch ehrlich, glaubs mir ruhig. Der Tag heute war so schön, zwischen Lauri und mir ist alles okay, kein Grund wieder die Depri-Tia raushängen zu lassen.“ „Haben wir was verpasst?“ warf Aki ein und grinste mich schelmisch an. Grinsend zündete ich mir eine Zigarette an und tat verschwörerisch. „Ähm, Tia? Du und Lauri…. also…“ stammelte Aki mit großen Augen. Auch Eero setzte sich gerade, starrte mich erwartungsvoll an. Mein Blick wanderte von einem zum anderen, amüsiert über ihre Neugier? Sollte ich? Nein, ich entschied mich dann doch für die Wahrheit. „Ob wir zusammen sind?“ Die drei nickten eifrig. „Nein.. ja… so n Zwischending halt.“ Enttäuschte Mienen. „Ach Jungs, so flott geht das nich! Aber…ähm…sagen wir mal, wir sind auf dem richtigen Weg.“ „Ach Tia, das seid ihr schon die ganze Zeit. Kommt doch mal in die Pötte! Soll ich ma mit Lauri reden?“ bot Aki übereifrig an. „Wag es dich!“ rief ich zurück. „Wir bekommen das schon alleine hin, keine Sorge.“ Einigermaßen beruhigt wechselten wir endlich das Thema und lästerten fröhlich über die Kandidaten bei RTL. Trotzdem ließ mir die ‚Anteilnahme’ von Aki, Eero und Pauli keine Ruhe. Klar, sie waren froh, dass sich in Lauris Gefühlswelt einiges getan hatte und er wieder fröhlicher, entspannter durchs Leben ging. Sie wussten, dass das maßgeblich mein Werk war, auch wenn alles unbewusst geschehen war. Ja, Lauri und ich waren jetzt an einem Punkt angelangt, an dem es nur noch vorwärts gehen konnte. Die unschuldige Freundschaft, die sich zwischen uns aufgebaut hatte, war passé. Sie war ein Anfang gewesen, doch von der ersten Minute an wurde es intensiver und intensiver. Den Kampf gegen meine Gefühle für Lauri hatte ich längst aufgegeben, mittlerweile genoss ich das Kribbeln, das Lauri mit jeder seiner Berührungen in mir auslöste. Ich suchte seine Nähe, wann immer ich konnte und vertraute ihm blind. Lauris bloße Anwesenheit ließ mich die Gegenwart vergessen, die Vergangenheit akzeptieren, half mir, mich selbst zu akzeptieren. Trotzdem… trotzdem hatte es die ganze Zeit Dinge gegeben, die zwischen uns standen. Auf Lauris Seite vor allem Lina, die überhaupt an Lauris gebrochenem Herzen schuld war. Doch nach der Begegnung in Köln war dieses Problem gelöst, Lauri konnte mit diesem Kapitel seiner Vergangenheit abschließen und hatte mir signalisiert, dass er mit mir eine Zukunft sah. Also lag es jetzt an mir und ich war nicht sicher, wie ich weiter vorgehen sollte. Kurz tauchten wieder die dunklen Bilder jener Nacht vor mir auf, doch ich zwang mich, sie zu verscheuchen. Ich musste einen Weg finden, diese Erinnerungen endgültig zu verbannen, um mich Lauri öffnen zu können. Ich sah auf die Uhr, schon fast zwölf. Himmel, wie lange hatte ich denn hier gesessen und nachgedacht? Von Gegenüber lachten mir Aki und Eero entgegen. „Hey, hast du den Weg in unsere Welt zurückgefunden?“ lästerte Aki. Schmollend streckte ich ihm die Zunge raus. „Na sei mal nicht so schnippisch junge Dame, wir dachten schon, du legst keinen Wert mehr auf unsere Gesellschaft!“ Klar, Eero stand natürlich auf Akis Seite. „Sitzt hier zwei Stunden und ignorierst uns einfach…“ „Habt ihr etwa mit mir geredet?“ fragte ich verwirrt. „Mehrmals, aber Frollein Tia war so weit weg…“ Ich musste lachen. „Sorry Jungs, war nichts persönliches, hätte ich gewusst, dass ihr mich mit euren geistreichen Ergüssen beglücken wollt, hätte ich mein Hirn schneller abgeschaltet!“ *Wusch* sah ich ein Sofakissen auf mich zufliegen. Ich fing es auf (ja wirklich!) und legte es schnell zur Seite. „Aki, aus! Das darfst du nur in Hotels, nicht hier wo was zu Bruch gehen kann!“ neckte ich ihn. „Okay, bei der nächsten Tour haben wir ein Date“ antwortete der siegessicher. „War Lauri zwischendurch hier?“ „Klar, hat alle fünf Minuten nachgeguckt, ob wir auch lieb zu dir sind“ lachte Pauli. „Mensch, jetzt mal ernsthaft!“ „Nein Tia, Herr Ylönen hat sich nicht blicken lassen. Wahrscheinlich füllt er immer noch den Antrag aus, um eine Audienz bei dir zu bekommen.“ Ärgerlich schnappte ich mir das Kissen und hieb es auf Paulis Kopf. „Knallköppe!“ grinste ich. „Ich seh mal nach ihm, dann stör ich euch nicht beim weiterlästern!“ Aki, Eero und Pauli atmeten erleichtert aus, brachen im nächsten Moment wieder in heftiges Lachen aus. Ein böser Blick von mir, und sie verstummten. Kopfschüttelnd machte ich mich auf den Weg nach oben.

Im Arbeitszimmer war Lauri nicht, ebenso nicht in meinem Wohnzimmer. Stattdessen saß er im Schneidersitz auf meinem Bett, hatte leise Musik von Apocalyptica laufen und alle Kerzen angezündet. Um ihn herum verteilten sich zig zerknüddelte Zettel. Ich blieb einen Moment im Türrahmen stehen und beobachtete ihn. Ganz in Gedanken versunken, bemerkte er mich nicht. Schließlich klopfte ich leise. „Lauri?“ Aus seiner Konzentration gerissen drehte er sich abrupt rum, lächelte mich an. „Darf ich?“ fragte ich zögerlich. „Klar, ist doch dein Zimmer“ antwortete Lauri und widmete sich wieder dem, was er gerade gekritzelt hatte. Langsam setzte ich mich hinter ihm auf mein Bett, schlang meine Arme um seinen Hals und blickte ihm über die Schulter. „Was schreibst du denn da die ganze Zeit?“

LIII.

„Ich will den Song über Lina zu Ende bringen, aber es klappt noch nicht so richtig. Oder eher… nicht mehr so richtig.“ Erstaunt sah ich auf seinen Block. Lauri hatte diverse Zeilen aufgeschrieben, Zeilen angefangen, dann wieder durchgestrichen. „Wieso nicht mehr so richtig?“ Lauris Augen funkelten mich an. „Weil ich mit den Gedanken dauernd bei dir bin“ Ich zwinkerte ihm zu, krabbelte dann um ihn herum, um ihm genau in die Augen sehen zu können. „Naja, wenn du wegen mir keine Songs mehr schreiben kannst, dann sollte ich wohl besser verschwinden“ grinste ich und tat, als wollte ich aufstehen. Ruckartig griff Lauri nach mir und drückte mich aufs Bett. „Wehe!“ drohte er lachend. „Sonst?“ neckte ich zurück. „Sonst muss ich dich so lange küssen, bis du nicht mehr dazu fähig bist, dich hier wegzubewegen!“ erklärte Lauri bestimmt, festigte seinen Griff ein wenig und kam mir immer näher. „Das Risiko geh ich ein“ flüsterte ich und wehrte mich scheinbar. „Ich hab dich gewarnt,“ flüsterte Lauri und verschloss meinen Mund mit seinen Lippen, um mich von weiteren Kommentaren abzuhalten. Ich musste leicht grinsen, als ich den ‚Lauri-Faktor’ bemerkte, das bekannte Kribbeln verstärkte sich immer mehr. Mein Körper reagierte auf Lauri, wand sich ihm entgegen. Neugierig erkundete seine Zunge meinen Gaumen, fuhr mir immer wieder zärtlich über meine Lippen, forderte meine dazu auf, seiner zu folgen. „Ergibst du dich?“ Lauri legte eine kurze Pause ein, seine grünen Augen blitzten mich neckisch an. Ich ging auf sein Spiel ein, schüttelte leicht den Kopf. Wieder Lauris Lippen auf meinen, ein kurzer Kuss, dann wanderte er langsam zu meinem Hals. Sein warmer Atem kitzelte auf meiner Haut, als er sich meinem Ohrläppchen näherte. Zärtlich knabberte er daran, bevor er sich auf den Rückweg machte. Ich drehte mich ihm entgegen, wollte wieder seine Lippen spüren. Ein weiterer unendlich zärtlicher Kuss, wobei Lauri nun endlich meine Arme frei gab, die sofort über seinen Rücken strichen. Langsam wanderte Lauris rechte Hand meinen Oberköper entlang, schob sich forschend unter mein T-Shirt und streichelte sanft meinen Bauch entlang. Ich genoss diese Zärtlichkeiten, wollte mehr, viel mehr, doch es ging nicht. Ich war noch nicht so weit. Die Zweifel der alten Tia meldeten sich, ich spürte, wie sie mir den Atem nahmen. Bestimmt hielt ich Lauris Hand auf. „Lauri…“ Überrascht sah er mich an. „Noch nicht, okay?“ bat ich ihn und betete inständig, ihn nicht zu sehr vor den Kopf gestoßen zu haben. Doch Lauri lächelte verständnisvoll und rückte ein kleines Stückchen von mir weg. „Okay,“ flüsterte er. „Manchmal vergess ich, dass wir es langsam angehen lassen wollten.“ Dankbar küsste ich ihn noch einmal. „Ich brauch noch ein bisschen Zeit.“ Lauri nickte und setzte sich auf. Kritisch musterte ich ihn, konnte aber zu meiner Beruhigung feststellen, dass seine Gelassenheit nicht gespielt war. Erleichtert setzte ich mich wieder neben ihn, zubbelte mein T-Shirt zurecht und schnappte mir seinen Block. „Dann lass mal sehen, was du dir da zusammengekritzelt hast! Vielleicht hab ich ja noch ne Idee“ Schnell legte Lauri seine Hand auf meine. „Bist du sicher, dass du das willst?“ fragte er skeptisch. „Ich mein…“ Energisch schüttelte ich den Kopf. „Lauri, du hast mir soviel von Lina erzählt, ich glaube, dass ich deine Gefühle sehr gut nachvollziehen kann. Lass mich dir helfen, sie endgültig zu begraben, ok?“ Zögernd ließ Lauri meine Hand los, dachte nach. „Okay“ stimmte er schließlich zu. „Lass es uns gemeinsam zu Ende bringen.“ Zufrieden wendete ich mich wieder dem Block zu und begann zu lesen.

Shut up, stop talking
Get out of my sight
Can’t stand you no more
Can’t stand your screaming, your cries
Don’t need your fake excuses
You’ve been lying and
I’ve been slowly dying
Get out of my life
Get out of my life

This is my life
I’m in control again
You’ve send me to hell but
You should’ve known
I would find my way back
Look into my eyes
I’m stronger now
Can’t you see?
I’m over you, over you

Shut up, stop talking
There’s nothing more to say
Pack your bags and leave
Why was I the last to know

“Wow, harte Worte,” kommentierte ich nach mehrmaligem Lesen. „Ich finde, sie sind noch nicht annähernd hart genug. Es hat sich so viel Wut in mir aufgestaut über die Monate, so viel Wut und Enttäuschung, die muss ich los werden. Es fällt mir nur schwer, jetzt die richtigen Worte zu finden, wo ich mit meinen Gedanken ganz woanders bin, verstehst du? Ich hätte den Song schreiben sollen, als die Wunden noch frisch waren, aber ich konnte nicht. Ich war noch nicht bereit, sie gehen zu lassen. Ich war es satt, so schwach zu sein, aber mir fehlte einfach die Kraft, mich aufzuraffen.“ erklärte Lauri, wählte seine Worte dabei sehr sorgfältig. „Aber jetzt, jetzt ist es Zeit neu anzufangen.“ Ich dachte eine Weile über seine Worte nach, dann schrieb ich ein paar Zeilen. Nachdenklich reichte ich Lauri den Block rüber.

Why was I the last to know
Been a puppet in your sneaky show
You’ve hurt me deep down inside
Broke my heart, caused me to tears
I’m sick of being weak, sick of crying
Enough, I’ll start a new life.

“Das ist gut, echt!” sagte Lauri und summte leise vor sich hin. „Das Ende passt noch nicht.“ Nachdenklich kaute er an seinem Kuli. Las den Text wieder und wieder. „Was hältst du davon?“ fragte er schließlich.

I’m sick of being weak, sick of crying
Tick tock tick tock
Your time is running out, game over
I’m gonna set the clocks to zero and start again
Get out of my life
Get out of my life

“Besser” nickte ich. Funktionierte gut, unsere Zusammenarbeit. So langsam verstand ich, warum viele Musiker Songs schreiben einem Besuch beim Psychiater vorzogen. Ich konnte Lauri beinahe ansehen, wie Lina mit jedem Wort ein Stück weiter aus seinem Leben verschwand. Vielleicht sollte ich mich selbst mal hinsetzen, und einen Song schreiben, nahm ich mir vor. Einen Versuch war es wert.
„Hier, was ist damit? Als Schluss mein ich.“ Lauri hielt mir wieder Block unter die Nase.
Schlicht und einfach hatte er geschrieben:

I’ve been loving you
I’ve been hating you
Right now I just don’t care

Schnell las ich noch mal den gesamten Song, und er gefiel mir. Traf für meine Begriffe genau den Punkt. „Just don’t care… stimmt das wirklich?“ „Ja, es ist mir ab jetzt wirklich schnurz, was mit ihr passiert. Es ist vorbei.“ Prüfend las auch er noch mal, nickte dann. „Ich glaub, so lass ich es erst mal. Wenn wir ihn aufnehmen, werden wir sehen, wohin der Text uns führt.“ Mit sich im Reinen packte Lauri den Block weg, warf die zerknüddelten Entwürfe weg und steckte uns eine Zigarette an. Zufrieden atmete er den Rauch ein, sah aus dem Fenster. „Danke,“ murmelte ich, legte meine Marlboro weg und ging zu ihm rüber, lehnte meinen Kopf an seine Schulter. „Danke dass du mich daran hast teilhaben lassen.“ Lauri lächelte, und schwieg. Zog an seiner Zigarette. Schließlich machte er sie aus und sah mich an. „Von mir aus, können wir das öfter machen!“ Dann sah er wieder nach draußen. Warum sagte er nicht einfach, was er wirklich dachte? Ein banales „können wir öfter machen“ hätte er vielleicht gesagt, als wir uns gerade kennengelernt hatten, aber jetzt? Nachdem wir soviel durchgemacht hatten… Wieso sprach er nicht aus, was er dachte? Wahrscheinlich, weil er immer noch Angst hatte, bei mir einen Knopf zu drücken, den falschen Knopf. Er wusste immer noch nichts von meinem dunklen Geheimnis und war so natürlich ratlos und vorsichtig in unserer noch so jungen Beziehung.

LIV.

Mein Handy riss Lauri und mich aus tiefem Schlaf. Ewig hatten wir gestern noch so da gestanden, in tiefer Umarmung, nachdenklich. Ich brauchte eine Weile, um mein Handy zu finden. „Hallo?“ gähnte ich verschlafen in den Hörer. „Tia! Na endlich! Mensch Süße, ich versuch schon seit Freitag, dich zu erreichen!“ Es war Manu, meine Lieblingskollegin. „Mein Akku war leer“, log ich schnell. „Was gibt’s denn?“ „Arbeit… Also pass auf, folgendes. Chefchen hat beschlossen, dass wir demnächst mit SAP arbeiten und wir beiden sind die einzigen, die damit noch überhaupt keine Erfahrung haben.“ „Das heißt?“ Selbstständiges Denken am frühen Morgen, gar nicht mein Fall. „Das heißt, dass wir beide morgen früh nach Frankfurt düsen und eine Schulung über uns ergehen lassen müssen.“ Endlich wach richtete ich mich auf und erntete ein immer noch verschlafenes Grunzen von Lauri. „Nee, oder? Nach Frankfurt? Wieso das denn bitte?“ „Frag mich nicht, der Typ, der die Schulung macht, will wohl nicht herkommen oder so.“ „Na super.“ „Das ist noch nicht alles…“ fügte Manu leise hinzu. „Was denn noch?“ „Ähm… wir kommen erst Mittwoch zurück!“ Ich lachte. „Okay, dann fahr mal schön alleine! Was denkt der sich denn eigentlich? Ich muss Montag Nachmittag und Dienstag zur Uni!!“ „Das hab ich ihm auch schon gesagt, und weißt du, was er geantwortet hat?“ „Oh oh, was denn?“ „Er sagte: Entweder sie fährt mit oder sie kann die Vertragsverlängerung nächsten Monat vergessen!“ Uff, das hatte gesessen. Tja, das war jetzt eine Zwickmühle, entweder Uni und den Job sausen lassen, oder mitfahren und zwei wichtige Seminare verpassen. Außerdem bedeutete das zweieinhalb Tage ohne Lauri… „Tia? Bist du noch dran?“ Oh, Manu hatte ich ganz vergessen! „Pass auf Manu, ich ruf dich gleich zurück, ok? Ich muss das mal grad absprechen.“ „Okay, aber wehe du vergisst mich wegen deinem Lauri-Schätzchen!“ flötete Manu in den Hörer und legte auf. Lauri-Schätzchen? Was sollte das denn jetzt? Woher wusste Manu, dass ich The Rasmus überhaupt kannte?
Von hinten schlang Lauri seine Arme um mich und zog mich wieder unter die Decke. „Was isn los?“ Schnell erzählte ich ihm, was Manu berichtet hatte. „Och nee, du willst jetzt wegfahren?“ „Na von wollen kann keine Rede sein, aber ich befürchte, dass ich nicht drum rum komme.“ Lauri legte seinen süßen Dackelblick auf, doch so half er mir auch nicht bei meiner Entscheidung. „Da war noch was…“ „Was denn?“ „Sie sagte was davon, dass ich sie nicht wegen dir vergessen soll. Lauri-Schätzchen hat sie gesagt…“ Lauri runzelte die Stirn, dachte nach. „Hast du ihr von uns erzählt? Oder davon, dass du uns kennst?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ihr nicht, Markus nicht… ich glaub auch nicht, dass ich mich verplappert habe oder so. Seltsam….“

Von unten drang das bekannte Geschirrklappern in unsere Ohren, da wir eh schon wach waren, machten wir uns schnell auf den Weg zum Frühstückstisch. Aki hatte bereits alles gedeckt, der Kaffee duftete verführerisch. Schnell mopste ich mir eine Scheibe Fleischwurst. „Wo ist denn Eero?“ fragte ich in die Runde. „Brötchen holen“ kam es zurück. In diesem Moment schloss Eero die Tür auf und kam mit merkwürdigem Gesichtsausdruck ins Esszimmer. „Leute, wir haben ein Problem!“ Verwundert sahen wir ihn an, doch Eero knallte nur die mitgebrachte Bildzeitung auf den Tisch. „Schaut mal in den Innenteil!“ Pauli reagierte als Schnellster und schlug die Zeitung auf. „Oh oh“ entfuhr es ihm. Fluchs beugten auch Aki, Lauri und ich uns über die Zeitung. Als ich mein Bild auf der Titelseite der Viva Bams sah, blieb beinahe mein Herz stehen.

„The Rasmus Sänger im Liebeschaos“ stand dort in leuchtend roten Buchstaben. Darunter ein Bild von Lauri mit Lina vor ihrem Haus, daneben eins von Lauri und mir, als wir Hand in Hand aus dem Hotel kamen. Außerdem noch ein Foto, als ich Lauri im Auto kurz küsste. In dem Artikel stand:

‚Große Enttäuschung für alle The Rasmus Fans. Frauenschwarm Lauri scheint sich neu verliebt zu haben. Dabei hat er gleich zwei heiße Eisen im Feuer. Seine finnische Exfreundin und die schöne Unbekannte, die Lauri seit einigen Tagen nicht mehr von der Seite weicht. Mehr dazu auf Seite 2!’

Den Rest des Artikels las ich gar nicht erst, jetzt wusste ich auch, was Manu vorhin mit Lauri-Schatzilein meinte. Lauri pfefferte die Zeitung in den Mülleimer und fluchte laut. In diesem Moment klingelte es. „Ich geh schon“ murmelte ich und ging zur Tür. Dort stand Chris und klingelte immer noch Sturm. Als ich öffnete, stürmte er sofort rein und hielt mir die Zeitung vor die Nase. „Schon gelesen?“ Ich nickte. „Soviel also zu dem Thema, zwischen euch läuft nichts!“ Wütend marschierte er weiter zu den anderen ins Wohnzimmer. Ich atmete tief durch und folgte ihm. Aki, Eero und Pauli kamen mir bereits entgegen. „Viel Glück“, flüsterte Aki mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Chris prügelte bereits (mit Worten natürlich) auf Lauri ein, der sich heftig verteidigte. „Jetzt stell dich mal nicht so an, die wissen überhaupt nichts genaues und die nächste Zeit werden wir sowieso nicht in der Öffentlichkeit auftauchen!“ „Lauri verdammt noch mal, du weißt wie groß das Interesse im Moment ist! Diese Pressefritzen werden alle möglichen Gerüchte in die Welt setzen. Wir müssen denen irgendwas liefern und du hättest mir verdammt noch mal bescheid sagen müssen!“ „Chris, jetzt beruhig dich doch mal!“ warf ich zögerlich ein. „Wie sollen Lauri und ich dich in etwas einweihen, was für uns selber noch so frisch ist?“ „Ach jetzt erzähl doch keinen Scheiß Tia, das zwischen euch geht doch schon mindestens eine Woche oder noch länger!“ Na und? Das war ja wohl keine Lange Zeit. „Pass auf, was du sagst Chris!“ Langsam wurde Lauri richtig sauer und nahm mich schützend in den Arm. „Von mir aus gib ne Mitteilung raus, dass ich solo bin oder schreib, dass ich mit Tia zusammen bin. Ich hab es satt, dass mein Liebesleben immer in der Presse breitgetreten wird. Mach was du willst, ich hab keinen Bock auf diesen Mist!“ Chris schnaubte, anscheinend konnte er Lauris Reaktion in keinster Weise nachvollziehen. „Na gut, von mir aus… Dann sollen die halt schreiben, dass du dir nen privaten Harem hältst, wenn dir das so egal ist.“ Himmel, was machte Chris eigentlich so ein Drama draus? Ja, vielleicht würden die Pressefuzzis heute noch ein paar Gerüchte dazu erfinden und vielleicht würden sie auch rausbekommen, wer ich war. Aber morgen würde die Arbeit am Album beginnen, wahrscheinlich würden The Rasmus in den nächsten Tagen bzw. Wochen noch nicht mal vor die Tür gehen. Kein Futter für neue Gerüchte, also was sollte dieser Terz? In ein paar Tagen hätte sich die Aufregung gelegt und alle Aufregung war umsonst. Ich drückte Lauris Hand und beendete dann mit ungefähr diesen Worten die Diskussion. Chris zeigte immer noch kein Einsehen, war wohl tödlich beleidigt. Schließlich rauschte er davon, natürlich nicht ohne die Türen laut knallen zu lassen. Misstrauisch sah ich zu Lauri, doch der zuckte nur mit den Schultern. „Soll sich nicht so anstellen, der Gockel“ erklärte er gleichgültig und zündete uns eine Zigarette an. „Viel wichtiger ist, was du davon hältst! Soweit hat Chris natürlich nicht gedacht…“ „Ach Lauri,“ seufzte ich. „Natürlich bin ich nicht wirklich davon begeistert, mein Foto da inner Zeitung zu sehen. Aber was sollen wir machen? A sind wir zusammen und B haben die keinen Peil, wer ich bin. Die Jungs werden nichts sagen und ich glaub, Chris wird auch schön brav den Mund halten. Also… zur Kenntnis nehmen und wegwerfen, was soll ich mich aufregen… Die Hauptsache ist doch, wir beide sind zusammen und halten vor allem zusammen, gell?“ Glücklich nickte Lauri, seine grünen Augen funkelten mich an. Endlich mal eine unkomplizierte Entscheidung. „Dann beweis mir mal, dass wir zusammen sind!“ grinste er und schlang seine Arme um meine Hüfte. „Ist mir ein Vergnügen, Herr Ylönen“, lachte ich zurück und küsste ihn… lange, sanft und innig, so dass keinerlei Zweifel mehr blieben.

LV.

Am späten Nachmittag packte ich ein paar Sachen zusammen und machte mich auf den Weg nach Duisburg. Lauri hatte zwar immer wieder versucht mich zu überzeugen, erst Montagmorgen zu fahren, doch ich hatte keine Lust auf drei Stunden Stau am frühen Morgen. Außerdem war ich seit fast drei Wochen nicht mehr in meiner Wohnung gewesen und ich wollte die Gelegenheit nutzen, ein paar Stunden Ruhe zu genießen und über die letzten Entwicklungen nachzudenken. Okay, und um Ordnung zu schaffen.

Die Autobahn war seltsamerweise frei, so kam ich nach nur 45 Minuten Fahrt entspannt an. Meine Befürchtungen bestätigten sich natürlich, meine Blumen warteten auf ihre Beerdigung. Selbst meine Lieblingspalme, die es eigentlich gewohnt war zu dursten, hatte den Kampf gegen die knallende Sonne verloren. Etwas bedröppelt schleppte ich sie und ihre Leidensgenossinnen zur braunen Tonne, danach war erst mal putzen angesagt. Das sich in so kurzer Zeit soviel Staub ansammeln kann… Als es dämmerte, war ich endlich fertig und stellte den Schrubber weg. Mein Magen grummelte bedrohlich, doch blöderweise hatte ich vergessen, etwas Essbares mitzunehmen. In meinem Vorratsschrank dümpelten noch ein paar Nudeln vor sich hin. Ich hatte die Wahl zwischen Nudeln in Salzwasser gekocht oder Nudeln in purem Wasser… Nicht besonders appetitanregend, also rief ich kurzerhand den Pizzaservice an, der zum Glück wie immer schnell lieferte.

Hungrig setzte ich mich mit meiner Pizza auf die Couch, schaltete den TV an und ließ mich von Viva berieseln. Bei dem Gedanken an unsere ausgewogene Ernährung während der Renovierung schlich sich ein breites Grinsen in mein Gesicht. Was hatten wir da einen Spaß… Doch jetzt war es irgendwie anders. Wir fünf kannten uns jetzt in und auswendig, verstanden uns zwar immer noch fantastisch, aber je näher Lauri und ich uns kamen, desto vorsichtiger waren die Jungs mit ihren Kommentaren geworden. Überflüssigerweise, fand ich… Dazu kamen noch die wenig aussichtsreiche Zukunft. Gut, die Arbeit am Album würde eine ganze Weile dauern und sicher würden Lauri und ich die Zeit in unserem Sinne nutzen, doch was kam danach? Genau das war mein Problem damals gewesen, als Lauri und ich uns zum ersten Mal geküsst hatten. Wie sollte das mit uns weitergehen, wenn das Album draußen ist und The Rasmus wieder von einem Termin zum anderen hechten müssten? Ich war zwar relativ flexibel, aber dann doch nicht so sehr, um dauernd hinter ihnen herreisen zu können. Was, wenn Lauri das aber von mir verlangen würde? Was wenn er darauf bestünde, dass ich die Uni schmeiße, um bei ihm zu sein? Würde ich soweit gehen? Nein, auf keinen Fall. Wenn ich eins von meinen Eltern gelernt hatte, dann das man zu Ende bringt, was man anfängt. Immer hatte ich mich nicht daran gehalten, aber beim Thema Ausbildung musste das sein. Hatten Lauri und ich denn überhaupt eine Chance?

Ich merkte, wie nahe mir diese Überlegungen gingen und zwang mich, auf den Fernseher zu achten. Eine Weile zappte ich von Programm zu Programm, doch es lief nichts, was mich ablenken konnte. Meine Gedanken wanderten immer wieder zu der selben Stelle. Es war alles so wahnsinnig schnell gegangen. Nun ja, im Prinzip hatten Lauri und ich uns Zeit gelassen, trotzdem war alles innerhalb von drei Wochen geschehen. Unser Umgang miteinander war noch vorsichtig und wir mussten uns noch aneinander gewöhnen. Hoffentlich würde uns das gelingen, bis der Trouble wieder losging.

Stürmisches Klingeln riss mich aus meinen Gedanken. Vor der Tür stand Manu. „Hey, was machst du denn hier?“ rief ich überrascht aus. „Komm rein!“ „Ich wollte dir nur dein Ticket vorbeibringen, weil ich erst in Essen zusteige!“ sagte Manu. Ja natürlich, es war kaum zu übersehen, dass ihr etwas ganz anderes auf der Zunge brannte. Rasch machte ich uns einen Tee und verstaute das Ticket in der Tasche. Neugierig beobachtete Manu mich, schwieg aber. „Jetzt frag schon!“ grinste ich sie an. Sie lachte, „Man, du kennst mich aber gut!“ Naja, nach 2 ½ Jahren Zusammenarbeit sollte das wohl auch so sein. „Also, setz dich und erzähl! Was läuft da zwischen dir und diesem Lauri?“ drängelte sie weiter. So gut es ging, fasste ich schnell die Ereignisse der letzten Wochen zusammen. Erzählte alles angefangen von jenem Stau bis hin zu unserem ersten Kuss und dem Ärger, den Lauri jetzt wegen der BILD hatte. „Unfassbar… mensch, du machst Sachen Tia!“ kommentierte Manu schließlich. „Sitzt da seelenruhig bei uns im Büro und verschweigst uns, dass bei dir n Superstar wohnt!“ „Naja…“ „Nix na ja, MIR hättest du doch was sagen können!“ „Ach Manu, das ging alles so schnell… Ich hätte dir sicher noch alles erzählt. Wahrscheinlich morgen im Zug,“ lachte ich zwinkernd. „Naja, will ich dir mal glauben! Und wie geht’s jetzt weiter?“ Volltreffer, mein Wunder Punkt. „Ehrlich?“ Manu nickte. „Ich hab keine Ahnung…“ „Ja was denn nu? Bist du verknallt oder nicht?“ „Ja natürlich, was denkst du denn?“ „Wo ist dann dein Problem?“ Ein Problem? Wenn ich damit mal hinkommen würde… Hilflos zuckte ich mit den Schultern. „So einfach ist das nun mal nicht…“ „Das hat ja auch keiner gesagt. Mein Gott Tia, da triffst du den Mann deines Lebens und anstatt vor lauter Glück die ganze Welt zu umarmen, sitzt du hier und zerbrichst dir deinen Kopf. Genieß es doch einfach!“ „Ja, du hast ja recht und ich versuchs ja.“ „Jetzt hör auf, Ausreden zu suchen. Wenn ich dich noch mal inner BILD sehe, will ich dein strahlendstes Lächeln sehen, hast du verstanden?“ Manus Euphorie riss mich mit, ich ließ mich von ihrem Lachen anstecken. „Versprochen“ „Das wollte ich hören! So, jetzt muss ich aber los, packen. Und denk an deine Einlasskarte, gell?“ Fröhlich machte Manu sich auf den Weg nach Hause. Dieses kurze Gespräch hatte mich unglaublich aufgemuntert, die sentimentalen Gedanken waren verschwunden. Was den Abend jetzt noch abrunden würde, war Lauris Stimme. Schnell wählte ich seine Nummer.

„Hallooo meine Süße!“ rief Lauri fröhlich in den Hörer. „Ich dachte schon, du meldest dich gar nicht mehr!“
„Na aber hör mal, versprochen ist versprochen! Sorry dass es so spät geworden ist, aber Manu war noch hier.“
„Manu? Na gut, solang es nicht dein Nachbar war…“ Bitte was?
„Ey, so was traust du mir zu? Pass bloß auf“ lachte ich zurück.
„Kleiner Scherz am Rande. Hast du alles gepackt?“
„Jupp, alles erledigt. Lieg schon im Bett und warte drauf, dass du mir ein Gute Nacht Liedchen singst.“
„Später, später, sonst muss ich ja gleich schon auflegen!“
„Stimmt, da hast du natürlich recht. Ist noch irgendwas spannendes passiert?“
„Och, Aki hat den Grill in Schutt und Asche gelegt, Pauli den Kühlschrank leergefressen und ich hab sie alle bestraft!“ Ich konnte mir bildlich Lauris schelmisches Grinsen am anderen Ende der Leitung vorstellen.
„Okay, jetzt mal ernsthaft Lintulein!“
„Ey, nenn mich nich so!“
„Doch, tu ich aber!“
„Na komm du mir in die Finger!“
„Da wirst du wohl bis Mittwoch warten müssen!“ neckte ich ihn.
„Quark, wenn ich will, komm ich einfach nach Frankfurt!“ Das glaubte ich ihm aufs Wort.
“Nix da, du hast zu arbeiten! Schluss jetzt, also was ist passiert?“
„Na guuut… Also Chris hat noch mal angerufen und hat sich entschuldigt, ein Wunder, gell? Naja und mein Handy hab ich irgendwann ausgeschaltet, nachdem der dreißigste Reporter mir zum hundertsten Mal die gleiche Frage gestellt hat. Aber egal, das wird sich schnell wieder legen.“
„Hoffentlich. Man, wir hätten einfach besser aufpassen müssen!“
„Ach Tia, hast du in dem Moment auch nur einen einzigen Gedanken an die Presse oder sonst wen verschwendet? Bestimmt nicht. Passiert ist passiert, was sollen wir uns noch aufregen. Aber auf unserer Homepage ist die Hölle los. Der Server ist beinah zusammengebrochen, weil alle am diskutieren sind, wer du bist. Falls das morgen zu langweilig ist, dann les dir einfach mal ein paar Beiträge durch. Aber vorsichtig, nicht dass du zu laut lachst!“
„Okay, werd ich machen, versprochen. Duuu?“
„Was denn?“
„Lass uns mal so langsam auflegen, ich hab nur noch 4 Stunden, die sollte ich vielleicht zum Schlafen nutzen!“
„Du kannst doch im Zug schlafen, komm… ich mag noch nicht auflegen!“
“Lauriii, manchmal bist du echt wie ein kleines Kind!“
„Ich weiß, deshalb hast du dich ja auch in mich verknallt!“
„Das denkst du…hehehe!“
„Okay, Touché. Ich hol dann mal Eero.“
„Eero? Versteh ich grad nicht…“
„Na der muss doch wieder das Auflegen übernehmen, sonst bekommen wir das eh nicht hin!“ Wo Lauri Recht hatte, hatte er Recht. Ich hörte, wie Lauri schnell die Treppe runterlief. Moment mal, die Treppe runter? Das hieß, dass er in meinem Zimmer war! Hah, erwischt!
„Okay Süße, ich geb dich gleich weiter, okay?“
“Ja mach das. Schlaf gut! Ich meld mich dann morgen Abend, wenn wir fertig sind.“
„Alles klar, bis dahin schalte ich mein Handy auch wieder ein, versprochen. Träum was Schönes. Ich …“ Lauri stockte. Schwieg ein paar Sekunden. Sein Verstand ratterte. Er wollte ‚ich liebe dich’ sagen, da war ich mir sicher. Hätte ich mich getraut, diese drei berüchtigten Worte jetzt schon zu sagen? Wahrscheinlich nicht…
„Ich freu mich auf morgen. Bis dann Schatz“ sagte Lauri schließlich.
„Ich mich auch, schlaf gut!“ Schon hatte ich Eero am Apparat, der sich heftig lachend von mir verabschiedete. Müde ließ ich mich anschließend auf mein Kopfkissen fallen, stellte meinen Wecker und fiel in einen tiefen, erholsamen Schlaf.

LVI.

Die Schulung war wie erwartet langweilig gewesen. Die paar Sachen, die uns beigebracht wurden, hätten wir auch alleine rausfinden können. Nur in einem waren Manu und ich uns einig: SAP würde uns unsere Arbeit auf keinen Fall erleichtern, eher im Gegenteil.

Manu war jetzt auf dem aktuellsten Stand. Wann immer wir eine Pause hatten und vor allem abends im Hotel hatte sie mich immer wieder aufs Neue ausgequetscht und ich hatte ihr alles erzählt. Irgendwann war mir nämlich klargeworden, wie gut es tut, mal mit jemandem zu reden, der sozusagen neutral ist. Ich sah die ganze Sache jetzt etwas lockerer, hatte nicht mehr so eine Panik vor dem Tag, an dem meine Jungs wieder losziehen würden. Eigentlich schwebte ich mittlerweile wirklich auf Wolke Sieben.

Lauri hatte jeden Tag zig Mal angerufen und mich upgedated, was zu Hause passierte. Die Arbeit ging gut voran, zwei Songs waren schon fertig und The Rasmus waren begeistert von dem neuen Produzenten. „Max bringt nen ganz frischen Wind ins Studio, und der hat Sounds in petto… du wirst begeistert sein Schatz!“ hatte Lauri begeistert erzählt. Für heute stand ‚Over you’ auf dem Programm, falls sie mit den letzten Änderungen von Troubleshooter (ein mir noch unbekannter Song) fertig werden würden.

Am frühen Nachmittag hielt der ICE endlich in Duisburg, schnell verabschiedete ich mich von Manu und machte mich auf den Weg durch den sommerlichen Regen in meine Wohnung. Mein ehemaliger Vermieter hatte angerufen, er würde um halb vier vorbeikommen, damit ich den Kaufvertrag unterschreiben könnte. Wieder ein Punkt abgehakt. Zu Hause sprang ich schnell unter die Dusche und packte dann noch eine Ladung Klamotten ein. Die nächsten Wochen würde ich eh nicht hier wohnen, sondern den weiteren Weg zur Uni und zur Arbeit gerne in Kauf nehmen. Herr Bönting kam pünktlich und alle Formalitäten waren schnell geregelt. Nie wieder Miete zahlen!!

Gut gelaunt schickte ich Lauri gegen 18 Uhr eine SMS, dass ich mich auf den Weg machen würde. Ein paar Kilometer vor zu Hause klingelte dann mein Handy. Ich warf einen Blick aufs Display… Lauri. Okay, in diesem Fall macht die Polente sicher eine Ausnahme, falls sie mich erwischen, oder?

„Hey Schatz, was gibt’s?“
„Wo bist du?“
“Auf dem Weg nach Hause, hab ich doch geschrieben!“
„Nein ich mein, wie lang du noch brauchst.“ Was sollte denn dieser Tonfall?
„So zehn Minuten vielleicht, wieso?“
“Mist.“ Mist??
„Was ist denn los??“
„Vor dem Haus stehen zig Reporter. Ich hatte eigentlich gehofft, dass die weg wären, bis du kommst.“
„Wie haben die denn rausgefunden, wo ihr seid? Das darf ja wohl nicht wahr sein…“
„Hast du die letzten zwei Tage in die Zeitung geguckt?“ Nein, hatte ich nicht, Manu und ich waren viel zu beschäftigt gewesen.
„Die haben noch mehr Bilder veröffentlicht. Von uns beiden auf dem Balkon, du erinnerst dich?“ Ja natürlich erinnerte ich mich. Ich hielt es für besser, auf dem Seitenstreifen zu halten.
„Klar erinner ich mich…“ Der Kuss…
„Keine Ahnung, wer gequatscht hat. Aber diese Fuzzis finden alles raus…Zum Glück hast du kein Namensschild an der Tür!“
„Und jetzt?“
„Deswegen ruf ich ja an. Wir müssen dich irgendwie ungesehen ins Haus bekommen, sonst hört das nie auf!“
„Moment, lass mich mal nachdenken.“ Mein Haus war das letzte in der Straße. Dahinter waren nur ein paar Schrebergärten und ein kleiner Feldweg, von dem aus ich über meinen Gartenzaun klettern könnte. Aber der Weg war einsehbar…
„Pass auf Lauri, ich parke eine Straße weiter und komme hintenrum.“ Schnell beschrieb ich ihm den Weg. „Ich ruf dich an, wenn ich an der Ecke bin, okay? Dann gehst du raus und lenkst die irgendwie ab. Bring Müll weg oder was auch immer, Hauptsache die gucken nicht an der Garage vorbei.“
„Hört sich gut an, okay so machen wir’s.“
„Alles klar, bis gleich!“

Angespannt legten wir beide auf und ich fuhr weiter. Fantastisches Gefühl, so unter Beobachtung zu stehen. Mir wäre es im Prinzip egal gewesen, wenn gleich noch ein paar Fotos geschossen werden würden. Reden müsste ich mit der Presse ja nicht. Aber Lauri hatte Recht und ich konnte gut nachvollziehen, dass er der Presse nicht noch mehr Stoff liefern wollte.

Fast pünktlich auf die Minute parkte ich mein Auto. Sollte ich meine Sachen mitnehmen? Nein, die könnten wir später immer noch irgendwie aus dem Auto holen. Außerdem regnete es immer noch in Strömen. Gut, dann mal los. Schnell lief ich den kleinen Umweg, wählte dann wieder Lauris Nummer. Während ich wartete, lugte ich kurz um die Ecke. Tatsächlich, da stand eine handvoll Typen mit Kameras und lungerte gelangweilt rum. Keine Sorge Jungs, gleich bekommt ihr Lauri zu sehen.

„Bist du da?“
„Jepp, kann’s losgehen?“
„Sekunde, ich such noch grad die Mülltüte.“ Ein Rascheln drang ihn mein Ohr, ein kurzes finnisches Fluchen.
„Okay, ready. Ich geh jetzt raus, startklar?
„Halt, Lauri, warte noch!“
„Was denn?“
„Mir ist grad eingefallen, dass du mir ja auch gerade das Gartentor aufschließen könntest, dann muss ich nicht klettern!“
Lauri lachte herzhaft.
„Okay, wo ist der Schlüssel? Ich kann ja nicht verantworten, dass du dir alle Knochen brichst!“ Ich beschrieb, wo der Schlüssel war und hörte ein paar Sekunden später das Klacken des Schlosses. Zum Glück war das bis zur Straße nicht zu hören.
„Erledigt. So, jetzt ich aber raus, ok?“
“Startklar, los!“ Irgendwie kam ich mir vor wie in einem James Bond Film…
Die Reporter bewegten sich auf einmal. Zückten ihre Fotoapparate und gingen näher auf unsere Einfahrt zu. Als der Letzte aus meinem Blickfeld verschwunden war, sprintete ich die paar Meter bis zur Gartentür und hetzte rein. Puh, das wäre geschafft. Sorgsam schloss ich wieder hinter mir ab und machte mich auf den Weg nach drinnen.

Lauri kam mir schon strahlend entgegengelaufen.
„Die sind ja soooo blöd!“ rief er, ich fiel ihm lachend um den Hals.
„Wenn ich das jetzt jeden Tag so machen muss, fliegt ihr hier ganz schnell wieder raus!“ grinste ich.
„Geht nicht, ist nich mehr dein Haus, äätsch!“ neckisch streckte Lauri seine Zunge raus.
„Okay, stimmt… Dann küss mich wenigstens zur Wiedergutmachung!“ befahl ich und Lauri gehorchte. Schön, wieder zu Hause zu sein!

LVII.

„Wo sind denn die anderen?“ Das Haus kam mir so merkwürdig still vor.
„Die hab ich weggeschickt.“ Ich zog skeptisch eine Augenbraue hoch. Weggeschickt? Und was ist mit der Arbeit? Lauri erriet meine Gedanken.
„Ich dachte, wir feiern unser Wiedersehen ohne die Jungs, okay? Hab sie ins Kino verfrachtet.“
„Gute Idee“ antwortete ich und konnte mir ein breites Grinsen nicht verkneifen.
„Was grinst du denn jetzt so?“
„Meinst du, die finden jemals den Weg zurück?“
„Fiesling!“ lachte Lauri zurück, obwohl er wusste, dass es keineswegs sicher war, dass einer der Rasmusse in den nächsten Tagen zurückkehren würde.
„Ich geh mir schnell was Trockenes anziehen, okay?“
„Okay, beeil dich!“

Als ich wieder nach unten kam, führte Lauri mich aufgeregt ins Wohnzimmer, wo er schon den Tisch gedeckt hatte. Mit Kerzen, frischen Blumen, sogar vornehmen Servietten. Erst jetzt fiel mir der köstliche Duft auf, der durch das Haus zog.

„Was gibt’s denn?“ fragte ich neugierig.
„Lasagne à la Lauri, wenn’s der Dame genehm ist“ meinte Lauri verschwörerisch.
„Okay, Lasagne nehm ich, auf das à la Lauri bin ich gespannt!“ neckte ich zurück und nahm hungrig Platz.

Schnell musste ich feststellen, dass alle Skepsis umsonst war, auf Lauris Kochkünste war Verlass. Selbst den passenden Wein hatte er ausgesucht, einfach nur köstlich. Die Lasagne… besser bekam sie selbst mein Lieblingsitaliener um die Ecke nicht hin. Obwohl ich eigentlich nicht sooo hungrig war, vertilgte ich fast die Hälfte der Lasagne. Es war einfach zu lecker, um etwas übrig zu lassen. Pappsatt und zufrieden brachten wir danach unser Geschirr in die Küche und überredeten die Spülmaschine, den Abwasch zu übernehmen. Stolz wie Oskar führte Lauri mich anschließend ins Studio, wo er mir das fast fertige „Over you“ präsentierte. Ich hörte mir den Song zwei Mal an und war einfach nur … begeistert. Pauli und Eero hatten sich tüchtig ins Zeug gelegt und Aki hatte mit seinen Drums wahre Wunder vollbracht. Es war ein richtig schneller Uptempo Song geworden, und obwohl Lauri zum Teil fast schrie, hatte er in seine Stimme soviel Gefühl gelegt, dass ich trotzdem noch einen Kloß im Hals spürte. Während ich den Song zum dritten Mal hörte, weil mir jedes Mal mehr Details auffielen, saß Lauri eng hinter mir, strich über meine Haare, über meine Schultern, küsste immer wieder meinen Hals. Schließlich schaltete er den Song aus.

„Und? Was denkst du?“
„Ungefähr so, wie ich mir das vorgestellt habe…“ Mehr wollte ich dazu eigentlich nicht sagen, auch wenn diese Aussage nicht wirklich konstruktiv war, aber jeder weitere Kommentar hätte uns wieder auf das Thema Lina gebracht. Lauri wusste sowieso, was ich dachte. Um mir das zu bestätigen, nickte er zustimmend.
„Wieder ein Thema weniger, über das ich mit meinem Psychiater reden muss“ grinste er. „Ich glaube, ich muss meinen Stundenlohn erhöhen“ parierte ich. „Dann kann ich dich ja bald nicht mehr bezahlen!“ Nachdenklich sah ich ihn an… Stimmt, das könnte kompliziert werden. „Das kann ich natürlich nicht verantworten… aber es gibt ja noch andere Zahlungsmöglichkeiten…“ Überrascht blickte Lauri auf. „Und die wären?“ Eine Sekunde später verstand er endlich. „Du meinst jetzt nicht zufällig Naturalien?“ Seine Augen funkelten. „Damit könnte ich mich tatsächlich anfreunden… Bekomme ich nen Vorschuss?“ „Ausnahmsweise!“ Schon küsste Lauri mich zärtlich, er schien es wirklich ernst mit seiner Anzahlung zu meinen. Wie sehr hatte ich diese kleinen Zärtlichkeiten vermisst, dabei war ich nur knapp drei Tage weggewesen. Wie sollte das nur werden, wenn wir uns länger nicht sehen würden? Stur schob ich den Gedanken zur Seite, keine Zeit dafür jetzt. Ich stand kurz auf, um mich andersrum auf Lauris Schoß zu setzen. Sofort küsste er mich wieder, etwas fordernder. Seine Hände wanderten währenddessen unter mein T-Shirt, über meinen Rücken, folgten der Spur meiner Gänsehaut. „Zieh es aus,“ flüsterte ich Lauri ins Ohr. Darauf hatte er gewartet, nicht mal eine Sekunde später saß ich oben ohne da. Oh oh, das hier war keine harmlose Schäkerei mehr, Lauri wollte endlich mehr. Konnte man ihm das verübeln? Nein… Sein Blick fuhr immer wieder über meinen Oberkörper, sanft fuhr er mit seinem Zeigefinger die Konturen meines BHs nach. Wieder ein zärtlicher Kuss, dann zog ich Lauri ebenfalls sein Shirt aus. Tat es ihm gleich, liebkoste seine Muskeln, zubbelte sanft an dem weichen Flaum auf seiner Brust, während er einfach nur mit seinem Blick meinen Händen folgte.

Unsere Lippen fanden einander wieder und verschmolzen zu einem fast unendlichen Kuss. Dabei hob Lauri mich sanft hoch und legte mich auf das schwarze Sofa. Glücklich schaute er in meine Augen, als ob er auf die Erlaubnis wartete, weitermachen zu dürfen. Zur Bestätigung nickte ich kurz, woraufhin er sich geschäftig daran machte, sich von meinem Hals aus den Weg runter zu meinem Dekollete zu bahnen. Automatisch suchten seine Hände dabei meine. Als sie sich fanden, drückte Lauri sie sanft auf das Sofa, auch, um sich besser abstützen zu können.

Dieses Gefühl, sich nicht wehren zu können…

Das wohlige Gefühl, was sich in meiner Magengegend ausgebreitet hatte, das Kribbeln verschwand mit einem Mal. Ich bekam keine Luft mehr, konnte nicht mehr atmen. Eine Wolke aus Bier und Schweißgestank drang in meine Nase, dazu das Gewicht, das auf mir lag. Wie damals… Ich sah sie wieder vor mir, diese schwarze Maske…diese perversen Augen….

„Lauri!“ rief ich panisch. „Stopp, hör auf, lass mich los!“

Völlig überrascht von meiner Reaktion blickte Lauri auf und ließ meine Hände los. Ich nutzte diese Gelegenheit und sprang auf, riss mein T-Shirt vom Boden hoch und zerrte es über meinen Kopf.

„Was ist denn los?“ Lauri verstand die Welt nicht mehr. „Tia, hab ich was falsch gemacht?“

„Ich kann nicht… tut mir leid“ stammelte ich nur und stürmte aus der Tür. Rannte die Treppe hoch, durchs Wohnzimmer, prallte im Flur gegen Aki. Hatten sie also doch den Weg zurück gefunden. Doch ich beachtete Aki und auch die anderen, die gerade zur Tür reinkamen nicht, sondern rannte einfach raus. Weg hier, dorthin, wo ich wieder atmen konnte. Dorthin, wo nicht diese grässlichen Bilder auf mich warteten.

Ich war schon längst weg, als Lauri endlich keuchend nach oben gerannt kam.
„Ist Tia hier vorbeigekommen?“ fragte er, als er in die verwirrten Gesichter von Aki, Eero und Pauli sah.
„Ja… rausgerannt. Sag mal was ist denn hier passiert? Hab ihr euch gestritten?“
Lauri schüttelte verzweifelt den Kopf.
„Nein. Ich hab keine Ahnung… Ehrlich, ich hab keine Ahnung, was da gerade passiert ist!“ Kopfschüttelnd setzte er sich auf die Treppe und sah seine Kollegen hilfesuchend an.

LVIII.

Ich lief und lief. Immer weiter, so schnell ich laufen konnte. Es war dunkel, und meine Tränen verschleierten meinen Blick, so dass ich kaum etwas sehen konnte. Doch ich folgte einfach der Stimme in meinem Kopf, ‚Renn Tia, renn!’. Mein Hals war wie zugeschnürt, Luft bekam ich immer noch nicht. Schließlich schmerzten die Seitenstiche so stark, dass ich einfach anhalten musste. Keuchend lehnte ich mich an einen Baum und versuchte, zu erkennen, wo ich war. Ich stand am See, instinktiv war ich zu jener Baumgruppe gelaufen, an der Lauri und ich uns damals…. Verzweifelt sank ich am Baumstamm runter auf meine Knie. Ich weinte so sehr, dass es weh tat, meine Augen brannten, meine Lunge explodierte fast, doch ich konnte einfach nicht aufhören. Qualvoll schloss ich die Augen, um den Schmerz zu verdrängen, doch sofort riss ich sie wieder auf. Diese Augen, die mich auf so perverse Weise angestarrt hatten…Ich sah sie sofort wieder vor mir. Ich roch den Schweiß, der am Kinn des Mannes entlang gelaufen und dann auf mein Gesicht getropft war. Ich hörte wieder das schreckliche Geräusch, als er meine Bluse aufriss und die Knöpfe davonflogen. Instinktiv drückte ich meine Hände an meine Brust, um zu verhindern, dass es wieder passieren würde. Ich spürte den Schmerz an meinen Händen, die er gewaltvoll hinter meinem Kopf festhielt und auf den Boden drückte. Roch den ekligen Biergeruch, als er versuchte, mich zu küssen. Wie in Trance schmiss mich meinen Kopf hin und her, es war so real… Wieder stieg die Panik in mir auf, als er mit seiner Hand unter meinen Rock fuhr und meinen Slip wegriss. Die Schmerzen, als er meine Beine auseinander drängte und gewaltsam in mich eindrang, sein lustvolles stöhnte brachte mir erneut Übelkeit. Ein Gefühl wie tausend Messerstiche… Ich hatte versucht, mich zu wehren, aber hatte keine Chance. Er war einfach viel zu stark, irgendwann hatte ich aufgegeben und wie betäubt alles über mich ergehen lassen. Wieso hörte das nicht auf? Nach all den Jahren, warum war alles noch so frisch? Wieso war ich nicht mehr in der Lage, das alles wegzuschieben? Warum bekam ich jedes Mal solche Panikattacken, wenn es zwischen Lauri und mir konkreter wurde? Wieso? Wieso wusste ich keine Antworten auf meine Fragen? Wieso tat es so unglaublich weh?

Wütend hieb ich auf den Baumstamm ein, wieder und immer wieder. Ich riss mir dabei die Handflächen auf, doch dieser körperliche Schmerz war im Vergleich zu den seelischen Schmerzen fast angenehm, er war erträglich. Für diesen Schmerz gab es einen konkreten Grund, für alle anderen nicht, nicht mehr. Ich starrte auf das Blut, das aus den Wunden quoll und vom Regen weggewischt wurde. Wieso brachte mir dieser Schmerz keine Erlösung?

Ich weinte und weinte, bis ich keine Tränen mehr hatte. Wollte den Schmerz mit meinen Tränen wegwaschen, doch sie reichten nicht aus. Sie hatten noch nie ausgereicht. Schon folgte die nächste Flut, die ihren aussichtslosen Kampf in Angriff nahm.

Auf einmal war Lauri da, einfach da. Er kniete vor mir und schloss mich fest in seine Arme. Ließ mich einfach weinen und strich mir beruhigend über den Kopf. Ich klammerte mich an ihn, so fest, dass auch er kaum noch Luft bekam. Geduldig wartete er ab, bis ich meinen Kopf heben musste, um zu atmen. Sanft nahm er mein Gesicht in seine Hände und sah mir in die Augen.

„Red mit mir, Tia. Es ist alles okay, ich bin da! Du bist nicht allein…“

„Verschwinde Lauri, lass mich allein. Ich bin nicht gut für dich, geh! Bitte geh!“ flehte ich ihn an, doch Lauri schüttelte den Kopf. „Schatz, was redest du denn da? Komm her…“

Seine einfühlsame Stimme beruhigte mich ein kleines bisschen. Ich fühlte mich etwas sicherer, seit er da war, obwohl ich ihn immer noch lieber wegschicken wollte. Das Schluchzen lies etwas nach, aufgewühlt wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht, schmierte dabei allerdings das Blut von meinen Händen quer über die Wangen.

„Was hast du gemacht?“ rief Lauri entsetzt, als er die Wunden sah. Ich blickte auf meine Hände, aber ich erinnerte mich schon nicht mehr. Ahnungslos schüttelte ich die Schultern. Von irgendwoher zauberte Lauri ein Taschentuch hervor und wischte mir das Gesicht ab, tupfte dann vorsichtig über die Wunden. Es tat immer noch nicht weh… Nicht so sehr, wie…

„Geht’s wieder einigermaßen?“ fragte Lauri vorsichtig nach einer Weile.

Ich unterdrückte eine neue Welle der Tränen, und nickte, mied Lauris Blick.

„Was hab ich falsch gemacht, Tia? Ich mach’s wieder gut, versprochen.“

„Es liegt nicht an dir Lauri, es liegt an mir… Ich hab die ganze Zeit mit dir reden wollen, es aber nie geschafft… Tut mir leid… Mir hätte klar sein müssen, dass das hier irgendwann passieren würde.“

Verständnisvoll hielt Lauri meine Hand und wartete. Gab mir eine Chance, mich zu sammeln und war bereit, mir zuzuhören.

„Lauri, bitte geh doch! Wir beide haben keine Chance, ich werd dich niemals glücklich machen können. Ich… lass mich doch bitte allein!“ Sofort bereute ich jedes Wort, wehrte mich innerlich dagegen. Ich wollte nicht, dass Lauri wirklich ging, aber es war das Beste… für ihn.

„Was redest du denn da für einen Blödsinn? Tia… verstehst du denn nicht? Du HAST mich längst zum glücklichsten Menschen der Welt gemacht. Und jetzt sehen wir zu, dass es dir auch so geht, okay? Ich werd dich auf keinen Fall alleine lassen. Selbst wenn ich die nächsten Wochen hier mit dir sitzen muss und wir elendig verhungern, ich lass dich nicht alleine, verstanden??“

„Dann verhungern wir halt…“ antwortete ich schnippisch, musste dann aber doch lächeln. Keine Chance, Lauri zu entkommen, keine Chance, weiter vor ihm zu flüchten. Hatte ich gerade wirklich gelächelt? Dankbar sah ich ihn an, dankbar für sein Verständnis, dankbar für seine Unterstützung. Er schien keine Angst vor dem zu haben, was ich zu erzählen hatte.

„Okay,…“ begann ich.

LVIX.


„Als ich 16 war… Lauri ich bin vergewaltigt worden. Ich hätte es dir sagen müssen, ich…“ Wieder liefen die Tränen, ich konnte sie einfach nicht zurückhalten. Die Erinnerungen taten so weh…

„Du bist was??“ fragte Lauri atemlos. „Lass dir Zeit Tia… keiner zwingt dich, darüber zu reden!“ fügte er schließlich einfühlsam hinzu. Ich hatte nicht erwartet, dass Lauri immer noch so verständnisvoll reagieren würde. Er sah lange nicht so geschockt aus, wie ich befürchtet hatte. Deswegen zwang ich mich auch, trotzdem weiterzusprechen.

„Ich war auf einer Party, bei meiner Freundin. Sie ist 16 geworden… Sie hat nur drei Kilometer von mir entfernt gewohnt, deswegen bin ich mit dem Rad hin. Es gab natürlich jede Menge Alkohol, du weißt ja, wie man mit 16 ist… Tja und wie das auf Parties so ist, irgendwann gibt’s Streit. Ich weiß nicht mehr, worüber wir gestritten haben, ich erinner mich nicht. Irgendwelche Beleidigungen, die sie mir an den Kopf geschmissen hat… jedenfalls hab ich so die Schnauze voll gehabt, dass ich gefahren bin. Von ihr zu mir gibt’s zwei Wege, einen durch die Stadt, der ist etwas länger, oder einen kleinen Feldweg. Den bin ich auch immer morgens zur Schule gefahren, wahrscheinlich hab ich deswegen automatisch diese Richtung eingeschlagen. Naja, es war halt mitten in der Nacht, und ich war völlig alleine unterwegs. Dann hab ich n paar hundert Meter vor mir nen Mann gesehen, der mir entgegenkam. Ich bin ganz nach links und hab noch mehr in die Pedale getreten, weil mir das schon ziemlich seltsam vorkam. Welcher normale Mensch treibt sich mutterseelenallein um diese Zeit auf diesem Weg rum? Okay, außer mir vielleicht...“

Ich brach ab, musste kurz Luft holen. Lauri streichelte weiterhin beruhigend meine Hand, und nur das gab mir den Mut, ihm auch den Rest zu erzählen.

„Als ich nur noch ein paar Meter entfernt war blieb er auf einmal stehen. Da hab ich die Maske gesehen, so eine Skimaske, weißt du? Wo man nur die Augen sieht… Aber da war es schon zu spät, er rannte auf einmal auf meine Seite und schmiss sich gegen mein Rad. So schnell konnte ich gar nicht reagieren, ich flog in hohem Bogen auf die Straße. Als ich wieder zu mir kam, da lag er schon auf mir. Er hat meine Hände hinter meinem Kopf festgehalten, so wie du vorhin…“

„Deshalb bist du weggerannt?“

„Ja… Ich hab komplett die Kontrolle verloren, wusste nicht mehr, was Wirklichkeit ist und was ich mir einbilde. Ich hab keine Luft mehr bekommen, Lauri, ich musste einfach weg.“

Lauri schüttelte verzweifelt den Kopf.

„Hätte ich das gewusst, Tia, dann hätte ich nie…“

„Jetzt hör bitte auf, dir Vorwürfe zu machen! Du kannst doch absolut nichts dafür, ich hätte mit dir reden müssen. Aki hat mich gewarnt… hätte ich doch nur auf ihn gehört!“

„Aki?“

„Ja, an dem Abend in Amsterdam…“

„Stimmt, ich erinner mich… Wusste er, dass…“

„Nein… ich hab ihm nur gesagt, dass da noch was ist, worüber ich mit dir reden muss, nichts konkretes. Egal, jetzt ist es eh zu spät.“

„Bist du damals zur Polizei gegangen?“

„Was hätte das denn gebracht? Anzeige gegen Unbekannt… aussichtslos. Ich hab doch nichts von dem Schwein erkennen können, Lauri! Gesagt hat er auch nichts, also hätte ich ihn – selbst wenn man nen Verdächtigen gefunden hätte – auch nicht an der Stimme erkennen können.“

„Aber es gibt doch noch andere Möglichkeiten…“

„Das weiß ich heute auch. Heute würde ich auch jedes Mädel, dem so was passiert, persönlich zur Polizei schleppen, glaub mir. Aber damals… Ich glaub, ich bin irgendwann ohnmächtig geworden. Es hat so weh getan und ich hatte nur noch Panik, Panik, Panik. Vielleicht hat er mich auch bewusstlos geschlagen, ich erinner mich nicht mehr. Als ich wieder zu mir kam, war er weg, und mein Rad auch. Keine Ahnung, wie ich nach Hause gekommen bin, das ist alles so verschwommen. Ich weiß nur noch, dass ich morgens in meinem Bett aufgewacht bin, in den zerrissenen Klamotten, mit blutigen Händen. Meine Eltern haben sich zwar gewundert, warum ich schon zu Hause war und woher die Verletzungen an meinen Händen kamen, aber ich hab ihnen irgendwas von dem Streit verklickert und dass ich mit dem Rad gestürzt bin oder so und sie haben’s geschluckt.“

„Hast du denn mit jemand anderem geredet?“

„Mit wem denn? Ich hab dir doch erzählt, dass ich immer diejenige war, bei der sich alle ausgeheult haben, aber für meine Probleme hat sich nie jemand interessiert. Meinen Eltern hätte ich davon schon gar nicht erzählen können, die hätten mich wegen meiner Blödheit erst recht noch mal geschlagen. Da war niemand… ich hab das die ganze Zeit mit mir selbst ausgemacht. Hab mir vor allem selber die Schuld gegeben. Warum fahr ich ausgerechnet diesen Weg? Warum hab ich mich nicht mehr gewehrt? Warum hatte ich so einen kurzen Rock an?

„Tia… du hast keine Schuld, du…“

„Ich weiß Lauri, heute weiß ich das auch… Die nächsten zwei Wochen hatte ich so eine wahnsinnige Angst, schwanger zu sein… Keine Ahnung, was ich gemacht hätte, wenn ich wirklich schwanger gewesen wäre. Ich weiß nicht, ob ich das durchgestanden hätte. Ein Kind von einem Vergewaltiger zu bekommen… Ich glaube nicht, dass ich das hätte durchstehen können.“

„Aber zum Glück war es nicht so, oder? ODER?“

„Nein, zum Glück nicht. Doch diese Ungewissheit war die Hölle. Ich hatte mir schon einen Fluchtplan zurechtgelegt, nur für den Fall. Mein Eltern hätten mich umgebracht. Schwanger mit 16… Die wären durchgedreht! Aber ab dem Tag an hab ich total dicht gemacht und niemanden mehr an mich rangelassen. Männer meine ich…“

„Bis jetzt?“ Lauri dämmerte langsam, wie schwer die Last war, die ich die ganze Zeit mit mir herumgeschleppt und vor ihm verheimlicht hatte.

LX.

„Ja…Nein, eigentlich bis ich 19 war. Es war an Karneval… Kennst du doch, oder? Na ist ja auch egal, ich war mit ein paar Mädels auf ner Party. Überall Pärchen, ich war so ziemlich der einzige Single und da wurde mir einfach klar, wie satt ich es hatte, allein zu sein. Da war ein Typ, Mathias, der mich anfangs ziemlich heftig angebaggert hat. Sah gut aus, und das wusste er auch. Eigentlich die Art Mann, die so überhaupt nicht mein Fall ist. Er hat aber schnell gemerkt, dass er mit der Masche bei mir weiter kommt und hat dann gezeigt, dass er auch anders kann. Von einer Sekunde auf die andere war er ein ganz anderer Mensch, einfühlsam, lieb, charmant. Wir haben uns stundenlang unterhalten. Ich hab mich in ihn verliebt und wir sind ein paar Tage später zusammengekommen. Es hat ne Weile gedauert, bis wir uns das erste Mal geküsst haben, aber als er mich dann soweit hatte, hat er nur noch versucht, mich ins Bett zu kriegen. Ich war immer noch auf dem Trip, es endlich hinter mich zu bringen, aber trotzdem ging’s nicht. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll, mein Körper hat einfach nicht reagiert, weißt du was ich meine? Ich hab nichts gefühlt, wenn er mich geküsst hat, oder wenn er mich berührt hat. Da war einfach nichts. Ich glaub, so nach zwei oder drei Wochen, ich weiß es nicht mehr, da hab ich es ihm gesagt. Nicht so wie dir… Ich hab mich dafür entschuldigt, dass ich in sexuellen Dingen noch so unerfahren bin, er soll mir was Zeit geben, weil ich vor ein paar Jahren vergewaltigt worden bin.“

„Ja und wie hat er reagiert?“

„Er sagte ‚Macht nix’ und hat mich geküsst!“

„Wie bitte?“ Lauri schnaubte ärgerlich.

„Tja, genauso perplex war ich in dem Moment auch. Aber ich blöde Kuh bin trotzdem mit ihm zusammengeblieben. Nach zwei Monaten kam er abends vorbei und meinte so ganz nebenbei, er hätte sich am Tag davor ‚körperlich betätigt’. Bis ich mal verstanden habe, was er meinte… Er müsste ja schließlich irgendwohin mit seiner Energie… In dem Moment ist mir dann auch klar geworden, dass ich überhaupt nicht verliebt war, sondern dass ich mir das nur eingebildet habe, um nicht mehr alleine zu sein. Ich war gar nicht mal sauer auf ihn, sondern eher dankbar dafür, dass er mir einen Grund gegeben hat, ihn loszuwerden ohne näher darauf eingehen zu müssen. Ich hab Schluss gemacht und ihn seit dem nie wieder gesehen. Ein paar Wochen später hab ich nur gehört, dass er seine Neue geschwängert hat und seine Eltern ihn gezwungen haben, das Mädel zu heiraten. Man, war das eine Genugtuung! Hm… und das war’s. Nach der Pleite hab ich niemanden, absolut niemanden mehr an mich rangelassen. Und um ehrlich zu sein… so schlimm war’s gar nicht. Ich bin ziemlich gut alleine klar gekommen. War nie jemandem Rechenschaft schuldig, konnte einfach mein Leben leben. Seit ich euch vier kenne weiß ich ja erst, wie schön es ist, echte Freunde zu haben und über Probleme reden zu können. Und es ist ein so wunderbares Gefühl, nicht mehr alleine zu sein!“

„Tut mir leid, Schatz“ flüsterte Lauri. Wofür entschuldigte er sich denn jetzt? Fragend sah ich ihn an.

„Ich hätte dich nicht so überrumpeln sollen. Ich hätte ahnen können, was mit dir los ist, es gab ja genug Anzeichen. Es tut mir wirklich leid Tia!“

„Lauri, wenn du dich jetzt noch einmal entschuldigst…“ lachte ich drohend. Tatsächlich, ich hatte gerade gelacht! Okay, zumindest gelächelt. „Schatz, du hast mich nicht überrumpelt. Bei allem, was dich betrifft, bin ich mir hundert prozentig sicher. Wenn ich eins genau weiß, dann das.“

„Wieso bist du dir da so sicher? Versteh mich nicht falsch, aber… Ich will nichts Falsches machen…“

„Ganz einfach. Weil mein Magen jedes Mal kribbelt, wenn ich dich ansehe. Weil ich dir stundenlang in die Augen sehen kann und weiß, dass ich zu Hause bin. Weil ich jedes Mal Gänsehaut bekomme, wenn du mich berührst. Weil es der Himmel auf Erden ist, wenn du mich küsst. Weil ich kaum noch schlafen kann, wenn du nicht bei mir bist. Weil ich dir völlig vertraue, weil ich dich schon vermisse, wenn du nur mal für fünf Minuten in einem anderen Raum bist als ich. Weil ich dich am liebsten überhaupt nicht mehr loslassen möchte. Weil ich das Leben genieße, seit du da bist. Weil du aus mir einen anderen Menschen machst und weil ich weiß, dass es noch viel zu tun gibt und ich dich dafür brauche. Und ganz einfach, weil ich dich liebe. Ich glaube, das sind genug Gründe, um sicher zu sein, oder?“

Dieses Lächeln in Lauris Gesicht, dieses Strahlen in seinen Augen. Ich wusste, ich hatte die richtigen Worte gewählt.

„Ein schöneres Liebesgeständnis kann man sich eigentlich nicht wünschen… Ach Tia, wär ich dir doch nur schon ein paar Jahre früher begegnet!“

Strahlend drückte er mich noch mal ganz fest und küsste mich unendlich zärtlich auf den Mund. „Ich liebe dich auch, wahrscheinlich noch mehr, als ich es selbst gerade glaube.“ Ich sah kleine Tränen in Lauris Augen, die sich mit meinen vermischten, als wir uns wieder in die Arme schlossen.

Ein paar Minuten verharrten wir in dieser Umarmung, ließen den Regen auf uns niederprasseln und genossen es einfach nur, füreinander da zu sein. Ich fühlte mich so unendlich erleichtert, endlich alles losgeworden zu sein, mir meine Vergangenheit von der Seele geredet zu haben und Lauri endlich alles von mir erzählt zu haben. Schließlich stand Lauri auf und zog auch mich hoch.

„Lass uns nach Hause gehen, okay?“

Ich nickte, obwohl ich auch noch Stunden so hätte verbringen können. Einfach nur mit Lauri da sitzen, was gab es Schöneres? Ich war schon längst zu Hause…

„Moment, eins noch Tia… Versprich mir bitte noch eins.“

„Alles was du willst!“

„Nein, ernsthaft Honey. Versprich mir bitte, dass du mich sofort stoppst wenn ich irgendwas tue, was du nicht willst, okay? Versprich mir bitte, dass du sofort mit mir redest, wenn irgendwas nicht stimmt. Dann schaffen wir das, versprochen? Wir haben alle Zeit der Welt! Du brauchst keinen Regen, um deine Schmerzen wegzuwaschen, solang ich für dich da bin. Und das werde ich sein, von heute an für immer, das schwör ich dir!“

Wieder Tränen in meinen Augen. Lauri war wirklich das Beste, was mir passieren konnte. So viel Verständnis hatte ich mir noch nicht mal in meinen Träumen errechnet.

„Versprochen“ brachte ich gerade noch raus, schluckte dann aber den Kloß in meinem Hals runter und küsste ihn. Don’t you worry bout the rainy days… Das hatte Lauri gerade gemeint und anscheinend sollte dies ein weiterer Grundstein unserer Beziehung werden. „Lass uns gehen.“

Zu Hause war schon alles still, Aki, Eero und Pauli schienen schon zu Bett gegangen zu sein. Schnell holte Lauri noch den Verbandskasten und kümmerte sich um die Schnitte an meinen Händen.

„Ist gar nicht so schlimm, wird bald verheilt sein! Jetzt ab ins Bett mit dir!“ Müde ließ ich mich von ihm nach oben führen und schmiss die nassen Klamotten in die Ecke und krabbelte sofort unter mein Plümmo. Dieser Abend war so anstrengend gewesen wie eine Woche kopieren im Büro. Sofort als ich Lauri neben mir spürte, schlief ich ein.

LXI.

Die nächsten Wochen vergingen wie im Flug.

Der Alltag kehrte wieder ein, das heißt, ich fuhr jeden Morgen zur Uni oder zur Arbeit, je nachdem wie ich eingesetzt wurde. Währenddessen bastelten The Rasmus an ihrem Album. Obwohl es anfangs – zumindest für mich – so aussah, als könnte das Album innerhalb von zwei Wochen fertiggestellt werden, zog sich die Arbeit doch hin. Sobald ich nach Hause kam, gesellte ich mich zu den Jungs ins Studio und beobachtete sie bei der Arbeit. Mittlerweile waren mehr als 20 Songs aufgenommen und einige sollten noch folgen. ‚Why’, ‚Over you’ und ‘Somewhere somehow’ standen schon fest, mindestens 10 weitere Songs mussten ausgewählt werden. Die Auswahl war schwierig, da nicht nur die vier verschiedenen Meinungen von The Rasmus, sondern auch die der Plattenfirma und des Produzenten zählten. Inoffiziell bestimmten natürlich die Jungs, wo es langging und so schafften sie es geschickt, dem Fritzen von der Plattenfirma die Worte so in den Mund zu legen, dass ihr Wille durchgesetzt wurde. Zu meiner Freude legten Aki, Eero, Pauli und natürlich Lauri auch auf meine Meinung wert, sowohl bei den Aufnahmen, als auch bei der späteren Auswahl. Ich sog alles in mich auf, lernte mit dem Mischpult umzugehen und hatte mir sogar von Pauli einige Griffe auf der Gitarre beibringen lassen. Wer weiß, wozu das mal gut sein konnte. Die Zeit war stressig, ja. Aber die schönste meines Lebens!

Der Trouble mit der Presse hatte auch schnell nachgelassen. Zwar hatten die Reporter leichtes Spiel mit den Klatschtanten vom Dienst, da sich in meinem Dorf schnell rumgesprochen hatte, was für komische Typen jetzt bei mir wohnten, jedoch gab es nichts Spektakuläres über mich zu berichten und so legte sich das Interesse schnell wieder. Mein Verhältnis zu Chris war wieder wie zu Anfang, er hatte sich noch einmal ausführlich entschuldigt und wir hatten uns ausgesprochen. Ich sah ihm auch weiterhin über die Schulter und durfte ihn wieder manchmal vertreten, wenn zum Beispiel die Bravo für eine Home Story vorbeikam oder MTV vorbeischaute. Patrice und Markus schauten sogar relativ häufig vorbei, seit dem Terremoto letztes Jahr waren sie mit den Jungs befreundet. Die beiden mischten unser Trüppchen jedes Mal tüchtig auf, wenn sie da waren.

Tja, und zwischen Lauri und mir? Da war alles perfekt. Nach jener Nacht waren wir noch enger zusammengewachsen. Hatten in vielen Gesprächen alles aufgearbeitet und konnten nun völlig unbeschwert miteinander umgehen. Wir genossen jede freie Minute, die wir miteinander verbringen durften und kosteten jede Kleinigkeit aus. Ein Leben ohne Lauri? Unvorstellbar. Auch die Angst vor der Zukunft nahm uns nicht mehr in Beschlag, stattdessen freuten wir uns regelrecht. Wir wussten, dass es nicht einfach werden würde, aber wir vertrauten auf die Stärke unserer Beziehung. Jeden Tag entdeckten wir neue Dinge am anderen, die uns vorher nicht aufgefallen waren. Lauris Macke, sich ständig am Ohr zu zubbeln, wenn er nachdachte, oder dieser Tick, noch während dem Kochen alles weg zu spülen. Er zog mich auf wegen meinem Schuhtick (als ob es so unnormal war, sie vor dem Anziehen zu putzen!) und liebte es, mich mit seinen finnischen Sprüchen auf die Palme zu bringen. Lauris Zimmer war mittlerweile zum Dark Room mutiert, da er mit in meine Etage gezogen war. Dark Room deshalb, weil wir dort alles abstellen, was uns im Weg war und nur noch ein ‚Betreten auf eigene Gefahr’ Schild fehlte.

Heute mussten The Rasmus für die Aufzeichnung einer TV Show nach München fliegen. Natürlich wäre ich gerne mitgeflogen, aber leider stand mir morgen eine wichtige Klausur bevor. Von dem Termin wussten wir schon eine ganze Weile und anfangs hatte ich mit Schrecken daran gedacht, Lauri loszulassen, doch jetzt sahen wir es beide als kleinen Test. Außerdem redeten wir hier von 1 ½ Tagen, kein Grund Frust zu schieben.

Der Wecker hatte uns pünktlich um acht aus den Federn geklingelt. Während die Jungs ihre Sachen zusammenpackten, kümmerte ich mich ums Frühstück. Die Stimmung war gedrückt. Lauri und ich mampften schweigend unsere Brötchen und auch die anderen trauten sich nicht, großartig Konversation zu betreiben. Die ersten Tage nach jener Nacht hatten sie mich wie ein rohes Ei behandelt, bis ich ihnen schließlich versichert hatte, dass alles in Ordnung war. Ich hatte ihnen nicht erzählt, weshalb ich durchgedreht war, das ging nur Lauri etwas an. Nach einer Weile legte sich ihre Vorsicht zum Glück wieder als sie sahen, wie glücklich Lauri und ich nun waren. Trotzdem wussten sie, wie schwierig der Abschied werden würde und hielten sich deshalb zurück. Punkt zehn Uhr stand Chris vor der Tür, um The Rasmus abzuholen.

„Okay, ich wird dann mal…“ flüsterte Lauri, als es Zeit war, sich zu verabschieden. Traurig sah er mich an.
„Hey, guck doch nicht so… Ist doch nur bis morgen Abend!“ versuchte ich ihn zu trösten, obwohl mir selber flau im Magen war. „Und außerdem fahren wir in drei Wochen in Urlaub, heitert dich das nicht auf?“
„Ja, hast ja Recht, aber es ist unser erstes Mal seit…“
„Ich vermiss dich jetzt schon“ unterbrach ich Lauri und küsste ihn sanft.
„Ich dich auch.“ Wir sahen uns weiter tief in die Augen, mussten dann aber beide auf einmal herzlich lachen.
„Himmel wie kitschig!“
„Jepp, wie in so nem Groschenroman!“

„Lauriiii!! Komm in die Hufe!!“ schallte es ungeduldig von draußen.

„Oh oh… Ich glaub du solltest mal langsam…“
“Besser wär’s. Okay, bis morgen Süße!“
„Bis morgen…“
Ein kurzer, zärtlicher Kuss, dann packte Lauri seufzend seinen Rucksack und ging nach draußen.
„Ich liebe dich“ rief ich ihm leise nach und warf ihm noch eine Kusshand zu.
„Ich dich auch“ flüsterte Lauri happy zurück.
Ich blieb noch kurz in der Tür stehen und sah dem Van hinterher. Kurz bevor er abbog, schossen vier Hände nach draußen und winkten wie verrückt. Lachend winkte ich zurück, dann waren sie weg und ich wieder allein…

Etwas nachdenklich ging ich wieder ins Haus und machte mich daran, das Chaos zu beseitigen. Unglaublich, nur fünf Minuten in einem Raum und schon schafften es The Rasmus, ihn komplett auf den Kopf zu stellen! Nachdem alles erledigt war, suchte ich meine Unisachen zusammen, breitete sie auf meinem Bett aus und begann zu lernen. Nach ein paar Minuten allerdings fiel mir auf, dass ich anstatt der eigentlich geplanten Textzusammenfassung nur wirres Zeug gekritzelt hatte, was keinen Sinn ergab. Kein Wunder, schließlich hatte ich die letzten Wochen alles andere außer deutscher Außenpolitik im Sinn! Es erschien mir so unwichtig… aber morgen in der Klausur würde ich keine Ausreden erfinden können. Ärgerlich riss ich das Blatt aus meinem Block und machte mich von neuem an die Arbeit. Vielleicht eine halbe Seite lang schaffte ich es, meine Konzentration zu behalten, doch dann…

…blätterte ich auf eine neue Seite und schrieb auf, was mir wirklich durch den Kopf ging.

Have you ever thought how just one single moment can change your life?
Just one thought, one mistake, one touch
I still believe I died
The night we met you killed me

Ich bemerkte nicht, wie mir Tränen über die Wange liefen, so sehr nahmen mich die Worte, die ich schrieb, in Beschlag.

Been sixteen, young and innocent
The good girl from next door
Protected from all the evil in this foolish world
It was you, yeah you
Who opened up my eyes
Who took away my innocence
And rammed a knife into my cold, broken heart.

Mein Stift flog über das Papier, jedes Wort löschte ein weiteres Bild jener schrecklichen Nacht aus meinem Gedächtnis.

Lying here, staring at myself, watching my life fade away
It hurts, o yes it hurts so bad
These wounds will never ever heal
I’m waiting for the light to come
Waiting for the pain to pass me by
Waiting for the end

I see myself lying on the ground
Bleeding, crying, screaming
Is that what you had in mind?
Kill me, come on and kill me
Don’t stop and leave me slowly dying

Neue Bilder tauchten vor meinem Auge auf, Lauri lächelt mich an mit seinen warmen, vertrauenserweckenden Augen, Bilder von unseren diversen Kissenschlachten, die Parties mit den Jungs, Momente, in denen wir einfach nur dagesessen und unsere Gesellschaft genossen hatten.

Have you ever thought how just one single moment can change your life?
Just one word, one touch, a shy smile
I still believe I died again
The night you took away my fear

Seems like destiny is on my side
Or why were our paths meant to cross?
You showed me the beauty of life
Taught me how to laugh
You caught me when I fell
Brought me back on my feet again
If it wasn’t for you I’d still be crying
Looking for a place to hide, to surrender my hate
It was you, yeah you
Who opened up my eyes
And led me out of the dark

Now the final moment has come
I’m gonna close this book of tears
Destroy the chaines around my soul
Fear, Hate, Anger, Desperation
Will never ever take over me again
The rain is gone
Gone forever since I know you are by my side
I’m alive and finally living

Nachdem ich das letzte Wort geschrieben hatte, atmete ich tief durch. Genau wie es Lauri geholfen hatte, fühlte auch ich mich unglaublich erleichtert, meine Gefühle niedergeschrieben zu haben. Ich bemerkte die bereits getrockneten Tränen und wischte sie glücklich weg. Dann stand ich entschlossen auf und ging nach draußen auf den Balkon. Die Sonne schien, der Himmel war strahlend blau. Ein guter Tag, um sich von seiner Vergangenheit zu verabschieden. Ich zündete mir eine Zigarette an und während ich rauchte, las ich noch einmal langsam, was ich geschrieben hatte. Leise flüsterte ich den Text vor mich hin und ließ die Worte ein letztes Mal auf mich wirken. Dann hielt ich langsam meine Zigarette an ein Ende des Blattes und beobachtete die Glut, die sich gemächlich in das Papier fraß, sich ihren Weg bahnte, bis es sich entzündete. Schnell breiteten sich die Flammen aus, kleine schwarze Fetzen flogen davon, wirbelten im Wind, bis sie völlig verschwanden. Erst im letzten Moment ließ ich das Blatt los und sah den letzten Übrigbleibseln meiner Vergangenheit hinterher.

Das war’s, dachte ich. Ich schloss die Augen, breitete die Arme aus und reckte mein Gesicht zum Himmel. Frei, ich war frei! Ja, dieses kleine Wort beschrieb es am genauesten. Frei für ein neues Leben, frei für eine wirkliche Beziehung mit Lauri, mit allem, was dazu gehörte. Frei für eine neue Zukunft. Ich fühlte mich unglaublich stark, erleichtert, selbstbewusst….und einfach nur frei.

Immer noch lächelnd ging ich wieder nach drinnen. In diesem Moment piepste mein Handy. Eine SMS von Lauri: ‚Hallo Süße, sind gut angekommen! Melde mich später. Vermiss dich jetzt schon! ILD, Lauri’.

„Ich bin auch angekommen!“ flüsterte ich leise. Ja, das war ich. Ich war zu Hause, Lauri war mein zu Hause. Don’t you worry bout the rainy days… Wie Recht Lauri damit gehabt hatte…Ich versprach Lauri im Stillen, mich daran zu halten. Nie wieder würde mich jemand so sehr verletzen können, nicht solange Lauri an meiner Seite war. Das Schicksal hatte uns zusammengeführt und ich schwor mir selbst alles dafür zu tun, dass sich daran nichts mehr ändern würde. Nichts und niemand würde sich uns in den Weg stellen können, geschweige denn, uns auseinanderbringen können. Heute war der 27. August, der Tag, an dem ich mein neues Leben begann…

~~~ The End ~~~